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Geiseldrama von Gladbeck
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Der Mann im Taxi

Jürgen Hinrichs 11.08.2018 0 Kommentare

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen mit den Geiseln in dem in Bremen gekaperten Linienbus.
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen mit den Geiseln in dem in Bremen gekaperten Linienbus. (dpa)

Manfred Protze holt in seinem Wohnzimmer ein Heft hervor, schlägt es auf und liest vor: „Die Presse lässt sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei. Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“

So steht es in den publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserats, dem Protze angehört. Er war beteiligt, als dieser Passus eingefügt wurde, so wie er dabei war, als das passierte, was den Presserat zu der Klarstellung veranlasst hatte. Protze war der Mann im Taxi. Er fuhr den Gladbecker Geiselgangstern hinterher, am Steuer sein Chauffeur. Das Taxi wurde beschossen, sie haben Glück gehabt.

34 Jahre lang hat Protze für die Deutsche Presseagentur (dpa) gearbeitet und war als Korrespondent für die Region von Oldenburg bis zur niederländischen Grenze zuständig. Seit 10 Jahren ist er im Ruhestand. Dieser eine Tag in seinem Berufsleben hat sich ihm eingebrannt, schon deshalb, weil er so oft danach gefragt wird. Zuletzt in der Talkshow von Sandra Maischberger: das Gladbecker Geiseldrama, 30 Jahre her.

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Protze erinnert sich. Ein ganz normaler Arbeitstag, der ganz normal zu Ende geht, Feierabend. „Ich hatte zwar mitbekommen, dass in Bremen etwas im Gange ist, aber das musste mich beruflich nicht interessieren.“ Bei dpa gibt es klare territoriale Zuständigkeiten. Weil ­Bremen nicht sein Sprengel ist, muss Protze sich nicht rühren. Später am Abend verändert sich das.

Ein Anruf aus der Zentrale in Hannover. „Du bist dran“, sagt der Diensthabende, „der Bus aus Bremen ist auf dem Weg nach Holland.“ Von diesem Moment an ist der Korrespondent wieder im Dienst, das gehört zu seinem Job dazu, allzeit bereit. Er ist lange genug dabei, um gute Kontakte zur Polizei zu haben. Dieses Mal hilft ihm das aber nicht, die Beamten schweigen eisern, sie dürfen nichts sagen, da kann er anrufen, wen er will.


Manfred Protze war Korrespondent der Deutschen Presseagentur (dpa) und hat von Oldenburg aus berichtet. Der 72-Jährige sitzt im Deutschen Presserat.
Manfred Protze war Korrespondent der Deutschen Presseagentur (dpa) und hat von Oldenburg aus berichtet. Der 72-Jährige sitzt im Deutschen Presserat. (Annika Ucke)

„Dann hat man natürlich ein Problem, als Agentur müssen wir in so einer Lage aktuell berichten, das erwarten unsere Kunden.“ Protze denkt jetzt über das nach, was er die „Quellen zweiter Wahl“ nennt. Irgendjemand am Ort des Geschehens, der ihm etwas berichten kann. Doch wie soll das gehen bei einem fahrenden Bus auf der Autobahn? Also die nächste und letzte Alternative: selbst rausfahren und beobachten.

"Damit war klar, dass wir ihn haben"

In der Taxizentrale, die er anruft, um einen Wagen zu bekommen, werden keine Bedenken laut, als der Journalist offen erzählt, um was für eine Fahrt es sich handelt. „Mein Ziel war die Raststätte Dammer Berge, dort wollte ich warten, bis der Bus vorbeifährt.“ Doch es kommt anders. In der Abenddämmerung sehen sie plötzlich einen Bus vor sich, er ist innen beleuchtet und trägt ein Bremer Kennzeichen. „Damit war klar, dass wir ihn haben“, erzählt Protze.

Er sagt seinem Fahrer, dass er sich hinter dem Bus einordnen soll. Sie sind irgendwann die einzigen, kein anderes Auto mehr auf der Straße, die Polizei hat abgesperrt. Nach knapp zwei Stunden hält der Bus und bleibt auf der linken Fahrspur stehen. Das Taxi hält auch, auf der rechten Spur, in einer Entfernung von 40 bis 50 Metern, schätzt Protze.

Stille und Finsternis, es ist stockdunkel geworden. „Plötzlich blitzte und knallte es, beim zweiten Mal habe ich begriffen, dass das Schüsse sind.“ Der Journalist duckt sich im Auto und zieht den Fahrer mit runter. Dann knallt es noch einmal, bis Ruhe ist und der Bus weiterfährt. Später wird die Polizei feststellen, dass die Kugeln in den Motorblock eingeschlagen sind, ein Geschoss ist vom Rand der Windschutzscheibe abgeprallt.

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Der Bus fährt weiter, und sie fahren hinterher.  „In der Rückbetrachtung kann ich mir das nur so erklären, dass der Fahrer und ich unseren Stress bewältigt haben, indem wir zur Routine zurückgekehrt sind.“ Barer Unsinn, sagt Protze, ihm Jagdfieber und Sensationshatz zu unterstellen. „So etwas liegt mir völlig fern.“

An der Grenze zu den Niederlanden endet seine Zuständigkeit. Auf einer Raststätte gibt er am Telefon einen ersten Bericht über die Ereignisse durch. Dann setzt er sich ins Taxi und lässt sich zurück nach Oldenburg bringen. „Der Fahrer war ganz ruhig, fast stoisch. Können wir machen, sagte er nur, als ich ihn fragte, ob er sich die Tour zutraut.“ Sie reden kein Wort während der Fahrt, jeder hat mit sich selbst zu tun.

Weit nach Mitternacht kommt Protze nach Hause, hockt sich hin und schreibt seinen Korrespondentenbericht, eine Langfassung dessen, was er vorher telefonisch durchgegeben hat. „Ich war nicht in der Stimmung zu schlafen, zu viel Adrenalin.“ Heute sieht er es so: „Ich habe mich in die Routine gerettet.“ Später, als er diesen Ausweg nicht mehr hat, kommen schlimme Stunden. „Klar habe ich mich gefragt, was alles hätte passieren können.“


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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