Fall Nawalny: Behandlung in der Charité

Forderung nach weiteren Sanktionen gegen Russland

Wurde Alexej Nawalny Opfer einer Vergiftung? Derzeit wird der prominente Kremlkritiker in der Berliner Charité behandelt. Bislang ist kaum etwas über seinen Zustand bekannt.
23.08.2020, 17:22
Lesedauer: 5 Min
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Von Claudia Thaler und Esteban Engel, dpa
Forderung nach weiteren Sanktionen gegen Russland

Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland.

PAVEL GOLOVKIN

Der Nervenkrieg um Russlands prominenten, aber schwerkranken Regierungskritiker Alexej Nawalny hat sich vorerst etwas beruhigt. Als am Samstagmorgen kurz vor neun Uhr der Rettungsflug mit Alexej Nawalny in Berlin-Tegel landete, waren seine Mitarbeiter erleichtert. Stundenlang hatten Familienangehörige des Kremlkritikers noch im sibirischen Omsk um eine Ausreise des vermutlich vergifteten Politikers gerungen.

Am Freitagabend gaben die russischen Mediziner schließlich ihre Bedenken gegen einen Transport nach Deutschland auf. Der Zustand des Kremlkritikers sei „stabil“, hieß es. Mehr war zunächst nicht bekannt. Eigentlich wollte sein Team am Sonntag Klartext reden und seine Version über eine mögliche Vergiftung darlegen. Das sagte es jedoch wieder ab.

Nawalny liegt seit Donnerstag im Koma. Sein Team geht davon aus, dass er vergiftet wurde. Behandelt wird er jetzt in der Universitätsklinik Charité in Berlin-Mitte. Zuvor hatte ein Spezialflieger den 44-Jährigen aus Omsk ausgeflogen, ein Intensivtransporter der Bundeswehr hatte ihn unter starkem Polizeischutz in die Klinik gebracht. Erst nach Abschluss der Untersuchungen und nach Rücksprache mit der Familie wollen sich die behandelnden Ärzte äußern. Die Untersuchungen würden einige Zeit in Anspruch nehmen, hieß es. In Berlin ist auch Nawalnys Frau Julia und sein enger Vertrauter Leonid Wolkow. Beide besuchten Nawalny am Sonntag in der Klinik.

Oppositionsführer Nawalny in Deutschland

Sanitäter vom Bundeswehr Rettungsdienst bringen die Spezialtrage, mit der Nawalny in die Charite eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen. Der russische Oppositionelle liegt seit Donnerstag (20.08.2020) im Koma und wird künstlich beatmet. Nawalnys Team geht davon aus, dass er während einer Reise durch Sibirien Opfer eines Giftangriffs wurde.

Foto: Kay nietfeld

Nawalnys engster Kreis hatte den russischen Behörden und Ärzten vorgeworfen, mit einer Verzögerungstaktik einen raschen Transport verhindert und so mögliche Beweise vertuscht zu haben. Dass er schließlich nach Deutschland gebracht werden konnte, haben vor allem seine Frau und sein Team möglich gemacht. Sie hatten sehr hartnäckig den Behörden widersprochen. Die Ehefrau bat schließlich sogar Präsident Wladimir Putin, den Transport zu erlauben.

Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremlchefs. Er ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Nawalny holte die Opposition quasi aus der Schockstarre, nachdem der angesehene Regierungskritiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde. Mit detaillierten Recherchen zu Machtmissbrauch hat Nawalny den Kreml, den Geheimdienst und auch einflussreiche Oligarchen gegen sich aufgebracht. 2017 schreckte er auch nicht davor zurück, den damaligen Regierungschef Dmitri Medwedew Korruption im großen Umfang vorzuwerfen. Nawalny löste so eine Protestwelle aus.

Bundespräsident Steinmeier hofft auf Aufklärung

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erleichtert, dass Nawalny nun „in einem Krankenhaus und von Ärzten behandelt wird, die das Vertrauen der Familie genießen“. Es sei wichtig, „dass die Frage nach der Ursache der dramatischen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes“ beantwortet werde, sagte Steinmeier am Samstag am Rande seines Besuchs der Salzburger Festspiele. „Ich hoffe, dass alle diejenigen, die zur Klärung dieser Frage etwas beitragen können, dies tatsächlich tun.“

Im Fokus steht Nawalnys Team auch, weil Regionalwahlen in Russland anstehen. Mit ihrer Strategie einer so bezeichneten „klugen Abstimmung“ will es die Dominanz der Kremlpartei Geeintes Russland in den Regionen brechen. Die Taktik: Jede beliebige Partei zu wählen - nur nicht Geeintes Russland. Damit waren sie auch schon in der Vergangenheit unerwartet erfolgreich.

