Die Nacktheit der Liebe Jacob Matschenz spielt in "Dreileben - Etwas Besseres als den Tod" (Mo., 29.08., 20.15 Uhr)

Nun hat auch Regie-Magier Christian Petzold ("Jerichow") einen der interessantesten jungen Schauspieler Deutschlands entdeckt. In seinem neuen Film "Etwas Besseres als den Tod" (Mo., 29.08., 20.15 Uhr, ARD) spielt der 27-jährige Jacob Matschenz den männlichen Part einer faszinierenden Sommerparabel über Liebe und Verrat.
29.07.2011, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Eric Leimann

Nun hat auch Regie-Magier Christian Petzold ("Jerichow") einen der interessantesten jungen Schauspieler Deutschlands entdeckt. In seinem neuen Film "Etwas Besseres als den Tod" (Mo., 29.08., 20.15 Uhr, ARD) spielt der 27-jährige Jacob Matschenz den männlichen Part einer faszinierenden Sommerparabel über Liebe und Verrat.

Jacob Matschenz verflucht die Deutsche Bahn. Deren Kartoffelsalat sei Schuld, glaubt er, dass er die letzte Nacht und den Morgen danach magenkrank auf seinem Hotelzimmer verbrachte. Das Interview, welches der 27-Jährige zu seiner Hauptrolle im Christian Petzold-Film "Dreileben - Etwas Besseres als den Tod" (Mo., 29.08., 20.15 Uhr, ARD) geben sollte, war bereits abgesagt. Da schleppt sich der blonde Berliner doch noch schnell zum Ort der Pressekonferenz in ein Hamburger Fotostudio. "Immerhin ist das ein Christian Petzold Film", formuliert der privat als Hornbrillenträger getarnte Jungstar etwas tapsig die Bewunderung für seinen Regisseur. Petzolds neuer Film, ein reines TV-Projekt, eröffnet einen der wohl ungewöhnlichsten Fernsehabende, die man in der ARD je gesehen hat.

Zur besten Sendezeit startet der Filme-Marathon "Dreileben". Ein Projekt, das drei neue Filme der deutschen Ausnahme-Regisseure Christian Petzold, Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens") und Christoph Hochhäusler ("Unter dir die Stadt") in Reihe schaltet, ineinander verschlingt. So kam es, dass Petzold-Hauptdarsteller Jacob Matschenz auch in den Filmen der anderen Regisseure Szenen hat. Die Rahmenhandlung aller drei Filme ist die Suche nach einem aus der Psychiatrie getürmten Gewaltverbrecher im thüringischen Kaff "Dreileben" - dem gemeinsamen Ort der Handlung.

Auch im angeschlagenen Zustand verbreitet Jacob Matschenz immer noch ein hippelig sympathisches Energiefeld. Er plappert schnell, aber reflektiert. Und zeigt sich begeistert von der Arbeit an Petzolds Film, einer flirrenden Sommerparabel über Liebe und Verrat. Ein durchaus körperlicher Film, der dem netten, aber ein wenig voyeuristischen Krankenhaus-Zivi Johannes (Matschenz) beim Verlieben zuschaut. Dabei inszeniert Petzold seine Hauptdarsteller Jacob Matschenz und Luna Mijovic wie romantische, scheinbar unschuldige Figuren eines Märchens. Prinz und Prinzessin gleich laufen sie durch ihren thüringischen Märchenwald. Wo zumindest erahnt das Böse hinter jeder dicken Buche lauern könnte.

Seine dunkle Atmosphäre einer latenten Bedrohung entwickelt "Dreileben - Etwas Besseres als den Tod" allerdings erst in der fertigen Montage. Filmschaffende wissen - die Atmosphäre eines Drehs und die Stimmung des fertigen Films haben oft wenig gemein. "Die Schwere, die der Film am Ende entwickelt, war bei der Arbeit nicht zu spüren", erinnert sich Jacob Matschenz. "Dass alle im Team wie eine große Familie sind, ein Klischee, von dem die Leute beim Film gerne erzählen - bei Christian Petzold ist das wirklich so. Er arbeitet fast immer mit denselben Leuten. Dadurch entsteht ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit. Man kommt ans Set und fühlt sich gut. Das ist auch eines der Erfolgsrezepte von Christian."

Es ist nicht das erste Mal, dass Matschenz einen Sommerfilm prägt. Für seine Rolle in "Das Lächeln der Tiefseefische" erhielt er 2005 den renommierten Max Ophüls Preis als "Bester Nachwuchsschauspieler". 2008 sammelte er als junger DDR-Soldat im TV-Drama "An die Grenze" einen Grimme-Preis ein. Zuletzt drehte er "Drei Zimmer, Küche, Bad", einen Berliner Ensemblefilm von Dietrich Brüggemann, der acht Freunde ein Jahr lang beim gegenseitigen Dienst als Umzugshelfer beobachtet. Jacob Matschenz hat dieser Film jegliche Lust auf das Jungberliner-typische Hobby des Wohnungswechsels vergellt. Der Film kommt 2012 ins Kino, dann wird Matschenz wohl immer noch in seiner viel zu großen, aber eben billigen Pankower Wohnung leben. Jahrelang wohnte er dort mit seiner Schwester, die aber nun ausgezogen ist.

