Mit dem Hurtigrutenschiff "Midnatsol" zu Nordlichtern und Walen

Magisches Himmelsfeuer und Meeresriesen

Der erste prüfende Blick beim Beziehen der Kabine fällt auf die Telefonanlage. Das grüne Licht muss leuchten, nur dann hören die Passagiere auch mitten in der Nacht die Durchsage, dass Nordlichter zu sehen sind.
05.12.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Steffi Urban
Magisches Himmelsfeuer und Meeresriesen

Beste Aussichten: Über dem Hurtigruten-Schiff „Midnatsol“ tanzen spektakuläre Nordlichter über den Himmel.

Thomas Bujack

Der erste prüfende Blick beim Beziehen der Kabine fällt auf die Telefonanlage. Das grüne Licht muss leuchten, nur dann hören die Passagiere auch mitten in der Nacht die Durchsage, dass Nordlichter zu sehen sind. Für viele Gäste des Hurtigrutenschiffes „Midnatsol“ ist das magische Himmelsschauspiel einer der Gründe, im Winter die norwegische Küste entlangzuschippern – vorbei an weißgepuderten Bergketten, bunt gesprenkelten Hafenstädtchen, hinein in tiefe Fjorde und immer weiter hinauf in den eiskalten und dunklen Norden.

In der ersten Nacht an Bord bleibt die Sprechanlage allerdings stumm. Wolken verdecken den Blick auf die meist grün, aber auch rot schimmernde Leuchterscheinung, die seit Jahrhunderten fasziniert und um die sich verschiedene Mythen ranken. Also bleibt es erst einmal bei einer Lektion Nordlichttheorie. Ein Experte auf dem Gebiet ist Per Helge Nylund vom Tromsø University Museum. Er hat am Vortag im Planetarium der mit rund 70 000 Einwohnern größten Stadt Nordnorwegens erste Zeichnungen der Aurora Borealis gezeigt und erläutert, dass das Himmelsfeuer vor langer Zeit ganz unterschiedlich gedeutet wurde: mal als göttliches Zeichen und Botschaft aus dem Jenseits, mal als Signal für drohende Kriege und Hungernöte.

Viele Touristen wollen dieses Schauspiel mindestens einmal erleben. Doch auch viele Bewohner des hohen Nordens können sich nicht daran sattsehen. „Selbst beim Müllrausbringen verharre ich in der Kälte, um den tanzenden grünen Schleier zu bewundern“, sagt Ellen Kachel vom nordnorwegischen Touristenbüro, die in ihrem Leben bereits unzählige Nordlichter gesehen hat. Allein in Tromsø seien sie rund 100 mal im Jahr zu erleben, so Nylund.

Die Stadt bietet aber auch neben den Nordlichtern Erlebenswertes. Davon können sich die Passagiere der Hurtigruten überzeugen. Das „Paris des Nordens“, wie Tromsø gern bezeichnet wird, ist einer der 34 Häfen, die die Schiffslinie ansteuert. Wer dort von Bord geht, kann nicht nur dem Planetarium des Landes eines Besuch abstatten oder einen polarhistorischen Spaziergang unternehmen, sondern auch mit dem Schlitten von Huskys über verschneite Ebene gezogen werden – oder ein Naturschauspiel genießen, das es in der Region erst seit rund vier Jahren zu bestaunen gibt.

Farbtupfer im Schnee: Honningsvåg, weit nördlich des Polarkreises, ist einer von 34 Hafenorten der Hurtigrute. Von dort aus geht es zum Nordkap.

Farbtupfer im Schnee: Honningsvåg, weit nördlich des Polarkreises, ist einer von 34 Hafenorten der Hurtigrute. Von dort aus geht es zum Nordkap.

Foto: Steffi Urban

Stein Are Paulsen steuert das Tragflächenboot an diesem trüben Tag im November gemächlich aus dem Hafen heraus, vorbei an der markanten Eismeerkathedrale, dem Wahrzeichen der Stadt. Die Passagiere sind in dicke Overalls gehüllt. Obwohl ein eisiger Wind weht, verharren sie an der Reling. Ihr Blick wandert suchend über das Wasser. Nach einstündiger Fahrt wird es unruhig an Deck. Ist das eine Finne, die nur wenige Meter entfernt aus dem Wasser ragt? Der Eindruck täuscht nicht. Eine Herde Orcas zieht am Schiff vorbei, zeigt beim Auftauchen ihre typisch schwarz-weiße Haut, taucht wieder ab und wieder auf, immer mehr Wale tummeln sich um das Schiff, nähern sich und ziehen wieder von dannen.

Buckelwale beobachten

In der Ferne stieben plötzlich Fontänen auf. Sie stammen von Buckelwalen, die auf Beutezug sind. Paulsen steuert vorsichtig in ihre Richtung. Er will die majestätischen Tiere nicht erschrecken, drosselt die Motoren. Er weiß um die Sensibilität der Meeresriesen und um das Besondere ihres Anblicks: „Es gab hier 80 Jahre lang keine Wale. Früher war es ein Bonus, zum Nordlicht auch einen Wal zu erblicken, jetzt ist in den Wintermonaten beides möglich“, sagt Paulsen. Der Grund dafür sei, dass seit vier Jahren in den Gewässern vor Tromsø große Heringsschwärme vorkommen – ein gefundenes Fressen für die Wale.

