Alles fit Hartmut Engler der Pur-Sänger über sein Leben, seine Karriere und die SAT.1-Doku-Reihe "Rock statt Rente" (ab Mittwoch, 4. August, 20.15 Uhr)

2011 wird Hartmut Engler 50. - Kein Alter, findet der bestens aufgelegte Sänger der Deutschrock-Band Pur, für die das Thema "Rock statt Rente" so allmählich Formen annimmt.
30.07.2010, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Frank Rauscher

2011 wird Hartmut Engler 50. - Kein Alter, findet der bestens aufgelegte Sänger der Deutschrock-Band Pur, für die das Thema "Rock statt Rente" so allmählich Formen annimmt.

Die beste Nachricht vorweg: Hartmut Engler (48) ist mit sich und seiner Welt wieder im Reinen. Der Pur-Sänger hat nach schwerer persönlicher Krise sein berufliches und privates Glück längst wiedergefunden, spricht im Interview gar lachend von einem "zweiten Frühling". Zeit also für neue Aufgaben: Pur schwitzen und rocken sich derzeit nicht nur durch eine große Sommer-Tour, Engler und die Band sind demnächst auch wieder häufiger im Fernsehen zu sehen. Bei SAT.1 mischen die Stars aus Bietigheim-Bissingen (Baden-Württemberg) in der Musik-Doku-Reihe "Rock statt Rente - Das Beste kommt zum Schluss", die am Mittwoch, 4. August, 20.15 Uhr startet, mit. Ein rüstiger Rentnerchor covert Rocksongs und wird am Ende, wenn alles gut geht und das Coaching Früchte trägt, mit Pur gemeinsam auf der Konzertbühne stehen.

teleschau: "Rock statt Rente" - klingt doch nach einer coolen Option fürs Alter!

Hartmut Engler: (lacht) Wenn die natürlichen Voraussetzungen gegeben sind und die geistige und körperliche Fitness stimmt, hat der Gedanke schon was.

teleschau: 2011 werden Sie 50. Kein Alter, oder?

Engler: Nein, nein! Aber als wir mit Mitte 20 richtig loslegten und darüber nachdachten, von nun an unser Leben als Band zu bestreiten, konnte sich keiner vorstellen, dass das alles wirklich mal so lange andauern würde. Popmusik ist ja nur was für jüngere Leute ...

teleschau: Mick Jagger wurde vor wenigen Tagen 67!

Engler: Unfassbar, oder? Genau das ist der Punkt: Die Rolling Stones sind immer noch da. Die erfolgreichsten Musiker sind die alten Haudegen. Alle, die nachkommen, haben ihre Zeit, aber auf lange Sicht setzen sich die gestandenen Künstler durch. Schauen wir auf den deutschen Markt: Hier geben Udo Jürgens, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, die Toten Hosen oder eben auch Pur den Ton an, weil es ihnen gelingt, im Publikum die Generationen zu vereinen. Irgendwann, so ab 40, haben wir geschnallt, dass wir uns beruflich nicht mehr groß umorientieren müssen, sondern wohl wirklich das Thema "Rock statt Rente" angehen können (lacht) ...

teleschau: Aber mal ehrlich: Zwickt's nicht schon hier und da? Gerade ist Pur wieder auf Sommer-Tour, so was strengt doch an!

Engler: Natürlich. Wie jeder Mensch merkte ich ab Mitte 30, dass die Partys langsam zu lang werden und die körperliche Anstrengung schon sehr groß ist. Aber man kann ja kürzertreten. Außerdem: Fast jeder in der Band mutierte zum Ausdauersportler ...

teleschau: Stimmt es, dass Sie jede Woche 50 Kilometer joggen?

Engler: Stimmt. Ich fühle mich mit meinen 48 Jahren auch deutlich fitter als mit Ende 30, als ich noch jede Party mitnahm.

teleschau: In Zahlen?

Engler: Im Moment wiege ich bei 1,83 Metern 83 Kilo - aber ich war schon immer ein schwererer Typ. Zu "Abenteuerland"-Zeiten, Mitte der 90-er, hatte ich über 100 Kilo drauf. Da habe ich heute natürlich ein anderes Körpergefühl. Auch wenn ich die rauschenden Feste einschränken muss.

teleschau: Ist der Verzicht auf Ausschweifung der Preis für die langjährige Karriere?

Engler: Nein, das ist kein Preis, sondern eine Lebensqualitätsverbesserung. Wenn man mal kapiert hat, dass man auf der Party gar nicht immer der Letzte sein muss, der heimgeht, wenn man das letzte Glas Bier am Schluss einfach stehen lässt, weil gerade dieses Glas zu viel sein könnte, hat man den entscheidenden Schritt getan.

teleschau: Jagger ist 67, Udo Jürgens wird im September 76 Jahre alt ... Gibt es für Sie eine Grenze, ein Alter, in dem Sie nicht mehr auf der Bühne stehen möchten?