Matschenz ist ein Star der uneitlen Sorte. Einer, der vor zehn Jahren eher zufällig über ein Casting entdeckt wurde und der nie eine Schauspielschule besuchte. Ein Umstand, der dem ernsthaften filmverrückten Jungspund immer wieder Zweifel an der eigenen Kompetenz bereiteten. "Mittlerweile ist das etwas besser geworden. Es sind ein, zwei Preise gekommen, auf denen drauf steht: 'Für Schauspielerei'. Mittlerweile habe ich keine Scham mehr zu sagen, ich bin Schauspieler."

Selbstzweifel hegt Jacob Matschenz hingegen nach wie vor ob seiner körperlichen Präsenz. Schließlich gibt es in Christian Petzolds Film viele nackte und halb nackte Liebesszenen - auch wenn von dieser Erotik etwas naturalistisch Sanftes ausgeht. Matschenz: "Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich mich mit Christian getroffen und war extrem unsicher. Ich bin nicht unbedingt ein großer Freund von Nacktszenen. Ich hatte da eine furchtbar arrogante Haltung und habe vieles kritisiert. Das lag natürlich vor allem an meiner Unsicherheit. Christian Petzold sagte, dass ich vielleicht noch ein paar Filme gucken sollte, und er brachte mir welche. Es gibt niemanden, der ein solch wandelndes Film-Lexikon ist. Ich kam raus aus dem Gespräch und dachte, das war es jetzt."

Erst am kommenden Tag fand ein klärendes Telefonat statt, in dem sich Christian Petzold und Jacob Matschenz endgültig füreinander entschieden. "Liebe zu spielen", begründet Matschenz seinen Respekt vor körperlichen Szenen, "kann total in die Hose gehen. Wenn einem 30 Leute dabei zuschauen, wie man sich romantisch auf einem anderen Menschen rumwälzt, ist das auch nicht unbedingt geil. Das hat eher mit Arbeit und wenig mit Erotik zu tun". Partnerin Luna Mijovic stand schon fest, als sich Matschenz und die 19-jährige Bosnierin ("Esmas Geheimnis") zum ersten Mal trafen. Nach dem Motto: Guten Tag, das ist Jacob, das ist Luna - ihr beiden werdet auch körperlich sehr eng zusammenarbeiten.

Tatsächlich verbirgt sich hinter dem aufgekratzten Phänotyp des Jacob Matschenz ein eher schüchterner Charakter. Sein jungenhaftes Äußeres, das den Berliner eher wie 20 wirken lässt und damit im besten Zivi-Alter, es verschreibt Matschenz' Ego auch jenes unfertige Lebensgefühl, das seinen Rollen fast immer jene schimmernde Coming-of-Age Aura verleiht. Sagt man Matschenz, er sehe gut aus, winkt er peinlich berührt ab. Fragt man ihn stattdessen, was ihm Erfolg bedeute, den er sofort auf die Zukunft bezogen in Frage stellt ("ein unsicherer Beruf"), erhält man eine durchaus weise Antwort: "Das Beste am Erfolg ist, dass er mir den Luxus von Zeit verschafft. Die Zeit für dieses oder jenes Projekt, auch private Dinge. Mit Zeit hängt eigentlich alles zusammen im Leben. Auch der ganze andere Luxus, den man sich noch leisten kann."

Bleibt die Frage nach einem Fazit zur Nacktheit der Gefühle im verwunschenen Petzold-TV-Drama. Hat Jacob Matschenz durch die Arbeit etwas über die Liebe gelernt? "Ja", sagt er. "Der Film ist mir sehr nah gegangen, und ich habe daraus gelernt. Aber das ist viel zu privat. Wenn man irgendwann mal eine große Liebe hatte, vergleicht man die nachfolgenden Partner immer mit dieser Liebe. Ob diese große Liebe nun richtig war oder nicht. Die Nachfolger haben oft Probleme, diesem Vergleich standzuhalten. Müssen sie ja auch nicht. Aber eine große Liebe ist nie ganz abgeschlossen. Auch wenn du vielleicht eine andere Frau triffst, die dir richtig gut tut."

Geheimnisse müssen eben sein, um das echte Leben im Film zu spüren. Dieser Satz könnte aus dem Filmmanifest eines Christian Petzold stammen, aber auch aus dem Munde seines brillant staunenden Hauptdarstellers. Es spricht einiges dafür, dass sich diese beiden Naturtalente noch öfter über den Weg laufen werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+