Interview mit ZDF-Moderator Dirk Steffens "Mein Gott, ist die Erde schön"

ZDF-Moderator Dirk Steffens spricht im Interview über die Arbeit als Naturreporter, seine Show "Planet Erde" und Heimweh auf Dienstreisen.
02.03.2018, 16:59
Lesedauer: 7 Min
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Von Manfred Ertel

ZDF-Moderator Dirk Steffens spricht im Interview über die Arbeit als Naturreporter, seine Show "Planet Erde" und Heimweh auf Dienstreisen.

Haben Sie eigentlich noch Lust auf Reisen zu gehen?

Ich sehne mich schon oft danach, einfach nur die Füße hoch zu legen. Denn das Anreisen und Abreisen ist im Laufe der Jahre doch ein bisschen lästig geworden. Aber das „dort sein“ ist dann immer noch so schön wie beim ersten Mal. Das ist so wunderbar am Naturfilmen, anders zum Beispiel als bei Politikerinterviews: Es ermüdet nicht. Der Elefant heute ist noch genauso faszinierend wie der erste vor 25 Jahren.

Ist ein Privaturlaub mit Ihrer Frau dann der Gegenentwurf mit Campen an der Ostsee oder Wandern im Harz?

Wenn’s nach mir ginge, ja. Dann würden wir nur in unserem kleinen Ferienhaus an der Ostsee rumhängen. Aber ich bin halt nur 50 Prozent der Entscheidung. Die anderen 50 tendieren dazu, Trekking-Fernreisen zu machen.

Ihr Leben findet großenteils in Flugzeugen und exotischen Gegenden statt, was bedeutet Hamburg da für Sie?

Heimat, und die wird immer wichtiger. Das Reisen funktioniert nicht ohne einen Bezugspunkt, an den man sich zurücksehnt, von dem man träumt, nach dem man Heimweh hat. So nach knapp zwei Wochen fängt das bei mir an: Heimweh nach meiner Frau, nach meinem eigenen Bett, nach den Katzen, nach all den Dingen, die für mich Zuhause bedeuten. Heimat ist für mich der Ort, wo man sich nicht erklären muss, wo man einfach sein kann und aufgehoben ist. Denn mein Beruf besteht daraus, an Orte zu fahren, wo ich rein biologisch betrachtet nicht hingehöre. Zum Beispiel unter Wasser oder auf den Gipfel eines Vulkans.

Sie wurden mal als „Indiana Jones des ZDF“ bezeichnet. Weil Ihre Arbeit nicht immer glimpflich abgeht?

Das ist ein hübscher und eigentlich etwas schmeichelhafter Vergleich. Der Mann besteht die wildesten Abenteuer, ist aber von Haus aus Wissenschaftler. Und mein wirklicher Beruf ist ja auch Wissenschaftsjournalist. Aber Abenteuer sind für mich nur eine Begleiterscheinung, wenn sie einer Erklärung oder einer guten Geschichte dienen. Im Grunde könnte ich auf Abenteuer gut verzichten. Die sind hinderlich, rauben viel Zeit und Energie, die wir eigentlich zum Filmen brauchen.

Einmal hat Ihnen ein Felsbrocken das halbe Gesicht zerschmettert.

Das sieht man kaum noch. Seit die Ärzte im UK Eppendorf mein Gesicht repariert haben, lästere ich auch nicht mehr über Schönheitschirurgie, die ist für Unfallopfer ein Segen. Aber trotz dieses Unfalls halte ich meinen Beruf nicht für besonders gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich kaputte Bandscheiben, Übergewicht oder eine Herz-Kreislauferkrankung hätte, wenn ich die letzten 26 Jahre auf einem Bürostuhl verbracht hätte, ist sehr viel höher, als die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf einer Expedition verunglücke.

Welches Stück Welt fasziniert Sie am meisten?

Ich mag es nordisch. Palau ist zwar in der Südsee und aus persönlichen Gründen mein Lieblingsland, weil ich dort Freunde gefunden habe und eine meiner schönsten Drehzeiten verleben durfte. Aber wenn sie mich nach Landschaft fragen, bin ich eher der Typ Patagonien, Norwegen. Ich bin so nordisch, wie man es nur so kein kann. Wärmer als 25 Grad finde ich dauerhaft anstrengend.

Welche Veränderung in der Welt hat Sie am meisten erschüttert?

