Sturkopf und Charmebolzen Hans Joachim Kulenkampff würde am 27. April 90 Jahre alt

Deutschlands beliebtester Showmaster der 60-er, 70-er und 80-er wäre am 27. April 90 Jahre alt geworden. Eine Hommage an den "Kuli der Nation".
01.04.2011, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johann Ritter

Deutschlands beliebtester Showmaster der 60-er, 70-er und 80-er wäre am 27. April 90 Jahre alt geworden. Eine Hommage an den "Kuli der Nation".

Überziehen war seine Spezialität. Jeglichen Zeitrahmen zu sprengen, das war für Hans Joachim Kulenkampff ein sichtbares Zeichen der Unangepasstheit und der Eigenwilligkeit. Wer damals vor dem Fernseher saß, wird sich mit Genuss daran erinnern, wie am Ende von "EWG - Einer wird gewinnen" immer der Butler Martin Jente kam, um Kuli, wie ihn alle nannten, Schirm, Schal und Mantel zu bringen. Ein Freund und Gentleman trat ab, und die Zuschauer daheim waren wieder allein. Am 27. April würde der große Showmaster, Schauspieler, Entertainer und Conférencier, der 1998 starb, 90 Jahre alt. Einen wie ihn hat es seither nicht mehr gegeben.

Die Sehnsucht nach Fernsehpersönlichkeiten dieses Schlages ist ungebrochen groß. Und doch darf man sich berechtigterweise fragen, ob einer wie Kulenkampff heute noch in die TV-Landschaft passen würde. Der angekündigte Abschied von Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass ..?" führt das Dilemma dieser Tage vor Augen. Der Showmaster für die ganze Familie ist eine aussterbende Gattung. Weil er in Zeiten des Zielgruppenfernsehens im Grunde nicht mehr gebraucht wird. Beim ZDF wird man sich einen Gottschalk-Nachfolger schnitzen oder umdenken müssen. Beim großen Blonden mischt sich indes unübersehbar auch ein wenig Bitterkeit in den Abgang: Er fühlt sich vom Quotenkampf ermüdet und nicht mehr recht gewürdigt.

Würde "Kuli", der im August 1998 in seiner Salzburger Wahlheimat starb, noch leben, er würde sich in den Kollegen wahrscheinlich gut reinfühlen können. "Wenn uns die Leute nicht mehr sehen wollen, dann hören wir eben auf", maulte Deutschlands über Jahrzehnte beliebtester Entertainer, der angeblich schon dann schwächelte, wenn der Marktanteil mal nicht jenseits der 80 Prozent lag.

Vom Fernsehen konnte und wollte Kulenkampff trotzdem nicht lassen - beinahe bis zuletzt. Goethe und Tizian seien ja auch nicht in Rente geschickt worden, so argumentierte er, schon ziemlich betagt. Er selbst sah sich als seriöser Schauspieler, jede Theatertournee war ihm angeblich wichtiger als die Samstagabend-Unterhaltung in den großen Hallen. Und stets hielt er ein ernstes Wörtchen für die Kollegen bereit: "Überall Betrug und Selbstbetrug" witterte er, "sogar die Lacher kommen aus der Dose". Und: "Fernsehen ist Industrie geworden. Die meisten Unterhalter sind aalglatt. Kaum einer macht den Mund auf, keiner will anecken."

Der Willy-Brandt-Freund Kulenkampff war da anders. Der gebürtige Bremer legte sich schon mal mit "Bild" an und mit Kollegen. Eine Büchersendung bei RTL entpuppte sich ebenso als später Fehltritt wie ein verstaubtes zeitgeschichtliches Ratespiel bei der ARD, zu dem sich noch einmal ein paar Dritte Programme zusammenrauften. Doch all das konnte Kulis Ruhm nicht schmälern. Längst war er zu seiner eigenen Legende geworden.

16 Millionen Zuschauer hatte er bei "Einer wird gewinnen" schon in den 60er-Jahren. Mit "EWG" wurde er zum "Kuli der Nation". Von 1964 bis 1987 moderierte er mit Unterbrechungen das Format auf seine unnachahmliche Weise, mit dem Gentleman-Charme, der Schlagfertigkeit, die nie verletzte, der leichten Schnoddrigkeit und dem Schmelz in der Stimme. Nein, zur Fernsehlegende würde man damit heute wahrscheinlich nicht mehr. Er fehlt uns trotzdem.

Am Montag, 25. April, 19.15 Uhr, würdigt das Erste Hans Joachim Kulenkampff mit einem Beitrag aus der Porträtreihe "Legenden". Darüber hinaus erinnern die Dritten an den Geburtstag des Showmasters und Schauspielers:

Fr., 8. April, 21.15 Uhr, NDR: "Unsere Besten im Norden - Hans-Joachim Kulenkampff"

Mo., 18. April, 20.15 Uhr , MDR: "Kein Mann zum Heiraten" (Spielfilm Österreich 1959)

So., 24. April, 10.35 Uhr, SWR: "Immer die Radfahrer" (Spielfilm Deutschland / Österreich 1958)

So., 24. April, 20.15 Uhr, WDR: "Die 25 beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen"

Mo., 25. April, 00.15 Uhr, WDR: "Unser Kuli - Hans-Joachim Kulenkampff im Porträt"

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