Wagner über Fußball-Extremismus

Kommentar: Knallköppe

Das Besondere am Fußball ist sein gelegentlicher Extremismus. Regelmäßig sind Polizeiaufgebote nötig, weil konkurriende Fans sich prügeln und aufeinander los gehen. Was stimmt nicht mit diesen Leuten?
25.09.2016, 00:00
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Kommentar: Knallköppe
Von Joerg Helge Wagner

Das Besondere am Fußball ist sein gelegentlicher Extremismus. Regelmäßig sind Polizeiaufgebote nötig, weil konkurriende Fans sich prügeln und aufeinander los gehen. Was stimmt nicht mit diesen Leuten?

Nein, das Besondere am Fußball ist sein gelegentlicher Extremismus. Das hat erst einmal nichts mit Masse oder Sozialstruktur seines Publikums zu tun. Zu Formel-1-Rennen etwa strömen weit mehr Menschen als selbst zu Champions-League-Spielen. Aber hat man es je erlebt, dass hier aus dem Publikum irgendetwas auf die Rennstrecke geworfen wurde? Oder dass sich Ferrari-Fans und Freunde der Silberpfeile bis aufs Blut prügeln? Selbst beim durchaus kampfbetonten Eishockey bleibt es zumeist friedlich: Gegnerische Fans belassen es bei hämischen Gesängen über die jeweils anderen.

Beim Fußball hingegen sind regelmäßig Polizeiaufgebote nötig wie sonst nur bei Demonstrationen von Extremisten oder terroristischen Großlagen. Ultras und Hooligans gehen mit geradezu archaischer Brutalität aufeinander los. Verletzungen sind beabsichtigt, Feuerwerkskörper werden gezielt in gegnerische Fanblocks geworfen. Begleitende Polizist(inn)en werden angepöbelt und bespuckt, Züge und Straßenbahnen schrottreif demoliert. Was stimmt nicht mit diesen Leuten? Und warum konzentrieren die sich ausgerechnet im Fußball?

Neben historisch-soziologischen Deutungen à la Sport der Unterprivilegierten bietet sich folgende an: Weil es ihnen der (organisierte) Fußball besonders leicht macht. Die große Überzahl der friedlichen, wirklich nur am Sport interessierten Fans distanziert sich zwar von den Knallköppen, lässt sie aber gewähren. Vielleicht schwingt bei manchen sogar klammheimliche Bewunderung mit: Ja, die Jungs mit den Bengalos, den feuerfesten Masken und dem Mundschutz, das sind halt die ganz Harten, die 150-Prozentigen. Nur so ist es zu erklären, dass selbst privilegiert ausgebildete Menschen von „Fan-Kultur“ schwafeln, wenn es eindeutig um Straftaten oder brutale Regelverstöße geht.

Die Vereine und Verbände haben es lange laufen lassen: Willkommen zu den Spielen war jeder, der zahlt, kontrolliert wurde entsprechend lasch. Aufgewacht ist man erst, als es wirklich weh tat – in der Vereinskasse.

Seit die Verbände ihre Klubs für das Fehlverhalten extremer Anhänger auch finanziell in die Pflicht nehmen, werden die Augen nicht mehr zugedrückt. Im Gegenteil: Man hilft bei den Ermittlungen gegen Gewalttäter und holt sich von ihnen das Geld zurück, nun auch mit höchstrichterlichen Segen. Gut so. Es scheint, dass dieser besondere, auch besonders schöne Sport doch noch Reserven für die Selbstreinigung hat.

joerg-helge.wagner@weser-kurier.de

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