Heftige Debatte ausgelöst Islam-Kritik einer Schülerin spaltet Frankreich

Die 16-jährige Mila sorgte mit ihrer Kritik am Islam für heftige und hasserfüllte Reaktionen. Für Experten zeige dies nur, wie brisant das Thema „Islam-Kritik“ in Frankreich immer noch sei.
16.02.2020, 22:31
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Von Birgit Holzer, PARIS

Mehr als vier Wochen lang war Mila nicht in der Schule, aber ihr Name in aller Munde. Die 16-Jährige aus der Nähe von Lyon versteckt sich an einem unbekannten Ort vor all denen, die sie seit Wochen über die sozialen Netzwerke bedroht haben – bis zu 200 hasserfüllte Nachrichten gingen pro Minute ein. Meist blieben die Verfasser der Botschaften anonym, die schrieben, sie wollten die „gottlose Schlampe“ verbrennen, ihr die Kehle durchschneiden. Weil bald auch Milas voller Name, ihre Wohnadresse und der Name ihrer Schule im Internet zirkulierten, tauchte sie unter und reichte Klage ein. Sie und ihre Familie erhalten mittlerweile Polizeischutz. Inzwischen kündigte Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer an, eine Lösung gefunden zu haben, damit sie wieder Unterricht erhalte. Welche das ist, sagte er nicht. Ein Wechsel in ein anderes öffentliches Gymnasium käme sofort heraus: Die Schülerin mit dem Nasenpiercing und den violett gefärbten Haaren ist landesweit bekannt, seit sie auf dem Internet-Kanal Instagram über den Islam herzog und damit eine Lawine an Reaktionen auslöste.

Alles begann an einem Sonnabendnachmittag Mitte Januar. Mila hatte in ihrem Zimmer eine Handy-Kamera vor sich aufgestellt, um ein Video für all jene aufzunehmen, die ihr auf Instagram folgen. Sie sprach schnell und selbstbewusst. Zunächst erzählte sie von einem vorhergegangenen Gespräch in einem offenen Online-Chat mit einer ebenfalls homosexuellen Bekannten. In dieses habe sich ein junger Mann eingemischt und sie unter anderem als „dreckige Lesbe“ beschimpft, so Mila. Daraufhin sei das Gespräch zum Thema Islam umgeschwenkt.

Kritik und Unterstützung

Nun habe sie für ihren Kontrahenten und seine Gleichgesinnten eine Antwort parat: „Im Koran steckt nur Hass. Der Islam ist scheiße. Das ist, was ich denke. Ich sage, was ich denke, verdammt.“ Es folgten weitere vulgäre Formulierungen. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Video mehr als eine Million Mal angesehen und auf Twitter gingen an einem Tag über 100.000 Nachrichten ein. Schnell bildeten sich die Hashtags #JeSuisMila („Ich bin Mila“) und #JeNeSuisPasMila („Ich bin nicht Mila“), um sie zu unterstützen oder zu kritisieren. Die Schlagworte spielen auf die Solidaritätsbekundung #JeSuisCharlie an, die nach dem islamistischen Terrorattentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 um die Welt ging. Manche gläubige Muslime erklärten damals trotz des brutalen Anschlags, bei dem zwölf Menschen getötet wurden, nicht auf der Seite von „Charlie“ zu stehen („Je ne suis pas Charlie“), weil das Satireblatt in Karikaturen den Propheten Mohammed verunglimpft hatte.

Fünf Jahre später zeigt die Debatte um Mila, wie aufgeheizt das Klima in Frankreich noch immer ist und wie wenige Barrieren für Hass-Botschaften und brutale Drohungen bestehen. Wo endet die Meinungsfreiheit, gibt es ein Recht auf Gotteslästerung, wann beleidigt sie die Gefühle und stört die Religionsfreiheit anderer? Das sind die Fragen, die die Jugendliche mit ihrem spontan aufgezeichneten Video aufgeworfen hat. Seither ringt das Land um Antworten.

Am 23. Januar leitete die Justiz zunächst zwei Ermittlungsverfahren ein. Eines davon läuft noch immer gegen die überwiegend anonymen Täter unter anderem wegen Belästigung, der Androhung von Mord oder eines Verbrechens. Eine zweite Untersuchung richtete sich gegen Mila selbst wegen des Vorwurfs der „Provokation zum Rassenhass“. Nach drei Tagen stellte Staatsanwalt Jérôme Bourrier diese ein, da ihre Worte „unabhängig von ihrem beleidigenden Ton“ von der Meinungsfreiheit gedeckt seien und Mila nicht „zu Hass oder Gewalt gegen Personen wegen ihrer Herkunft“ aufgerufen habe – dafür hätte sie belangt werden können.

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Ihr Anwalt Richard Malka, der unter anderem auch „Charlie Hebdo“ vertritt, betonte, die Entscheidung des Staatsanwaltes sei überfällig gewesen und habe einen „wichtigen symbolischen Wert“. Dass ein junges Mädchen, das ihr natürliches Recht ausgeübt habe, den Islam zu kritisieren, gezwungen sei, sich aus Angst vor Rache unterzutauchen, müsse die Gesellschaft aufrütteln.