Wieder zurück im Hafen von Tromsø geht es an Bord der „Midnatsol“ (Mitternachtssonne). Der Hurtigrutendampfer ist ein paar Nummern größer als Paulsens Boot und verfügt über fast 300 Kabinen. Es ist eines von elf Schiffen, die auf der rund 2500 Kilometer langen Strecke von Bergen bis nach Kirkenes an der russischen Grenze verkehren. Die Schiffslinie hat eine lange Tradition. Vor mehr als 120 Jahren wurde der Liniendienst aufgenommen, um Post, Waren und Passagiere in den unwegsamen Norden zu transportieren. Das ist auch heute noch so. Zudem gilt die Hurtigrutenfahrt inzwischen bei Touristen als eine der schönsten Seereisen der Welt.

Zwölf Tage dauert die komplette Tour von Bergen nach Kirkenes und zurück. Es ist aber möglich, Teilstrecken zu buchen, etwa von Tromsø bis zur russischen Grenze. Schon diese Zwei-Tages-Reise vermittelt imposant den Reiz einer Seefahrt im hohen Norden – auch oder gerade im Winter. Das kaum noch vorhandene Tageslicht verströmt einen eigenen Zauber aus Helligkeit und Schattenspielen. Der Blick aus dem Bullauge offenbart eine abwechslungsreiche Landschaft.

Am Vormittag erreicht die „Midnatsol“ das Städtchen Honningsvåg. Die rot, gelb oder blau gestrichenen Häuser geben dem schneeweiß getünchten Hintergrund etwas malerisch Impressionistisches. Das Wetter meint es an diesem Tag gut mit denen, die an Land gehen und mit Bussen zum Nordkap fahren. Das Plateau ist zwar nicht ganz der nördlichste Punkt Europas, aber hoch oben, auf den steil abfallenden Klippen, an denen sich die aufgewühlte See bricht, fühlt es sich wie das Ende der Welt an.

Die Hurtigruten-Flotte fährt von Bergen bis Kirkenes und passiert dabei imposante Fjorde und Bergformationen.

Die Hurtigruten-Flotte fährt von Bergen bis Kirkenes und passiert dabei imposante Fjorde und Bergformationen.

Foto: Steffi Urban

Zurück auf dem Schiff bricht bereits am Nachmittag die Nacht herein. Für die Gäste an Bord steht der Besuch eines Königskrabbenfischers samt Beute auf dem Programm. Zudem kann sich die Zeit regelmäßig mit Vorträgen, Sport, Sauna, Kino und weiteren Aktivitäten vertrieben werden. Und natürlich hoffen die Passagiere mit einem Ohr immer auf die Durchsage: „Nordlichter zu sehen.“ Doch die Geduld wird weiter auf die Probe gestellt – und die Wartezeit mit einem typisch nordischen Mal versüßt. Die Köche an Bord arbeiten mit 35 lokalen Produzenten entlang der Küste zusammen, tischen frischen Fisch und Spezialitäten der Region auf. Im Kochbuch „Norway‘s Coastel Kitchen“ sind die besten Rezepte zusammengefasst.

Nur sehr selten wird das Essen verschoben, zum Beispiel bei schwerem Seegang. „Das Wetter, die Herbst- und Winterstürme, sind um diese Jahreszeit die größte Herausforderung“, sagt Maryann Bendiksen. Sie ist Chief Officer und steuert die hochhaushohe „Midnatsol“ gerade in den engen Hafen von Mehamn. Diese kleinen Anlaufstellen mit wenig Platz zum Wenden fordern ihre volle Konzentration. 22 Tage am Stück ist sie im Dienst, arbeitet zwölf Stunden täglich auf der Brücke. In der Nacht hält sie zudem Ausschau nach Nordlichtern und gibt der Rezeption Bescheid, damit von dort aus der Weckruf für die Passagiere erfolgen kann. Doch auch in der zweiten Nacht an Bord wird niemand aus dem Schlaf gerissen. Das Himmelsspektakel zeigt sich pünktlich nach dem Abendessen.

In Windeseile ziehen die Passagiere warme Jacken, Mützen und Handschuhe an. An Deck haben es sich bereits die ersten in Liegestühlen bequem gemacht. Es ist eine sternenklare Nacht. Am Himmel tauchen die ersten grünlichen Schleier auf. Doch dies ist nur das Vorspiel. Plötzlich entfaltet das Nordlicht seinen ganzen Reiz. Es ist, als ob jemand einen tiefgrünen Vorhang durch die Dunkelheit flattern lässt. Mal breitet sich dieser glatt über dem Himmel aus, mal wirft er Falten, die am Horizont tanzen, mal bildet er die Formen einer grünlichen Rauchwolke. Die Eiseskälte ist vergessen. Man kann sich kaum sattsehen an diesem Lichtspiel, das sich abschwächt und wieder aufflammt. Bis weit nach Mitternacht harren die Passagiere aus – bis der letzte grüne Schein verglimmt.

Weitere Informationen zu den Hurtigruten-Schiffstouren und Nordlichtreisen gibt es unter www.hurtigruten.de. Wer übrigens auf einer zwölftägigen Reise im Januar oder Februar von Bergen nach Kirkenes und zurück keine Nordlichter zu sehen bekommt, der kann im Jahr darauf den ersten Teil der Reise kostenlos wiederholen. Reisetipps zu Nordnorwegen gibt es unter www.nordnorge.com/de.

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