Kommentar zu "Unsichtbare Grenzen"

In der Rassismus-Debatte muss es einen Paradigmenwechsel geben

Rassismus war immer das Problem derjenigen, die ihn erleben. Aber es sollte andersrum sein, schreibt die Autorin der Wochenserie „Unsichtbare Grenzen“.
09.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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In der Rassismus-Debatte muss es einen Paradigmenwechsel geben
Von Kim Torster
In der Rassismus-Debatte muss es einen Paradigmenwechsel geben

Auch immer mehr weiße Menschen nehmen Rassismus als Problem war - wie hier bei einer Demonstration im Juli in Düsseldorf.

Marius Becker/dpa

Die Rassismus-Debatte, so der Eindruck, stößt endlich auf das Interesse der Mehrheit. Ein Thema, das in den vergangenen Jahren vor allem auf Plattformen wie Twitter stattgefunden hat und davon lebte, dass Betroffene immer wieder von ihren eigenen Erfahrungen berichteten. Nun ist es mit der aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, in den Massenmedien und an den Küchentischen der Nation angekommen. Und etwas ganz Entscheidendes hat sich in diesem Diskurs verändert: Es geht nicht mehr um die Frage „Gibt es Rassismus?“, vielmehr wächst eine grundlegende Akzeptanz dieses Fakts und Menschen scheinen festzustellen, dass diese Situation, sagen wir mal, nicht ideal ist. Und jetzt?

Jahrelang haben uns Betroffene von ihren schlimmsten Erlebnissen mit Rassismus berichtet, jahrelang haben wir Rassismus als ihr Problem betrachtet. Jetzt ist es an der Zeit, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen. Vielleicht wollen wir es einmal so betrachten: Rassismus ist nicht das Problem von denjenigen, die ihn erleben, sondern von denen, die ihn reproduzieren.

„Rassismus war Mittel zum Zweck“

Dazu muss man wissen: Rassismus ist nichts Natürliches, sondern etwas über Jahrhunderte Erlerntes. Er diente als Rechtfertigung, unter anderem für die Kolonialisierung – für Ausbeutung und Unmenschlichkeit. Indem man Menschen mit dunkler Hautfarbe absprach ebenbürtig zu sein, legitimierte man die Gewalt an ihnen. Rassismus war Mittel zum Zweck und wurde viel zu lange nicht hinterfragt. Bis er sich in eine kollektive Wahrnehmung einbrannte.

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Daraus folgt eine wichtige Erkenntnis: Wir leben in einem rassistischen System, das wir zwar nicht gemacht haben, aber tagtäglich weiterdenken. Rassismus ist nicht immer eine individuelle Tat, sondern manifestiert sich mitunter einfach in Vorurteilen und Misstrauen, die wir gegenüber Menschen haben, die nicht so aussehen wie wir. Rassismus trägt nicht immer Glatze und Springerstiefel und zündet am Wochenende Geflüchtetenheime an. Rassismus hat vielleicht eine nette Familie und will eigentlich niemandem etwas Böses. Rassismus arbeitet bei der Bank, in der Politik, bei der Zeitung und ja, auch bei der Polizei. Und Rassismus sagt „Rassismus hat bei uns keinen Platz!“ Und denkt das wirklich. Nur, dass das Quatsch ist. Wir können ja gar nicht anders.

„Weg von der scheinbar verlässlichen Intuition“

Aber hier die gute Nachricht: Rassismus lässt sich auch wieder verlernen. Und hier müssen wir ansetzen. Warum? Weil es absolut keine logische Grundlage für Rassismus gibt. Rassismus ist nicht nur unfair, sondern auch ineffizient – großer Humbug, wenn man so will. Denn das ist das Fatale am Rassismus: Obwohl er jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, ist er fest verankert.

Die Debatte hat sich ihren Platz am Tisch erkämpft, nun ist es an uns, sie dort auch zu halten. Denn auch, wenn man Rassismus verlernen kann, ist das ein langer, komplizierter Prozess. Schritt eins: Eigenes Denken hinterfragen und erst einmal überhaupt als rassistisch erkennen. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass das Gehirn etwa 99 Prozent der Prozesse unbewusst abwickelt. Aber auch diese Erkenntnis hilft dabei. Was außerdem hilft: Wissen. Was bedeutet Rassismus? Wie äußert sich Rassismus – in meinen Gedanken, aber auch in meinen Taten. Das bedeutet auch: Hin und wieder mal loslassen, etwas tun, das man eigentlich anders machen würde, weg von der scheinbar verlässlichen Intuition – zum Beispiel einem Menschen mit dunkler Hautfarbe gegenüber.

„Antirassismus ist keine Idee von links“

Wie immer steht natürlich jeder Einzelne in der Verpflichtung. Aber es reicht eben nicht, nicht nur selbst nicht rassistisch zu sein. Wenn wir konsequent sein wollen, müssen wir antirassistisch sein. In diesem Prozess tragen all jene eine besondere Verantwortung, die aus verschiedenen Gründen Machtpositionen in dieser Gesellschaft besetzen. Viel mehr Unternehmen müssten Antirassismus-Workshops anbieten, schon in Schulen müsste es entsprechende Kurse geben. Das ist übrigens keine Idee von links; Rassismus und Benachteiligungen aufgrund der Herkunft oder Abstammung, sind per Grundgesetz verboten.

Es ist jetzt Zeit. Zeit, auch offen über Rassismus zu sprechen und diese Aufgabe nicht nur denjenigen zu überlassen, die selbst betroffen sind. Es ist Zeit, es endlich besser zu machen.

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