Über die kleinen Dinge Jean Reno spielt im Kinothriller "22 Bullets" (Start: 02.12.) einen alternden Killer

Was Nicolas Sarkozy auf seiner Hochzeit verloren hatte und warum er keinen Weinberg braucht, um glücklich zu werden, verrät der "22 Bullets"-Star Jean Reno im Interview.
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Von Rupert Sommer

Was Nicolas Sarkozy auf seiner Hochzeit verloren hatte und warum er keinen Weinberg braucht, um glücklich zu werden, verrät der "22 Bullets"-Star Jean Reno im Interview.

Schon wieder ein einsamer Racheengel: Nachdem der französische Weltstar Jean Reno mit harten Kugel-Opern wie "Nikita" (1990) oder "Léon - Der Profi" (1994) weltweit bekannt wurde und lange sein Image als vermeintlicher wortkarger Haudegen festigte, greift der gebürtige Marokkaner in "22 Bullets" (Kinostart: 02.12.) erneut zur Waffe. Beim Interview in einem Münchner Hotel zeigt sich der 62-Jährige aber als weltgewandter, redefreudiger Familien- und Genussmensch, der mit spontanem Wortwitz die Lacher stets auf seiner Seite hat.

teleschau: Eigentlich könnte man meinen, Sie hätten langsam genug vom Rollenprofil des einsamen Wolfs, der sich aufs Töten versteht. Was bewegte Sie dazu, den Part in "22 Bullets" noch einmal zu übernehmen?

Jean Reno: Das Buch, auf dem der Film basiert, wurde von einem Freund von mir geschrieben - Franz-Olivier Giesbert. Und auch Richard Berry, den Regisseur, kenne ich schon seit Jahren. Uns beiden hat die Geschichte sehr gut gefallen. Für mich ist der Film kein Action-Movie, sondern er erzählt von einem Mann, der nach Rache dürstet - und der eine zweite Chance haben und weiterleben möchte.

teleschau: Wie wichtig war Ihnen die Verbindung zu dem realen Gangster Jacky Imbert, auf dessen Lebensgeschichte die Buchvorlage "L'Immortel" beruht?

Reno: Der Gangster aus "22 Bullets" existiert - aber was wir zeigen, ist wirklich nicht seine Story.

teleschau: Sondern?

Reno: Es geht mehr um einen vertrauten Personenkreis, der auseinanderbricht: Man isst und trinkt gemeinsam, verbringt viel Zeit zusammen, und plötzlich beschließt einer, einfach auszusteigen - etwa, indem er nach Französisch-Polynesien auswandern möchte. Alles, was vorher war, zählt plötzlich nicht mehr. Das ist die Geschichte, die wir erzählen.

teleschau: Hatten Sie selbst denn selbst schon mal das Gefühl, genug zu haben?

Reno: Manchmal. Aber ich muss zugeben, in die Südsee auszuwandern - und ich habe dort schon gedreht -, ist schon okay. Aber eben nur für drei Monate. Ein Freund von mir, ein Sänger, lebt dort auf einem Boot. Er warf mir einmal vor, dass ich hier ein mieses Leben führe. Ich sagte nur zu ihm: "Dein Leben ist ein Witz - auf diesem Boot. Ich möchte mich immer verändern." Irgendwann kann man die ständige Bewegung nicht mehr anhalten - weil man sonst fürchtet, bei Stillstand zu scheitern.

teleschau: Wenn Sie also nicht das süße Nichtstun auf einem Boot genießen können, wie sieht Ihre Vorstellung von einem erfüllten Leben denn stattdessen aus?

Reno: Mich macht es glücklich, wenn mich jemand fragt, ob wir gemeinsam einen Film drehen, Theater spielen oder Musik machen wollen. Es muss etwas Künstlerisches sein, das man gemeinsam macht - etwas, für das ich mich anstrengen und bewegen muss. Etwas, dass mir nicht von Anfang an leichtfällt.

teleschau: Lag die reizvolle Schwierigkeit bei "22 Bullets" in der Recherchearbeit?

Reno: Nicht wirklich. Den Mob gibt es in Frankreich längst nicht mehr. Der reale Mafia-Boss, auf dem der Film basiert, ist heute über 80 Jahre alt.

teleschau: Nahmen Sie dennoch Kontakt zu Jacky Imbert auf?

Reno: Wir haben uns zweimal kurz getroffen. Aber er redet nicht viel. Richard Berry hat sich intensiver mit Jacky beschäftigt und ihn auf einem seiner noch laufenden Prozesse begleitet. Es geht immer noch um Zigarettenschmuggel-Geschichten zwischen Korsika und Frankreich. (lacht) Man hat ihn deswegen ja immer noch nicht überführen können.

teleschau: Wie erklären Sie sich eigentlich die große Faszination der Zuschauer für Gangster? Im realen Leben möchte wohl niemand jemandem wie Charly Matteï begegnen.

