Kommentar Kein Gegensatz

Ben Zimmermann über die steigende Akademikerzahl Es ist noch gar nicht lange her, da waren sich alle einig: Deutschland, so der allgemeine Tenor, brauche mehr Akademiker. Vom Wissenschaftsstandort, von der Bildungsrepublik war und ist die Rede.
18.09.2013, 00:00
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Kein Gegensatz
Von Ben Zimmermann

Ben Zimmermann

über die steigende Akademikerzahl

Es ist noch gar nicht lange her, da waren sich alle einig: Deutschland, so der allgemeine Tenor, brauche mehr Akademiker. Vom Wissenschaftsstandort, von der Bildungsrepublik war und ist die Rede. Nur mit hoch qualifizierten Mitarbeitern sei die gute Stellung auf den Weltmärkten zu verteidigen, so die einhellige Meinung.

Und nun? Ist die Forderung nach akademischer Ausbildung auf allzu offene Ohren gestoßen? Droht beim Facharbeiternachwuchs ein Mangel, weil zu viele die Uni der Werkbank vorziehen? Vielleicht sollte man einfach mal den Ball flach halten und die Fakten betrachten. Und die sprechen durchaus immer noch für einen Uni-Abschluss: Die Aussichten auf einen Arbeitsplatz sind besser und das Gehalt sowieso. Und deshalb schimmert bei der Furcht von Akademikern vor einer Akademikerschwemme immer auch ein bisschen die Angst um die eigene erstklassige Stellung durch.

Gleichwohl gilt, dass sich gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Eurokrise das duale System der Berufsausbildung als besonders robust erwiesen hat. Südeuropäische Länder mit einer Jugendarbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent schauen neidisch nach Deutschland, wo nur fünf Prozent der Facharbeiter ohne Arbeit sind und die weitaus meisten Azubis nach der Lehre eine Stelle bekommen.

Deshalb kann es nicht darum gehen, Hochschul- und Berufsausbildung gegeneinander auszuspielen, beide Qualifikationen werden gebraucht. Vielmehr muss das Augenmerk auf das brach liegende Potenzial gerichtet werden – auf die Männer und Frauen, die ohne Berufs- und oft auch ohne Schulabschluss sind. Denn dieses (Aus-)Bildungsdefizit setzt eine verhängnisvolle Kette in Gang: Die Menschen finden häufig keine Arbeit, der Wirtschaft fehlen Fachkräfte, und der Staat muss einerseits auf Steuereinnahmen verzichten und andererseits hohe Sozialtransfers leisten.

Das mag stark vereinfacht sein, doch in der Realität sieht es in etwa so aus. Und es kommt noch etwas hinzu – ganz jenseits der Ökonomie: Qualifizierte Arbeit ist zumeist erfüllender als ein Hilfsjob und kann im besten Fall für mehr Lebenszufriedenheit sorgen. Es gibt also viel zu gewinnen.

ben.zimmermann@weser-kurier.de

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