Fahrbericht VW Arteon Shooting Brake

Der Plus-Passat

Mit den VW-Flaggschiffen hat die Kundschaft ja immer gefremdelt. So ging es auch dem Arteon - zumindest der Limousine. Als Shooting Brake mit stylishem Kombiheck kommt er neuerdings ziemlich dynamisch ums Eck.
13.03.2021, 06:00
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Der Plus-Passat
Von Oliver Matiszick
Der Plus-Passat
Momen Mostafa

An der Spitze soll es ja einsam sein. In gewisser Weise gilt das auch für die Spitze der VW-Modellpalette: Die Flaggschiffe aus Wolfsburg fristen zumeist ein Dasein in der Nische. Damit sich das beim Arteon ändert, wurde der Limousine jüngst der Shooting Brake mit langem Heck zur Seite gestellt. Der ist ein ziemlich gelassener Typ – eben das, was der ernsthafte Passat Variant nie sein durfte.

Das Streben nach höheren Zielen, es scheint ja in uns Menschen verankert zu sein. Nehmen wir als Beispiel nur mal die Menschen von Volkswagen. Dort in Wolfsburg könnten sie sich getrost darauf ausruhen, dass sie mit massenkompatiblen Fahrzeugen wie Polo, Golf und Passat über die Jahre zu beachtlichem Ruhm gekommen sind. Allzu viele andere Konzerne am Mittellandkanal, die weltweit zur Spitze des Automobilbaus zählen, fallen uns jedenfalls spontan nicht ein. So um die Jahrtausendwende aber reichte VW das nicht mehr. Es sollte auch mehr Wagen als Volk her – das Ergebnis war 2001 der gleichermaßen große wie glücklose Phaeton. Seine Rolle, die des Flaggschiffs, liegt in der Gegenwart beim Arteon. Schauen wir doch mal, wie er die VW-Suche nach dem großen Glück meistert.

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Was Mercedes beim CLS konnte, kann VW beim Arteon auch: Man nehme eine viertürige Coupé-Limousine, erweitere sie um ein Kombiheck, fertig ist der dynamische Shooting Brake.

Foto: Momen Mostafa

2017 ist er an die Startlinie getreten, beladen mit dem Makel, eine viertürige Limousine zu sein. Wer eine derartige und dazu noch einen der Preisklasse angemessenen Status sucht, der landet bei Mercedes E-Klasse, BMW 5er oder Audi A6. Aber nicht bei einem vergrößerten Passat, dessen Design per abgeflachter Dachlinie nachgeschärft wurde. Im vergangenen Jahr reagierte VW darauf – und erweiterte die Baureihe um eine Variante, die dazu taugt, nun auch mal eine Augenbraue anerkennend in die Höhe wandern zu lassen. Vorhang auf für den Arteon Shooting Brake, kurz SB.

Shooting Brake? Das ist die Nische in der Nische

Das Prinzip ist zugegebenermaßen nicht neu und in Sachen Namensgebung bis heute nicht wirklich schlüssig. Mercedes hat es einst mit dem CLS Shooting Brake etabliert, es bedient sich der englischen Bezeichnung eines Jagdwagens, von dessen Plattform am Heck aus der Landadel mit Langwaffen einst auf argloses Wald- und Wiesen­getier ballerte. Aber: Da Shooting Brake gut klingt, steht der Begriff nun für die um ein Kombiheck verlängerte Variante einer Coupé-Limousine. Es lebe die Nische in der Nische.

Doch darin wurde der Arteon SB ziemlich routiniert eingeparkt. Denn mit ihm, 4,87 Meter lang, hat VW ein Auto auf die Räder gestellt, wie man es sich vom zehn Zentimeter kürzeren Passat Variant immer gewünscht hätte. Der transportiert bei hohem Nutzwert zwar seit Jahrzehnten verlässlich Familien und mehr noch Außendienstler, verfährt sich aber im Wörterbuch heillos auf der Suche nach einem Begriff wie Lifestyle.

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Markante Front: Die Haube des großen VW ist tief heruntergezogen, der Grill mit seinen durchgängigen Chromleisten und dem zentralen LED-Band schafft optische Breite.

