"Ich fange gleich an abzuballern"

Michael Gwisdek ärgert sich maßlos über den ZDF-Film "Schmidt & Schwarz" (Mo., 21. Mai, 20.15 Uhr)

"Über diesen Film ärgere ich mich die Platze", flucht Michael Gwisdek. Eine Abrechnung mit dem deutschen Fernsehspielbetrieb, die sich gewaschen hat.
11.05.2012, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Von Jens Szameit
Michael Gwisdek ärgert sich maßlos über den ZDF-Film "Schmidt & Schwarz" (Mo., 21. Mai, 20.15 Uhr)

"Über diesen Film ärgere ich mich die Platze": Für Michael Gwisdek ist die finale Fassung der ZDF-Komödie "Schmidt & Schwarz" eine persönliche Katastrophe.

ZDF / Stefan Erhard

"Über diesen Film ärgere ich mich die Platze", flucht Michael Gwisdek. Eine Abrechnung mit dem deutschen Fernsehspielbetrieb, die sich gewaschen hat.

Uff. Wenn man den ZDF-Film "Schmidt & Schwarz" (Montag, 21. Mai, 20.15 Uhr) sieht, kann man kaum begreifen, was den Hauptdarsteller derart in Rage bringt. Aber man kann erahnen, was bei dieser durchaus vergnüglichen Krimikomödie schiefgegangen ist. Die Ex-Eheleute Michael Gwisdek und Corinna Harfouch zoffen sich als Detektiv und Kommissarin nach allen Regeln der Screwball-Kunst. Das hat wunderbar böse Anlagen, die schlussendlich aber leider auf die seichte Fernsehspielbahn driften. Für den Zuschauer ist das ein bisschen schade. Für Michael Gwisdek, dessen Ehefrau Gabriela das von der Produktion zerrupfte Drehbuch schrieb, ist das Ergebnis eine persönliche Katastrophe. Talkshows und Zeitungsinterviews hat der 70-jährige Berliner alle abgeblasen. Dies hier ist sein einziges Statement zum Film. Und was für eins ...

teleschau: Herr Gwisdek, "Schmidt & Schwarz" ist ein außergewöhnlicher Film ...

Michael Gwisdek: Sie finden den außergewöhnlich?

teleschau: Durchaus.

Gwisdek: Scheiße! Alle finden den Film toll! Ich suche händeringend einen Journalisten, der das Ding in der Luft zerreißt!

teleschau: Wieso denn das?

Gwisdek: Über diesen Film ärgere ich mich die Platze! Auch wenn die ganze Welt "Schmidt & Schwarz" toll findet, mich bringt das Ding um.

teleschau: Das müssen Sie bitte erklären.

Gwisdek: Eigentlich wollte ich mich dazu nicht äußern, das gelingt mir aber nicht, denn es waren drei Jahre meines Lebens harte emotionale Auseinandersetzung mit wechselnden Produzenten. Aus meiner Sicht sind wir mit den Träumen, die wir hatten, gescheitert. Wir wollten hoch hinaus und sind im Mittelmaß ersoffen. Peng!

teleschau: Wir - das sind wohl Sie, Ihre Frau, die das Buch schrieb, und ihre Ex-Frau Corinna Harfouch?

Gwisdek: Ja. Stellen Sie sich vor, Sie sind Picasso und haben Ihre blaue Phase. Sie wollen das ultimative blaue Bild malen und alle sagen: "Wunderbar, wir helfen dir", und raus kommt ein graues. Und dann redet man Ihnen noch ein, grau ist doch viel besser, und außerdem wollen die Leute lieber grau, und der Sender, äh, Galerist stellt keine blauen Bilder aus, der will grau haben ... Was übrigens nicht stimmt, denn er kauft blaue Bilder im Ausland.

teleschau: Also das mit dem Picasso ...

Gwisdek: Ja, ich weiß, ich bin nicht Picasso! Dann bin ich eben Karl Lagerfeld, der einen neuen Herrenanzug erfinden wollte und die Schnitte dem Schneider gibt, damit er sie zusammenbastelt. Und der Schneider bringt ihm einen stinknormalen Konfektionsanzug zurück mit den Worten: "Also, was sie mir da gegeben haben, Herr Lagerfeld. Ich hab das alles mal ein bisschen ordentlich gemacht. Ich weiß, wie ein Anzug aussehen muss, ich mache das schon seit 30 Jahren." Was glauben sie wohl, was Lagerfeld dem sagen würde?

teleschau: Womöglich würde er ausflippen.

