Kommentar über die psychischen Folgen der DDR

Mehr Respekt für die Zeitzeugen

Viele ehemalige DDR-Bürger und ihre Nachfahren sind traumatisiert. Die Auswirkungen davon sind noch heute spürbar. Damit muss sich Deutschland endlich auseinandersetzen, fordert unsere Autorin Eva Przybyla.
02.10.2019, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Mehr Respekt für die Zeitzeugen
Von Eva Przybyla

Nach 29 Jahren sind wir endlich fertig mit der Einheit. Dieser Eindruck kann aufkommen, wenn man sich dazu aktuelle Umfragen anschaut. Mehr als die Hälfte der Deutschen hält demnach die Deutsche Einheit für gelungen. Dabei hat die eigentliche Vergangenheitsarbeit noch gar nicht begonnen. Denn um die psychischen Folgen des SED-Regimes für die Mehrheit der früheren DDR-Bürger ging es bisher viel zu wenig. Dabei haben viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese untersucht und dokumentiert. Sie haben festgestellt, dass Ostdeutsche sich häufiger als Spielball der gesellschaftlichen Ereignisse betrachten. Außerdem glauben viele DDR-geprägte Menschen noch heute an eine grundsätzliche Unfairness des Systems sowie der Gesellschaft – eine Einstellung, die etwa Geschäftsgründungen erschwert oder sogar unmöglich macht. Dieses Denken kann laut manchen Experten sogar Gehaltseinbußen zur Folge haben. Außerdem sind Ostdeutsche häufiger neurotisch als Westdeutsche und leiden eher unter Angststörungen. Experten zufolge sind viele Ostdeutsche traumatisiert. Noch heute ist die Suizidrate in den neuen Bundesländern höher als in den alten.

Traumatisiert durch früheren Alltag

Glaubt man dem Magdeburger Psychologie-Professor Jörg Frommer, sind längst nicht nur ehemalige DDR-Häftlinge traumatisiert, sondern viele mehr. Das verwundert kaum, angesichts der vielen möglichen Peinigungen durch das SED-Regime im früheren Alltag der Bürger. Sei es in den brutalen Jugendwerkhöfen zur Umerziehung, im staatlichen Doping-Programm, unter lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen und nach staatlich verordneten Impfungen, durch die tausende Frauen mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert wurden. Dazu waren Angst und Misstrauen vor der umfassenden Überwachung durch das damalige Ministerium für Staatssicherheit ständige Begleiter. Experten zählten einen Stasi-Mitarbeiter je 50 DDR-Bürger – selbst im Vergleich mit anderen Diktaturen war das eine hohe Überwachungsdichte. Bemerkten die Spitzel bei Menschen abweichendes Verhalten, folgten schnell Vorladungen und Einschüchterungen.

Fakt ist heute: Vor 29 Jahren wuchs die Bundesrepublik um 16 Millionen Menschen an, die überwiegend nur in Diktaturen gelebt hatten. Viele dieser neuen Bundesbürger hat das SED-Regimes von Kindesbeinen an verletzt, gewaltsam geformt und eingeengt. Es hat ihre Lebensplanung bestimmt. Wie das für die Menschen war, wird heute kaum thematisiert. Das ist faszinierend. Schließlich philosophieren hierzulande viele Menschen etwa erbittert darüber, wie es in Frauen aussieht, die Kopftücher tragen. Oder was wohl in Flüchtlingen vorgeht, die viele Jahre vor Verfolgung fliehen mussten. Aber auf Twitter, an Schulen, an Universitäten oder auch am Arbeitsplatz wird kaum gefragt, mit was für psychischen Folgen Opfer des SED-Regimes und ihren Nachfahren kämpfen, die heute in ganz Deutschland wohnen.

Zeitzeugen-Programme mit den DDR-Bürgern sind eher die Ausnahme als die Regel. Dabei wären die Erfahrungen dieser Menschen gerade jetzt, wenn immer mehr Rechtspopulisten, Verschwörungstheoretiker, und Rechtsextreme demokratische Grundsätze infrage stellen, so wichtig. SED-gepeinigte Bürger könnten schildern, was es heißt, in einer Scheindemokratie zu leben, in der es keine freie Wahlen gab. Sie könnten auch von geschlossenen Grenzen erzählen, von perfekter Überwachung und staatlicher Gewalt gegen Andersdenkende.

Mehr Aufklärung

Es braucht jetzt endlich eine echte Erinnerungskultur. Dafür sollte die Politik viel mehr ehemalige DDR-Bürger als SED-Opfer anerkennen. Es braucht mehr Aufklärung darüber, wie viele Menschen selbst im Alltag unter dem Regime gelitten und Folgeschäden davon getragen haben. Außerdem sollte offen über die Folgeerkrankungen gesprochen werden, wie etwa Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen. Politik und Gesellschaft sollten Betroffenen das Gefühl vermitteln, dass sie trauern dürfen und dass es einen Raum für ihre Erlebnisse in der Diktatur gibt.

Diese Erinnerungskultur wäre der Versuch, Gespräche von den Familientischen und aus den Therapiezimmern in die Öffentlichkeit zu verlegen und ihnen so einen Platz in der Gesellschaft zu geben. So könnte man auch die Weitergabe der Traumata stoppen. Denn wie schon vielfach bewiesen, gelangen Traumata auch in die nachfolgenden Generationen und lösen Erkrankungen aus. Dazu geben Eltern auch negative Denkmuster an ihre Kinder weiter. Dieses Phänomen muss ein Ende haben.

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