Da gibt es jetzt leider inzwischen so einige. Wenn man zum Beispiel mal im Hinterland von China war und sieht, wie krass Luftverschmutzung und Umweltzerstörung da sind, dann ist das tief erschütternd. Das gilt auch für einige Regionen von Indien, wo Überbevölkerung und Verschmutzung ein Ausmaß erreicht haben, dass die Menschen mehr quält, als alle politischen, militärischen oder terroristischen Unruhen. An den negativen Hotspots dieser Welt gibt es fürchterliche Zustände.

Sie fühlen sich wohler, wenn Sie mit Haien im Atlantik schwimmen, als im Scheinwerferlicht, haben Sie mal gesagt, trotzdem machen jetzt aber auf Ihrer Tournee das glatte Gegenteil.

Ja, Das ist wahr, aber deshalb bin ich auch viel nervöser als vor einer Expedition in den Kongo. Mich macht der Gedanke daran nervös, in einer bestimmten Sekunde auf die Bühne gehen zu müssen und dann sitzen da zehntausend Menschen, blicken mich an und erwarten, dass ich irgendwas Sinnvolles tue oder sage. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie vor zehntausend Menschen in einem Saal aufgetreten. Fernsehen ist viel einfacher, da schaut mir nur eine Kamera zu.

Bei ihrer Tournee „Living Planet“ vor einem Jahr haben Sie den Raubbau an Arten und Ressourcen thematisiert. Jetzt geht es um Bilder von faszinierenden Welten. Heißt das, weniger Aufklärung, mehr Show?

Die „Living Planet Tour“ geht ja nächstes Jahr weiter. Dieses Jahr zeigen wir Ausschnitte aus der wohl besten Naturfilm-Reihe, die es gibt. Keine Bilder, bei denen man wegdösen kann, so wie bei einigen Tierfilmen, die nachmittags im Fernsehen laufen, sondern eine Hochglanzdokumentationen, faszinierend gedreht, aufwendig produziert. Da bleibt einem vor Begeisterung manchmal glatt die Luft weg. Diese Form von Kinokunst kann Menschen für Natur neu begeistern und erfüllt so eine wichtige Funktion. Denn Begeisterung ist die Voraussetzung dafür, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen. Nur wer die Natur liebt, setzt sich auch für deren Schutz ein. Für mich persönlich wäre es das schönste, wenn möglichst viele aus der Show rausgehen und sagen: Mein Gott ist die Erde schön. Wenn die dann am nächsten Tag den Fernseher einschalten und eine kritische Umweltreportage sehen, sind die dafür garantiert viel offener als vorher.

Sie berühren mit Ihren Naturfilmen Woche für Woche Millionen Menschen. Wo bleibt deren Aufschrei, wenn Umweltschutz wie jetzt bei den Koalitionsverhandlungen fast völlig unter den Tisch fällt?

Ich verstehe das auch nicht. Ich bin total entrüstet, dass schon bei den Sondierungsgesprächen die Klimaziele in Frage gestellt wurden. Da fehlen mir echt die Worte. Wir haben zwar eindeutige wissenschaftliche Daten, aber wenn es darum geht, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, sind wir Menschen, mich natürlich eingeschlossen, so inkonsequent, dass es einen manchmal schon in die Depression stürzen kann.

Brauchen wir ein gesellschaftliches Bündnis für Umwelt?

Gefühlt haben wir das ja. Jeder, den man anspricht, ist natürlich für den Umweltschutz. Irgendwie zumindest. Auch die Kanzlerin, die sich gern Klimakanzlerin nennen lässt, obwohl Deutschland seine eigenen CO2-Emissionsziele krachen verfehlt. Gefühlt sind wir zwar Umweltweltmeister, aber tatsächlich hat Deutschland seine Vorreiterrolle verloren. Sogar China hat teilweise ambitioniertere Ziele bei der E-Mobilität oder bei erneuerbaren Energien als wir. Dabei sollte eigentlich die deutsche Autoindustrie voranschreiten, schließlich entscheiden moderne Antriebstechniken darüber, ob wir in einigen Jahren immer noch ein großer Auto-Exporteur sein werden.

Wenn überhaupt, reden alle über Klima. Warum ist Artensterben so unterbewertet?

Ich hoffe, dass das nur ein Problem der Wissenskommunikation ist. Der Klimawandel ist in den fünfziger Jahren physikalisch verstanden worden, in den siebziger Jahren war das in der Wissenschaft Erkenntniskonsens, aber gesellschaftlich richtig groß geworden ist das Thema erst 2006 mit dem Film von Al Gore. Das heißt, Wissen und Wissenschaft allein reichen nicht aus. Es muss auch noch eine Initialzündung in der gesellschaftlichen Kommunikation geben. Beim Artensterben haben wir die ganz offenbar noch nicht erlebt. Dabei ist das möglicherweise ein viel größeres Problem als der Klimawandel.