Engler: Das ist nur eine Frage der Konstitution. Nein, ich habe mir keine Altersgrenze gesetzt, aber ich kann mir vorstellen, dass ich irgendwann etwas fauler werde. Ich hoffe nur, dass es nie peinlich wird, dass ich merke, wenn es Zeit ist, abzutreten.

teleschau: Was ist das Anstrengendste am Musiker-Dasein: die Bühne oder das viele Reisen?

Engler: Eindeutig der Job auf der Bühne. Wir spielten jetzt zweimal hintereinander in überfüllten Festzelten vor 4.000, 5.000 Fans. Da war es so unglaublich heiß. Vor den Zugaben zog ich mein Shirt aus, da kam fast literweise der Saft raus. Man muss unheimlich viel trinken bei so einer Show, sonst steht man das nicht durch. Ich war mal mit Pulsuhr auf der Bühne und kam in Bereiche, die ich beim Ausdauersport erst nach ein, zwei Stunden erreiche. Andererseits bekommt man auch den größtmöglichen Lohn. Man fühlt sich nach einem gelungenen Konzert unglaublich gut.

teleschau: Ist es das, was eine Band antreibt?

Engler: Das und der Zusammenhalt, das Gruppendynamische, Familiäre. Und natürlich der Erfolg. Man kann nicht immer auf so einem Niveau wie beim "Abenteuerland"-Hype arbeiten. Die Resonanz wurde danach immer ein bisschen weniger - und dann hat das 2009 erschienene Album "Wünsche" den Trend umgekehrt. Pur ist wieder angesagt. Es macht großen Spaß, auch weil wir wieder ein sehr junges Publikum haben. 18-Jährige knutschen auf dem Konzert neben 50-Jährigen, alle singen dieselben Liebeslieder. Im Ernst: Gerade erleben wir einen wunderbaren Sommer oder eher unseren zweiten Frühling. Hat auch damit zu tun, dass wir nicht nur große Konzerte spielen, sondern auch mal aufs Land rausfahren und all die schönen Gegenden kennenlernen.

teleschau: Dabei machen Sie auch vor Feuerwehrfesten nicht halt ...

Engler: Nein, gar nicht. Gerade so was tut gut und ist für die Erdung wichtig. Ich denke, Pur ist keine Band, der man unterstellen kann, in irgendeiner Form abgehoben zu sein.

teleschau: Für SAT.1 arbeiten Sie nun mit einem echten Rentnerchor zusammen. Auch da keine Berührungsängste?

Engler: Überhaupt nicht. Ich fand das von Anfang an sehr spannend.

teleschau: Was genau?

Engler: Wir leben in einer Zeit des Jugendkulturwahns: Alle wollen immer hübscher, fitter, durchtrainierter sein, nur nicht alt werden. Dabei ist es doch so, dass die Gesellschaft immer älter wird. Ich bin 1961 geboren und gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen. Nicht mehr lange, und wir, die etwas Älteren, werden die Mehrheit in der Gesellschaft stellen. Und was bietet uns das Unterhaltungsfernsehen an: Volksverdummung über Volksmusiksendungen! Ich finde es toll, wenn dem jüngeren Publikum gezeigt wird, was ältere Leute leisten können.

teleschau: Rock und Pop als Brücke zwischen 17- und 70-Jährigen?

Engler: Warum nicht. Auch in unseren Songs ist das Alter immer wieder Thema. "Wenn sie diesen Tango hört" erzählt von einer alleinstehenden alten Dame, "Herbst" beschreibt den Herbst des Lebens. Auf dem neuen Album haben wir das Lied "Frau Schneider", das von einer demenzkranken älteren Dame handelt ...

teleschau: Gegen die Sie angeblich beim Halma regelmäßig verloren.

Engler: Die Geschichte stimmt. Dabei bin ich in Halma nicht schlecht. Ich verbrachte einen Nachmittag auf der Demenzstation der Diakonie ... Auch mit Behinderten komme ich bei karitativen Projekten immer wieder zusammen. Mein Vater war selber dement, bevor er starb. Also Berührungsängste kenne ich wirklich nicht. Warum auch. Ich nehme alles an und lasse mich darauf ein, schreibe Songs darüber ...

teleschau: Das Älterwerden gehört eben zum Leben ...

Engler: Natürlich. Unser Hit "Ein graues Haar" hat die schöne Aussage, dass man noch lange nicht zum alten Eisen gehört, wenn man älter wird. Auch für uns als Band spielt die Elterngeneration eine große Rolle. Soweit unsere Eltern noch am Leben sind, sind Sie eng an Pur gebunden, oft bei Konzerten. Ich denke, die Macher der SAT.1-Sendung hatten diesen Hintergrund im Kopf, als sie fragten, ob ich mitmachen möchte.

teleschau: Und wie war's?