Gwisdek: Sehen Sie, und genau das habe ich gemacht bei der Rohschnitt-Abnahme des Films. Ich habe Leute beleidigt in einer Wucht, wie ich sie bis dahin nicht kannte. Da musste ich 69 Jahre alt werden, um zu entdecken, dass ich zur totalen Hysterie fähig bin.

teleschau: Verstehe.

Gwisdek: Nichts verstehen Sie! Verstehen Sie! Sie können gar nichts verstehen, weil die ganze Scheiße noch tausendmal schlimmer war, und ich selber nicht verstehe, was da alles gelaufen ist. Stellen Sie sich bitte vor: Man verlangt von Karl Lagerfeld, dass er zu dem grauen Konfektionsanzug sagt: "Okay, er ist zwar nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe, aber bringen wir ihn halt trotzdem raus." Und das in seiner blauen Phase!

teleschau: Ihre Beispielmetaphern in allen Ehren ...

Gwisdek: Natürlich weiß ich, dass die Beispiele hinken, sogar auf beiden Beinen. Die Tragik ist, dass ich nicht Picasso oder Lagerfeld bin, sondern nur ein Arsch mit Ohren. Aber glauben Sie mir bitte: Auch ein Arsch mit Ohren kann so empfinden wie ein Lagerfeld. Und ich sag Ihnen auch, warum.

teleschau: Bitte.

Gwisdek: Weil meine Frau die Idee hatte, für zwei Schauspieler, die sie liebt, einen Film zu schreiben, der durch das "Wie" der beiden Schauspieler lebt und nicht so sehr von dem Kriminalfall. Weil sie gekämpft hat wie eine Löwin, nicht ins übliche Krimiklischee zu verfallen, sondern etwas Neues zu machen. Sie hat unzählige Male ihr Buch zurückgezogen mit der Begründung, wir müssen das nicht machen, weil es nicht ums Geld geht, sondern um den Spaß. So lange, bis man uns versprochen hat, dass der Film so gemacht wird, wie wir ihn uns vorstellen, einschließlich dass ich den finalen Schnitt mache. Dann haben wir unsere Verträge unterschrieben, und es war Schluss mit lustig. Alle Versprechungen waren vergessen, und es machten andere den Film. Ich merke, ich werde ernsthaft und fange gleich an abzuballern. Und das wäre nicht gut. Stellen sie mir eine andere Frage.

teleschau: Ballern Sie ruhig noch ein bisschen!

Gwisdek: Kann ich mir vorstellen. Aber ich will ja noch Rollen spielen, die ich nicht erfunden habe. Bei denen gibt es dann keine Probleme.

teleschau: Sie klingen unversöhnlich.

Gwisdek: Wissen Sie: Wenn ich für den Film einen Oscar bekommen würde, würde ich bei der Dankesrede sagen: "Ich verstehe euch alle nicht. Ich finde den Film scheiße. Aber trotzdem vielen Dank!" Und wenn man mich anschließend fragen würde, warum ich denn diesen schönen Film scheiße finde, würde ich trotzig wie ein kleines Kind sagen: "Weil ich einen blauen Film wollte." Was ich sagen will ist, um bei den Metaphern zu bleiben: Man hat mir einen Mercedes geschenkt, und ich bin sauer, weil ich einen BMW wollte. Ich bin doch bekloppt, oder? Ich bin eben ein undankbarer Arsch mit Ohren. So, und jetzt fragen sie mich bitte nach meinem Garten!

teleschau: Später. Erzählen Sie doch bitte vorher: Fliegen zwischen Corinna Harfouch und Ihnen auch privat so oft die Fetzen wie im Film?

Gwisdek: Die Art und Weise, wie Corinna und ich miteinander umgehen, ist im Grunde dieselbe wie im Film. Hat Gabriela gut beobachtet. Gabi sagt immer: "Das geht mir auf die Nerven mit Euch beiden! Ihr benehmt Euch immer noch wie ein altes Ehepaar."

teleschau: Hat sie daran zu knabbern, dass Sie mit Ihrer Ex-Frau noch so eng sind?

Gwisdek: Das war anfangs nicht ganz leicht für Gabriela zu verstehen. Da gab es auch Streit. Aber Corinna ist die Mutter meiner Söhne, und ich sah keinen Grund zu sagen, die kommt mir nicht mehr zur Tür rein. Corinna und ich trennten uns auch nicht aus irgendwelchen dramatischen Gründen. Wir kamen nur irgendwann an den Punkt, an dem wir feststellten: Das ist es jetzt, da kommt auch nüscht mehr. Mein Gott, das Leben ist bunt, und es ist ein Spiel! Und jeder hat nur eines. Deshalb wollten wir beide noch mal was Neues anfangen.

teleschau: Können Ihre Frau und Ihre Ex-Frau gut miteinander?