Warum?

Bis zu 75 Prozent der Fluginsekten hierzulande sind bereits verschwunden, heißt es. Wenn das stimmt, ist es bedrohlich, denn wir brauchen die Insekten als Bestäuber in der Landwirtschaft, damit unsere Bauern genug Nahrungsmittel produzieren können. Einfach gesagt: Wenn diese Insekten weg sind, haben wir nichts mehr zu essen. Lassen Sie diesen Satz mal sacken, machen Sie sich klar, was das bedeutet. Wenn sich das Klima extrem verändert, wird die Welt zwar auch chaotisch, aber wir sterben nicht sofort. Das Artensterben hingegen ist absolut existenziell für uns Menschen.

Gibt es beim Artenschutz zu wenig Streichelzoo und niedliche Bilder?

Der Streichelzoo ist sogar ein Problem. Wenn ich von Artensterben rede, denken die Leute an Eisbären oder Pandas. Aber mal ganz hart gesagt: Wenn der Eisbär morgen ausstirbt, ist das zwar bedauerlich, aber für uns hier in Deutschland doch eigentlich nicht so wichtig. Verändert sich dann unser Leben? Nein! Das Problem ist nicht, dass ab und zu mal eine sympathische Tierart verschwindet, sondern dass wir das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier erleben. Hunderte, tausende Arten sterben fast gleichzeitig aus. Und wenn die zusammenbrechen sollten, wird es auch für uns eng. Ohne Bienen keine Äpfel – oder zumindest nicht mehr so viele.

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Seit über 20 Jahren bereist Dirk Steffens die Welt, über 120 Länder hat er gesehen, aber sein Enthusiasmus scheint ungebrochen wie am ersten Tag. „Wenn man Glück hat, ist es wie in einer guten Liebesbeziehung“, sagt der Autor und Dokumentarfilmer, „am Anfang ist man stürmisch verliebt, und später hat die Liebe einen anderen Rhythmus, tiefer und intensiver. Ein bisschen ist das bei meiner Arbeit auch so.“ Mit Anfang 20 hat er als Naturfilmer angefangen, „weil ich das cool fand, um die Welt zu reisen, Abenteuer zu erleben und in die Wildnis raus zu fahren. Irgendwann ist daraus ein sehr ernsthaftes Interessen an Naturthemen und Naturwissenschaft geworden.“ Steffens, 50, versteht sich als „Naturreporter“ und ist meistens mittendrin, ob beim Tauchen, Klettern oder auf dem Gletscher. Seit 2008 moderiert er die ZDF-Sendung TerraX. Jeden Sonntag berichtet er am Vorabend für über fünf Millionen Zuschauer von den Schönheiten der Erde. Im März wird er mit der Show „Planet Erde II“ in Hamburg und zehn weiteren großen Hallen Deutschlands sowie in Wien faszinierende Bilder aus verborgenen und geheimnisvollen Welten präsentieren – eine Mischung aus Naturfilmen und Sinfoniekonzert, unter anderem mit Musik von Oscar-Preisträger Hans Zimmer. Durch seine Reportagen erwarb sich Steffens eher ungewollt den Ruf eines Umweltaktivisten. Er bekleidet mehrere Ehrenämter, unter anderem als Uno-Botschafter für biologische Vielfalt. Und er ist Honorarkonsul des Südsee-Inselstaats und Unterwasserparadieses Palau.

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PERSÖNLICH

Die drei wichtigsten Dinge in meinem Reisegepäck...

...sind meine Laufschuhe, mein Smartphone mit Musik und ein paar guten Filmen drauf, und ein Buch aus Papier.

Wenn ich mal Zeit in Hamburg habe...

...gehe ich gerne Joggen um die Alster und in meinen Paddelverein, um möglichst viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen.

Meine Hobbys sind...

... Sport. Ich bereite mich grad auf meinen ersten Triathlon vor, ich bin Marathonläufer und paddel viel.

Abschalten kann ich am besten...

...beim Lesen, ein richtiges Buch aus Papier. Ich habe grad „Homo Deus“ gelesen, wo es darum geht, wohin sich die Menschheit entwickelt. Ich lese mehr Sachbücher als Belletristik, aber auch die manchmal gerne, wie zuletzt „Die Geschichte der Bienen“ oder „Altes Land“. Meine Frau schleppt immer die guten Bücher an.

Gegen Jetlag hilft....

...nichts. Den kann man nur erleiden.

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