Foto: Momen Mostafa

Den soll nun der Arteon SB bedienen, deutlich cooler und dynamischer gestaltet als der Genspender Passat. Die mächtige Front mit der nach vorn abfallenden Motorhaube und den breiten Chromstreben ist von der Limousine bekannt, doch ab Karosseriemitte wird alles anders. In Richtung Heck stehen seitlich ausgeformte Schultern, oben ein bündig abschließender Dachspoiler in der Gegend rum. Die Grafik der LED-Rückleuchten lässt die Sache nicht weniger kraftvoll erscheinen. Hier haben die VW-Designer, in der jüngeren Vergangenheit bei vielen Modellwechseln eher keusch am Werk, mal richtig einen rausgehauen. Oder raushauen dürfen.

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Damit lässt sich der Arteon sehen: Die Grafik der Rückleuchten setzt sich vom Rest der VW-Verwandtschaft ab.

Foto: Momen Mostafa

Doch wir wissen: Die schicke Schale taugt nichts, wenn die inneren Werte nicht korrespondieren. In diesem Fall übernimmt der Zweiliter-TDI mit 147 kW/200 PS den Herzschlag: ein grundguter und sparsamer Vierzylinder (Testverbrauch: 6,8 Liter/100 Kilometer).

1000 Kilometer Reichweite? Schafft der Arteon mit dem TDI

Der Diesel sorgt zwar für eine überragende Reichweite (im Idealfall über 1000 Kilometer), selten aber für eine erhöhte Pulsfrequenz. Denn das Zusammenwirken mit der Siebengang-Doppelkupplung ist zwar bewährt, doch wie schon öfter bei Fahrzeugen aus dem VW-Konzern bemerkt, gilt auch hier: Sinkt die Drehzahl – etwa beim langsamen Heranrollen vor dem Einbiegen auf eine Hauptstraße – in den Keller, gönnt sich der Motor beim Druck aufs Gaspedal erst einmal eine Pause. In diesen Momenten fühlt sich das kaum nach 200 PS Leistung an.

Aber die ist ja da. Davon zeugt spätestens die Anwahl des Sport-Modus, der die Drehzahl höher hält. Dann legt der Selbstzünder sehr viel beherzter los, wirkt aber zugleich auch nervöser. Und bei allen Segnungen der vorkonfigurierten Technik: Echtes Spaßpotenzial entwickelt die Motor-Getriebe-Kombination vor allem bei manuellen Eingriffen. Die Schaltpaddel am Lenkrad sind zwar sehr klein geraten, offenbaren aber das eigentliche Potenzial dieses Motors mit seinen 400 Nm Drehmoment.

Das Motto des 200-PS-Diesel: Reisen statt Rasen

Auffahrt auf die Autobahn, der lang gezogene Links-Rechtsbogen, klick, der Beschleunigungsstreifen, klick, rechte Spur, klick, klick, mittlere Spur, ein letztes Mal klick – und ziemlich bald zeigt der Digitaltacho 200 km/h an. Doch all das hat im Arteon SB nichts mit Rasen zu tun, sondern tatsächlich mit Reisen.

So halten es auch Dämpfer und Federn, die sich zwar per Knopfdruck auf sportlichen Ehrgeiz trimmen lassen, ihre Arbeit aber viel lieber und geschmeidiger im Modus „Comfort“ verrichten. Dazu passt, dass der Arteon SB, sobald die etwas raue Kaltlaufphase des Diesels überwunden ist, auch einen hohen akustischen Komfort bietet – die 580 Euro Aufpreis, die VW für das entsprechende Paket mit angepasster Verglasung aufruft, sind jedenfalls gut angelegt.

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Platz müssen sich die Passagiere auf Rückbank des Arteon nicht erst verschaffen. Er ist einfach da. Und davon reichlich.