Doch es erhoben sich auch Stimmen, die Mila selbst dafür verantwortlich machten, in diese Lage gekommen zu sein. Der Generalbeauftragte des französischen Islamrates CFCM, Abdallah Zekri, sagte im Sender „Radio Sud“ in hörbar erregtem Ton, die Schülerin habe den Ärger „gesucht“ und müsse nun eben die Konsequenzen ertragen: „Wer Wind sät, erntet Sturm.“

Ungeschickt ausgedrückt

Das erregte wiederum die Empörung der Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter, Marlène Schiappa: Sie nannte Zekris Worte „kriminell“ und eines Mannes, der ein wichtiger Meinungsführer sei, unwürdig. Ein weiterer öffentlicher Aufschrei erfolgte, als Justizministerin Nicole Belloubet auf eine Frage zu der Debatte um Mila zwar die Todesdrohungen gegen sie verurteilte, aber zugleich die Beleidigung einer Religion „natürlich als Schädigung der Gewissensfreiheit“ anderer und als „schwerwiegend“ bezeichnete. Später ruderte die Politikerin zurück: Sie habe sich ungeschickt ausgedrückt. „Es gibt in diesem Land nicht das Delikt der Gotteslästerung, und das wird es unter dieser Regierung nie geben“, stellte Innenminister Christophe Castaner klar.

Bei dieser Gelegenheit riefen mehrere Persönlichkeiten, darunter Patrick Pelloux, früherer Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“, Präsident Emmanuel Macron dazu auf, sich bei den Vereinten Nationen dafür einzusetzen, dass die 72 Länder, darunter 13 in Europa, in denen Blasphemie, also Gotteslästerung, strafbar sei, davon absehen. Frankreich müsse „seiner Bestimmung als Heimat der Menschenrechte treu bleiben“, forderten sie.

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Genau diese sieht die Philosophin und Islamwissenschaftlerin Razika Adnani in Gefahr. Sie zeigt sich besorgt über die scharfen Reaktionen auf offene Kritik am Islam in einem Land, das in den vergangenen Jahren immer wieder brutale Terroranschläge im Namen islamistischer Ideologien erlebt hat. „Die Drohungen gegen Mila verkörpern Drohungen gegen die französische Republik, ihre Gesetze und ihre Prinzipien“, warnt Adnani. Die Jugendlichen, die Hass-Botschaften versendeten, ließen sich von einem religiösen Fundamentalismus beeinflussen, dessen Strategie darin bestehe, die Gesetze zu schwächen, weil er den Islam über die demokratischen Werte der Republik stelle.

Salafistische Netzwerke in französischen Vorstädten immer stärker

Dies entspricht auch der These des Islam-­Forschers Bernard Rougier, der am Zentrum für Arabische und Orientalische Studien der Sorbonne lehrt und eine Studie über „Die vom Islamismus eroberten Gebiete“ Frankreichs veröffentlicht hat. Ihm zufolge werden mehr und mehr soziale Brennpunkte und Einwandererviertel in französischen Vorstädten zu regelrechten „Enklaven“ in der Hand von salafistischen Netzwerken. Diese wollten eine Ideologie durchsetzen, die einer „ursprünglichen“ Sicht des Islam und der Botschaft des Propheten juristischen Wert zuteile, was den Regeln der französischen Gesellschaft widerspreche: „Wir stellen fest, dass junge Menschen, die von diesem Ökosystem genährt werden, daraus ihre Schlüsse ziehen und gewalttätig werden. Es ist eine geringe Minderheit“, so Rougier. Es handele sich um eine feine Vernetzung sozialer, persönlicher und wirtschaftlicher Strukturen. Eine Art Parallelwelt baue sich unter den Augen lokaler Politiker auf, die sich dort Wählerstimmen erhofften.

Aus Angst, sich die scharfe Islam- und Einwanderer-Kritik der Rechtspopulistin Marine Le Pen zu eigen zu machen und Muslime zu stigmatisieren, würden gerade viele linke Politiker die Augen vor dem wachsenden Einfluss salafistischer Gruppierungen verschließen, kritisiert Rougier. Für die Studie hatte er muslimische Studenten in Vorstädte geschickt, die sich vor Ort in Moscheen, Cafés oder Sportvereinen umhörten: Sie berichteten von einem starken sozialen Druck auf gemäßigte Muslime. Weil er diesem standhielt, musste etwa der algerisch-stämmige Lokalpolitiker Mohammed Chirani seinen Wohnort Sevran im Nordosten von Paris verlassen, nachdem er Drohungen erhalten hatte.

Ähnlich wie nun Mila, die sich trotzdem zu einem öffentlichen Auftritt in der beliebten TV-Show „Quotidien“ („Täglich“) durchrang. Mit ruhiger Mine saß die 16-Jährige im Studio und sagte zum Moderator, sie bedauere zwei Dinge: „Dass ich es in den sozialen Netzwerken gesagt habe, weil ich nicht ermessen habe, was für ein Ausmaß alles bekommen würde. Und dass ich es auf eine so vulgäre Art gesagt habe, ich hätte vielmehr Argumente anführen können.“ Außerdem, fügt sie an, wolle sie sich „irgendwie ein bisschen entschuldigen“, falls sie Menschen, die ihren Glauben auf friedliche Weise ausüben, verletzt habe: „Ich wollte einfach nur sagen, was ich über eine Religion denke.“ Und sie sei nicht bereit, sich dieses Recht verbieten zu lassen.

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