Nach dem Mädchenwunder Laura Tonke spielt im "Tatort: Schlafende Hunde" (So., 30.05., 20.15 Uhr, ARD)

Anfang der Neunziger war Schauspielerin Laura Tonke eine der größten deutschen Nachwuchshoffnungen. Mit Mitte Zwanzig geriert sie in eine Berufs-Krise. Mittlerweile hat die schöne Berlinerin ihre Balance im Leben gefunden.
30.04.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Eric Leimann

Anfang der Neunziger war Schauspielerin Laura Tonke eine der größten deutschen Nachwuchshoffnungen. Mit Mitte Zwanzig geriert sie in eine Berufs-Krise. Mittlerweile hat die schöne Berlinerin ihre Balance im Leben gefunden.

Als Laura Tonke mit 16 auf dem Schulhof für Michael Kliers Wendefilm "Ostkreuz" entdeckt wurde, war sie eine der höchstgehandelten Schauspielhoffnungen Deutschlands. Zwei Dekaden liegt das zurück, heute ist Laura Tonke 36 Jahre alt. Passiert ist in der Zwischenzeit nicht das, was man die ganz große Karriere nennt. Die beiläufig schöne Berlinerin blieb eine Kultschauspielerin. Zwischenzeitlich galt es, Krisen zu bewältigen - einmal sogar hängte sie ihren Beruf an den Nagel, arbeitete vier Monate lang in der Videothek. Mittlerweile hat Laura Tonke so etwas wie ihren Frieden mit der Welt gemacht. Nicht zuletzt deshalb sieht man sie wieder öfter im Fernsehen - zum Beispiel im "Tatort: Schlafende Hunde" (So., 30.05., 20.15 Uhr, ARD).

"Ich habe es mir immer ganz anders vorgestellt", erzählt sie in dem Dokumentarfilm "Mädchen am Sonntag" aus ihrem Leben. "Dass ich mit 18 ein Superstar bin, mit 19 nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld und mit 20 überlege, ein Parfüm zu kreieren. Dann habe ich mit 21 festgestellt, dass ich über ein Jahr gar nichts gearbeitet hatte." Fünf, sechs Jahre liegt diese stimmungsvolle Arbeit des Regisseurs RP Kahl zurück. Damals gab es im Leben der späten Nachwuchshoffnung noch Reste jener Befindlichkeitskrise, die sie aus dem Beruf aussteigen ließ, weil jene "hohen Erwartungen", über die sie offen spricht, sich nicht erfüllt hatten. Laura Tonke gehört zu jener seltenen Gattung Mensch, die sich ihr Leben von außen betrachten kann, um darüber zu lächeln. Lässig und ironisch kann sie sein, ein bisschen melancholisch auch. Aber immer verblüffend ehrlich und ganz ohne Größenwahn.

Laura Tonke stammt aus einer musischen, bildungsnahen Familie - der Vater Filmausstatter, die Mutter Künstlerin. "Ich kenne auch fast nur Leute, die Künstler sind", sagt sie fast ein bisschen entschuldigend. Vielleicht auch, weil sie keinen Fernseher hat, obwohl sie mit ihrer aktuellen Rolle bereits zum vierten Mal in einem "Tatort" mitspielt. Dort hat sie diesmal eine Liebesszene mit dem reifen Jürgen Prochnow zu spielen. Privat lebt Laura Tonke mit einem Foto- und Videokünstler zusammen. Zwischen Fernseh- und Filmjobs tourt sie mit der deutsch-englischen Performance-Gruppe Gob Squad, die Realität und Theatralisches miteinander verknüpfen will und vorzugsweise an öffentlichen Orten auftritt. "Die Arbeit mit Gob Squad füllt mich künstlerisch total aus. Wenn dann zwischendurch mal ein 'Tatort' kommt, ist das wie ein Geschenk für mich. Ein kleines Extra, über das ich mich im Gegensatz zu früher richtig freue."

Ach, früher. Da gab es ja diese hohen Erwartungen. "Mit 27 oder 28 hatte ich eine ernste berufliche Lebenskrise. Da lief es nicht so, wie ich meinte, dass es laufen müsste. Im Jahr 2000 hatte ich die "Goldene Kamera" als beste Nachwuchsschauspielerin bekommen, und ich dachte, jetzt läuft es super. Dann kam aber nichts." Tatsächlich hoffte Laura Tonke, die nie eine Schauspielschule besuchte, durch ihre Entscheidung für engagierte Independent-Filme einen hohen Qualitätsstandard zu wahren. Doch die meisten ihrer Filme blieben unbeachtet, die Rollen nicht im Gedächtnis haften. Die große Karriere machten andere, auch wenn Rollen wie die der Gudrun Ensslin im Film "Baader" ihr 2003 eine Nominierung für den "Deutschen Filmpreis" und damit einen Achtungserfolg einbrachten.

"Wenn keine guten Rollen kamen, frustrierte mich das früher viel mehr als heute. Ich gehe nicht mehr so tief in die Enttäuschung hinein, wie auch in die Begeisterung. Das mache ich nicht mehr, es ist mir zu anstrengend." Als Tonke vor acht Jahren eine Weile in einem Videoladen arbeitete, kam ihr die Erkenntnis, wie sehr sie ihren Beruf eigentlich liebte. "Mir macht Drehen mittlerweile so viel Spaß. Mit Mitte zwanzig war das anders, damals war ich immer die Süße und wurde vergewaltigt. Ich wollte aber nicht mehr vergewaltigt werden und auch keine Arzttochter spielen. Deshalb bin ich dann so ein bisschen in die düstere Ecke gegangen."

Laura Tonke spielte in Independent-Perlen wie Christoph Hochhäuslers verstörendem Film "Falscher Bekenner" oder Eoin Moores Saunagroteske "Im Schwitzkasten". Mittlerweile sieht man sie auch wieder in "mainstreamigeren" Produktionen. Der eine oder andere "Tatort", der RTL-Eventfilm "Tarragona". In der finalen Staffel der hoch dekorierten ZDF-Krimiserie "KDD" spielt Laura Tonke die neue Polizistin an der Seite von Teamkollegin Jördis Triebel.

Demnächst kommt ein Schweizer Bollywood-Musical in die Kinos - "Madley in Love", darin singt die Schauspielerin tamilisch - wenn auch nur im Playback. Über die Gründung einer Familie macht sich Laura Tonke ebenfalls Gedanken, schließlich ist man ja gerade 36 geworden.

Die Experimente in ihrem Leben werden jedoch, wenn es gut läuft, wohl niemals aufhören. Im Herbst 2009 veröffentlichte sie ein Buch mit Zeichnungen, die sie mit einer auf Facebook erhältlichen Software erstellt hat. "Da habe ich einfach aufgemalt, was mir so passiert ist am Tage. Es hat gut getan, mal etwas was in Eigenregie zu machen." Als größte Errungenschaft ihres erwachsenen Lebens betrachtet das Post-Mädchenwunder jedoch ihre Gelassenheit. "Ich war sehr streng - gerade mit Mitte zwanzig. Bestimmte Dinge widerstrebten mir so sehr, dass ich wusste, ich würde nicht gut darin sein. Ich brauchte lange, bis ich dazu in der Lage war, einen ordentlichen Job zu machen in etwas, was vielleicht nicht hundertprozentig meins war." Heute mag sich Laura Tonke auch in Filmen, die sie selbst anders gedreht hätte. Keine schlechte Voraussetzung, wenn man noch ein paar Jahre bis zur Schauspielrente vor sich hat.

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