Foto: Momen Mostafa

In die Kategorie Premium darf sich das Platzangebot einreihen. Auch wenn der Arteon SB den internen Konkurrenzkampf mit dem Passat Variant um so nüchterne Dinge wie Variabilität und maximales Stauvolumen gar nicht erst antreten sollte: Verzicht fordert er von niemandem. Der Laderaum ist schön groß, weist jedoch einen ordentlichen Absatz nach unten auf, über den Getränkekisten hinausgehievt werden wollen. Die 565 Liter Volumen in Normalstellung (Randnotiz: erstaunlicherweise nur zwei Liter mehr als bei der Limousine) reichen für den Alltag und auch mittellange Urlaubsreisen einer vierköpfigen Familie allemal.

Die ist unterwegs dann umgeben von solch hochwertigen Details wie den offenporigen Holzleisten, die das Cockpit umspannen.

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Offenporig für alles: Die Holzleisten im Cockpit des Arteon zeugen von Routine im Umgang mit hochwertigen Materialien. Ach ja, sie fassen sich auch verdammt gut an.

Foto: Momen Mostafa

Hach, Premium, so weit das Auge … Nein, leider reicht es dann doch nicht so weit. Sondern bleibt etwa am Head-up-Display hängen. Das ruft in Erinnerung, dass die Wurzeln des Arteon SB eben doch in der Mittelklasse liegen. Denn bei der Spiegelung der fahrrelevanten Anzeigen ins Blickfeld des Fahrers muss sich das VW-Flaggschiff mit der Lösung der kleineren Fahrzeugklassen begnügen: einer Plastikscheibe, die oben aus dem Armaturenträger aufklappt. Die 565 Euro Aufpreis dafür lassen sich getrost sparen – weil man das störende Teil schon nach kurzer Zeit ein für alle Mal wieder einfahren lässt.

Der viel kritisierte Schritt des Konzerns in das Zeitalter des digitalen Bedienkonzepts hat beim Arteon SB zwar noch nicht wie beim Golf 8 durchgeschlagen – aber bereits in Teilen. Hier gibt es zwar noch ein paar mehr Knöpfe im Cockpit, die eine genau definierte Funktion haben, doch die ist nicht immer nachvollziehbar.

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Auch das Bedienkonzept des Arteon ist deutlich digitaler geworden. Aber es gibt sie noch im Cockpit, richtige Tasten, Schalter und Knöpfe. Ein Nachteil ist das nicht.

Foto: Momen Mostafa

So blieb es uns bis Testende ein Rätsel, weshalb die Sitzheizung auch im tiefsten Winter nach jedem Neustart erst einmal munter als Sitzbelüftung arbeitete und dann entsprechend korrigiert werden wollte. Das aber wiederum nur auf der Fahrerseite – auf der Beifahrerseite wurde der Allerwerteste stets gewärmt statt gekühlt. Rätselhaft.

885 Euro Aufpreis zur Limousine – die sollte man sich gönnen

Immerhin: In der Zeit, die bis zur Neueinstellung verging, konnte das Navigationssystem schon mal in Ruhe hochfahren. Denn auch das gehört bei VW-Modellen neuerdings offenbar dazu: Das Infotainmentsystem hat nach dem Fahrzeugstart wenig Eile, auf Betriebstemperatur zu kommen.

Spricht das gegen den ­Arteon SB? Ach was. Auch deshalb nicht, weil VW so schlau war, den Aufpreis zur Limousine mit 885 Euro eher als Anerkennungssumme zu gestalten. Wer mit den Wolfsburgern tatsächlich nach Höherem streben will – der hat wenig Grund, es nicht mit dem Shooting Brake zu versuchen.

Weitere Informationen

ModellVW Arteon SB 2.0 TDI

Motor: R4-Diesel

Hubraum: 1968 ccm

Leistung: 147 kW/200 PS

Drehmoment: 400 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 233 km/h

Beschleunigung (0–100km/h): 7,9 s

Verbrauch (ø nach NEFZ): 4,6 l/100 km

CO2-Ausstoß (nach NEFZ): 122 g/km

Abgasnorm: Euro 6d

Kofferraumvolumen: 565 Liter

Testwagenpreis: 66.105 Euro

Basispreis: 51.810 Euro

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