Engler: Einfach toll! Beim ersten Dreh in Berlin stieß ich auf Menschen mit einer unglaublichen Energie und Ausstrahlung, da war Sympathie im Raum, Begeisterung, die ansteckt ... - Aus solchen Begegnungen kann ich eine Menge ziehen. Ich bin kein Fernsehprofi, mir waren nur zwei Dinge wichtig: Das Format hat nichts mit dem Leistungsprinzip zu tun, es ist keine Castingsendung. Und es wird niemand der Lächerlichkeit preisgegeben. Am Ende des Drehs sagte ich mir: Wow, das war eine richtige Entscheidung. Wenn schon Fernsehen, dann so. Ich freue mich schon, wenn wir am 13. August den Chor beim Konzert in Rathenow in Berlin mit auf der Bühne haben.

teleschau: Aber es befremdet auch, wenn man Rentner AC/DC-Songs singen hört ...

Engler: Warum denn? "Highway to Hell' ist ein Klassiker - und AC/DC sind auch nicht mehr die Jüngsten. Aber das Repertoire ist sehr breit - der Chor singt auch so etwas wie "Abenteuerland" oder unsere Ballade "Wenn sie diesen Tango hört". Ein sehr trauriges Stück, bei dem alle feuchte Augen bekamen.

teleschau: Erinnern Sie sich noch daran, wie Ihre Eltern reagierten, als Sie sich einst für die Bühnenkarriere entschieden?

Engler: Ich hatte insofern Glück, als dass mein großer Bruder schon hobbymäßig Rockmusik machte und meine Schwester einen Profimusiker heiratete. Aber als ich das Studium wegen des ersten Plattenvertrages abbrach, hielt sich die Begeisterung natürlich in Grenzen. Eine schwierige Zeit - aber später war der Stolz umso größer.

teleschau: Wie sah er genau aus, Ihr Traum vom Rockstarleben?

Engler: Es gab ihn nicht. Keiner von uns hat gesagt, dass er Rockstar werden will. Sondern wir wollten ein paar Jahre lang unsere Alternative Pur leben. Wenigstens auf niedrigem Niveau ... - An mehr dachte man als Mitglied einer Deutschrockband Mitte der 80-er nicht, außer BAP gab's ja nichts. Wenn's nicht klappt, so dachten wir, dann studieren wir alle einfach fertig und werden Lehrer.

teleschau: Auch wenn Sie als Jugendlicher nicht vom Rockstarleben träumten - fühlt es sich heute an wie ein Traum, das Leben mit Pur?

Engler: Absolut. Ein Traum, eine großartige Zeit. Wenn ich aber rückblickend eines korrigieren dürfte, dann würde ich den "Abenteuerland"-Erfolg gerne fünf Jahre nach hinten verschieben. Vielleicht waren wir noch nicht optimal auf diesen ganzen Hype vorbereitet.

teleschau: Ein Hype ist also nicht nur etwas Gutes?

Engler: Doch. Man muss sich danach nur brutal schnell umorientieren: Auf einmal geht es nicht mehr höher, schneller weiter ... Sondern man braucht neue Ziele, muss sein Leben umstellen, das normale Leben wieder lernen. Und dafür braucht man wohl mehr Erfahrung, als ich sie damals hatte. Dennoch bin ich froh, dass wir das alles halbwegs hingekriegt haben.

teleschau: Sie hatten zwei Trennungen und eine schwere persönliche Krise mit Alkoholabstürzen und einer Depression zu verkraften. Welche Lehre zogen Sie für sich aus dieser Zeit?

Engler: Beruflicher Erfolg macht einen nicht unbesiegbar. Man muss sich im Leben einschätzen lernen und darf gerade die Psyche und die Seele nicht vernachlässigen. Man darf sich nicht fremdsteuern lassen und muss einfach ein bisschen auf sich aufpassen, dass man sich nicht in so einen negativen Strudel hineinreißen lässt.

teleschau: Sind Sie heute wieder glücklich?

Engler: Gerade jetzt im Sommer bin ich schon sehr, sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich genieße diese extrem gute Phase, fühle mich ruhig und mit mir im Reinen. Aber ich gebe mich nicht dem Glauben hin, permanent so leben zu können. Es wird Rückschläge geben - was für einen Künstler wichtig ist. Stellen Sie sich vor, meine Songs würden nur noch von Ruhe und Zufriedenheit erzählen. Langweilig (lacht).

teleschau: Man sagt Schütze-Geborenen wie Ihnen nach, dass Sie einerseits sehr kreativ und abenteuerlustig sind, andererseits auch sehr sensibel ...

Engler: Da ist was dran, auch wenn ich mich nicht allzu intensiv mit solchen Dingen beschäftige. Ich bin ein starker Sanguiniker: himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ich habe lernen müssen, die Spitzen herauszunehmen - sowohl nach oben als auch nach unten. Die Lösung liegt in einem relativ ruhigen, ganz normalen Privatleben zwischen all den aufregenden Terminen.

teleschau: Wie schön, dass Sie mit Ihrer neuen Liebe Katrin so glücklich sind. Wollen Sie wieder heiraten?

Engler: (lacht) Abwarten. Der Verlobungszustand ist jedenfalls schon mal wunderbar!

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