Kommentar über den Brückeneinsturz

Genua ist überall

Es ist höchste Zeit, dass die Wachstums-Ideologie an ihre Grenzen stößt. Der Mensch hat die Natur nicht in der Hand, er hängt von ihr ab, schreibt Italien-Korrespondent Julius Müller-Meiningen.
15.08.2018, 20:23
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Von Julius Müller-Meiningen
Genua ist überall

Natürlich handelt es sich beim Einsturz der Morandi-Brücke um menschliches Versagen, meint Julius Müller-Meiningen.

Zheng Huansong/XinHua/dpa

Es mag Zufall sein, dass ausgerechnet das schroffe Genua immer häufiger im Zuge von Unglücksfällen in die Nachrichten kommt. Was die Überschwemmungen und den Brückeneinsturz angeht, gibt es eindeutige Parallelen. Genua ist aufgrund seiner Lage eine empfindliche Stadt. Die steile, unwegsame Küste Liguriens ist ein Hindernis für massenhaften Verkehr.

Natürlich handelt es sich beim Einsturz der Morandi-Brücke um menschliches Versagen. Einerseits ist mangelnde Instandhaltung der Grund. Andererseits erinnert er aber auch ans rechte Maß. Lange Zeit schienen dem Wachstum keine Grenzen gesetzt, Volkswirtschaften fußen auf der Illusion des unendlichen Wachstums.

Durch die Errungenschaften von Ingenieurskunst sind fast alle Pläne realisierbar. Genua wurde immer größer, es wurde an Stellen gebaut, an denen man es besser nicht getan hätte. Darin sind sich die Fachleute einig angesichts der sintflutartigen Überschwemmungen, die die Region seit Jahren regelmäßig heimsuchen.

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Springfluten werden durch Bauten an falschen Orten befördert, das Wasser kann nicht mehr natürlich abfließen, sondern sammelt sich zu tödlichen Sturzfluten. Ebenso verhält es sich mit dem Verkehr. Wenn sich das Fahrzeugaufkommen auf der Morandi-Brücke in den vergangenen dreißig Jahren vervierfacht hat, stimmt etwas nicht. Wer meint, dass es genügt, immer stabilere Brücken zu bauen und in Stand zu halten, blickt zu kurz. Es ist der Verkehr, der überhandgenommen hat. 60 von 100 Italienern besitzen ein Auto, das ist EU-Rekord. Dieser Überfluss hat seinen Preis.

Es ist höchste Zeit, dass die Wachstums-Ideologie an ihre Grenzen stößt. Der Mensch hat die Natur nicht in der Hand, er hängt in Wahrheit von ihr ab. Nachhaltiges Bauen, alternative Verkehrskonzepte, Reduktion anstatt blindem Wachstum, das sind die Gebote der Stunde. Genua ist ein Fanal. Genua ist überall.

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