Reno: Vielleicht ist es ja die gleiche Faszination, mit der man Ameisen in einem Glas oder Fische in einem Aquarium beim Kämpfen beobachtet.

teleschau: Ist es nicht vielleicht auch die Illusion, dass Schwerkriminelle alltägliche lästige Probleme viel schneller und effektiver lösen können, als es Normalsterblichen möglich ist?

Reno: Meinen Sie? Ist es wirklich eine Lösung, den Nachbarn zu erschießen, nur weil er sein Auto vor Ihrem Haus falsch geparkt hat?

teleschau: Spielen Sie manchmal mit diesem Gedanken?

Reno: (lacht) Manchmal, natürlich. Als ich jung war, hatte ich häufig diese Gefühle - wenn ich glaubte, dass etwas nicht fair ablief. Aber ich bin mir sicher, dass man nicht weiterleben und ruhig schlafen kann, wenn man einmal getötet hat.

teleschau: Sie spielen häufig Verbrecher oder Polizisten. Glauben Sie eigentlich, Sie wären selbst in Realität ein guter Gangster oder Gesetzeshüter?

Reno: Auf keinen Fall. Ich wäre sicher kein guter Cop. Eigentlich muss man sie doch bemitleiden - sie sind sehr einsame Menschen. Und sie laufen immer Gefahr, erschossen zu werden. In Frankreich gibt es derzeit immer wieder Selbstmorde unter Polizisten. Und ein Gangster zu sein? Ich kann die Romantisierung des Verbrechens nicht verstehen. Viel eher würde ich mir wünschen, ich wäre ein Musiker oder ein Komponist.

teleschau: Gefällt es Ihnen, dass Sie als Schauspieler Sachen vor der Kamera machen können, für die Sie im wirklichen Leben verhaftet würden?

Reno: Vielleicht. Aber es mir fast wichtiger, dass ich solche Dinge fühlen und erproben kann, die ich sonst nie erleben würde. Zum Beispiel, erschossen zu werden. Es tut verdammt weh. Und alle 40 Leute am Set waren sehr ergriffen und angespannt. In solchen Szenen spielt man mit Dingen, mit denen man eigentlich nicht spielen sollte. Deswegen wurden früher Schauspieler exkommuniziert.

teleschau: Lief es Ihnen nicht kalt den Rücken hinunter, als Sie im fertigen Film erstmalig die brutale Erschießungsszene im "22 Bullets" sahen?

Reno: Wenn du deinen eigenen Film nach kurzer Zeit zum ersten Mal ansiehst, dann fallen dir nur die Fehler auf. Man gerät einfach nicht so recht in den Film hinein. Ich denke, man braucht fast eineinhalb Jahre, um genug Abstand zur eigenen Arbeit zu haben. Wenn ich die erwähnte Szene sehe, erinnere ich mich viel zu genau an das reale Parkdeck und wo genau jeder einzeln stand, als gedreht wurde. Ich kann den Film nicht interpretieren, für mich ist er weg und vorbei - er gehört jetzt Ihnen.

teleschau: Auf der Leinwand haben Sie schon so viel erlebt - und auch die schlimmsten Situationen gemeistert. Gibt es etwas, vor dem Sie im realen Leben Angst haben?

Reno: Ich habe mittlerweile Höhenangst. Früher konnte ich aus dem Fenster steigen und außen herumklettern. Das geht jetzt nicht mehr. Aber wie sagt man doch so schön: Wenn man über 50 ist und am Morgen keine Schmerzen spürt - dann ist man tot.

teleschau: Wie entspannen Sie sich denn am liebsten, wenn Sie einen Film fertig haben?

Reno: Ich bin sehr glücklich damit, nichts tun zu müssen.

teleschau: Und wo gelingt Ihnen das am besten?

Reno: Zwischen Paris und New York. Und am liebsten bei meiner Familie. Ich bin ein recht kontemplativer Mensch und höre gerne Musik. Die kleinen Dinge sind es, die mich interessieren. Es geht nicht immer um die großen fetten Filme.

teleschau: Aber Sie brauchen keinen Weinberg wie Gérard Depardieu zum Ausspannen?

Reno: Puh, zum Glück nicht.

teleschau: Wäre ein Weinberg zu viel Arbeit?

Reno: Das hängt davon ab, wie groß der Schmerz ist, den man innerlich fühlt. Und wie sehr man vor den anderen fliehen möchte.

teleschau: Stehen Sie eigentlich noch in Kontakt mit Nicolas Sarkozy, der ja auch Gast auf Ihrer Hochzeit war?

Reno: Er war mein Trauzeuge.

teleschau: Ist er mehr als nur ein guter Freund - ist er nicht auch ein guter Schauspieler?

Reno: (lacht) Kein Kommentar.

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