Dafür war Nawalny unter anderem auch in Sibirien unterwegs. Bei der Reise soll er nach einem Bericht von den Behörden beschattet worden sein. In dem Artikel der Moskauer Boulevardzeitung „Moskowski Komsomelez“ wird unter Berufung auf Sicherheitskreise genau beschrieben, wo sich Nawalny zu jedem Zeitpunkt aufhielt, mit wem er sprach und wo er übernachtete. „Das Ausmaß der Überwachung überrascht mich überhaupt nicht, wir waren uns dessen bereits bewusst“, schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch. „Aber es ist erstaunlich, dass sie nicht gezögert haben, allen davon zu erzählen.“

Der Jurist wollte nämlich am Donnerstag von Sibirien zurück nach Moskau fliegen. Am Flughafen in Tomsk habe er noch einen Tee getrunken, sagte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch. Während des Flugs habe er sich unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug landete dann in Omsk. Die Ärzte hatten dort nur von Stoffwechselproblemen gesprochen. Sein Team hält das aber für eine Lüge. Es geht davon aus, dass Nawalny Opfer eines Giftangriffs wurde.

Mitarbeiter Nawalnys wollen sich nicht einschüchtern lassen

Trotz der unklaren Situation wollen sich die Mitarbeiter Nawalnys nicht einschüchtern lassen. Die Stiftung werde ihre Arbeit fortsetzen, schrieb der Fonds-Leiter Iwan Schdanow auf Twitter. Auch die regelmäßigen Live-Auftritte im Internet setzten Nawalnys Mitarbeiter trotzig fort - in der Hoffnung, dass das prominenteste Gesicht bald wieder dabei sein wird.

Der Flug war eine private Aktion der Initiative Cinema for Peace um den Filmproduzenten Jaka Bizilj. Für die Kosten kam der russische Unternehmer und Mäzen Boris Simin auf, wie Nawalnys Mitarbeiter Wolkow betonte. Er bedankte sich auch bei Kanzlerin Angela Merkel, die eine Behandlung in einem deutschen Krankenhaus angeboten hatte.

Auch die deutsche Regierung setzt auf eine erfolgreiche Behandlung Nawalnys in Berlin. „Die Bundesregierung hofft, dass die Behandlung in der Charité zu einer Besserung seines Zustands führt und eine vollständige Genesung ermöglicht“, teilte ein Regierungssprecher am Samstag mit. Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD) sagte dem Onlineportal der „Neuen Westfälischen“ er wünsche sich, „dass Herr Nawalny wieder gesund wird. Und wir werden deutlich machen, dass wir als Demokraten es nicht akzeptieren, dass das Leben von Oppositionellen in Gefahr gebracht wird“.

Nach dem Abflug hatte Nawalnys Sprecherin Jarmysch geschrieben: „Der Kampf um Alexejs Leben und Gesundheit fängt gerade erst an, und es gibt noch viel zu tun. Zumindest ist aber jetzt der erste Schritt getan.“

Fall Nawalny: Forderung nach weiteren Sanktionen gegen Russland

Außenpolitiker von FDP, Union und Grünen fordern eine politische Antwort auf das Vorgehen der russischen Führung gegen ihre Kritiker. „Der Fall Nawalny trägt eindeutig die Handschrift des russischen Regimes“, sagte der FDP-Außenpolitiker Bijan Djir-Sarai den Partnerzeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR/ Montag).

Es sei an der Zeit, die von Außenminister Heiko Maas (SPD) nach dem Mord im Berliner Tiergarten angekündigten „weiteren Maßnahmen“ in die Tat umzusetzen. „Deutschland muss konkrete, personenbezogene Sanktionen gegen die Hintermänner von Anschlägen auf Oppositionelle ergreifen“, betonte der FDP-Politiker.

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Von Grünen und Union kamen Forderungen nach einer europäischen Antwort. Der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt sagte, Russland sei „kein vertrauenswürdiger Partner“. Und weiter: „Umso wichtiger wäre es, dass die Europäische Union eine gemeinsame klare Sprache gegenüber Russland findet, die auch die Wirtschaftsbeziehungen mit einbezieht.“

Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, sagte: „Der Kreml macht auch vor der Souveränität anderer Staaten nicht halt.“ Er erklärte: „Bei aller Notwendigkeit des kritischen Dialogs mit Russland muss die Bundesregierung dies im Klartext benennen und als Ratspräsident eine europäische Linie koordinieren.“ SPD-Außenpolitiker Nils Schmid sagte: „Wir dürfen uns keine Illusionen machen: Putin ist bereit, für den Machterhalt über Leichen zu gehen.“

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, sieht im Fall Nawalny keine zusätzlichen Belastungen für das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Es wäre nicht zu einem Transport Nawalnys nach Deutschland gekommen, wenn es dafür nicht grünes Licht aus Moskau gegeben hätte, sagte Ischinger dem „Tagesspiegel am Sonntag“.

++ Der Text wurde aktualisiert um 18.49 Uhr. ++

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