Gwisdek: Ja klar. Vor allem, wenn es gegen mich geht!

teleschau: Was stört die beiden am meisten an Ihnen?

Gwisdek: Ich bezeichne mich nicht als Macho. Aber ich bin schon so ein Ansagertyp. Ich bin gerne der Chef, der auch mal auf die Kacke haut und erklärt, was Frauen alles nicht können. Nur: Wer mich kennt, verdreht die Augen und sagt: "Möchteste gern!" Es ist alles eher spielerisch. Ich tue so, als wäre ich Humphrey Bogart. "Casablanca" ist übrigens mein Lieblingsfilm. Es kommen genau die beiden Männertypen vor, die ich interessant finde: das knallharte, arrogante Arschloch und der Zuvorkommende, der einer Frau jeden Wunsch von den Lippen abliest.

teleschau: Sie tendieren wohl mehr zum Ersteren?

Gwisdek: Durchaus. Bei den jungen Menschen ist es Mode zu behaupten: "Ich will herauskriegen, wer ich bin." Ich hingegen wollte immer wissen, wer ich sein möchte. Ganz viel von dem, das mein Leben ausmacht, habe ich aus dem Kino. Ich rauche meine Zigaretten wie Alain Delon. Das habe ich mit 16 geübt, und ich rauche sie noch heute so, weil ick det cool finde. Und wenn ich in eine Kneipe komme, dann mach ich das so wie Frank Sinatra. Ich gucke erst mal in die Runde und schlendere dann zur Bar.

teleschau: Stimmt der Allgemeinplatz, dass Humor bei Männern im fortschreitenden Alter immer wichtiger wird?

Gwisdek: Ich glaube schon. Mit sportlichen Leistungen kann ich ja nicht mehr viel ausrichten. Früher war das anders. Frauen lernte ich kennen, indem ich mit dem Pferd vorritt und sie mit auf die Wiese nahm. Da mussten sie sich dann hinsetzen und zugucken, wie ich herumreite und hoch- und runterspringe. Hinterher fragte ich: "Und nu'? Willste mit mir schlafen?" So ungefähr. Das mach ich heute natürlich nicht mehr, dafür bin ich dann doch zu alt.

teleschau: Im Film gibt es eine schöne Szene, da greift sich der alte Detektiv einen jugendlichen Schläger im Hinterhof und geigt ihm die Meinung über sein verkorkstes Leben. Eine Wunschvorstellung?

Gwisdek: Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie geschlagen. Aber ich träume immer davon, dass ich einen Griff kenne, mit dem ich mir so ein Arschloch packen kann und dem dann ganz in Ruhe erzähle: "So pass mal uff ..." - Eine Traumszene, ganz klar! Ich wurde in meinem Leben schon oft mit Gewalt konfrontiert und war meistens hilflos.

teleschau: Zum Beispiel?

Gwisdek: Einmal drehten wir, ich war Regisseur, da kam so eine Truppe und plünderte das komplette Catering. Keiner hat was gemacht, wir blieben alle wie angewurzelt stehen. Sogar unsere Beleuchter, alles richtig große Kerle. Der Vorfall hat mir schlaflose Nächte bereitet.

teleschau: Ist in Berlin die Jugendgewalt krasser geworden?

Gwisdek: Ja. Das ist eine Sache, die mich krank macht. Für Brutalität gegen Menschen müsste es höhere Strafen geben. Ich kann nicht verstehen, wieso jemand in der U-Bahn zusammengetreten wird. In der Generation, in der ich aufwuchs, wurde sich auch öfter mal wegen einer Frau geprügelt. Aber da galt immer: Wenn einer hinfällt, wird so lange gewartet, bis er wieder aufsteht. So war das auch in den Western, mit denen ich aufwuchs. Immer der berühmte Satz: "Steh auf!"

teleschau: Schauen die jungen Leute heute demnach die falschen Filme?

Gwisdek: Scorsese und De Niro haben sicher auch ihren Teil dazu beigetragen, dass exzessive Gewalt im Kino in Mode kam. Es gab beim Film mal Tabus. Und die galten umgekehrt auch im wirklichen Leben. Zu DDR-Zeiten gab es nur drei Nachtbars in Ost-Berlin. Eine davon betrieben meine Eltern. Mein Vater hat sich fast jede Nacht, so ab drei, wenn alle besoffen waren, geprügelt. Es wurde immer schön sportlich in die Fresse geboxt. Wenn da einer die Beine eingesetzt hätte, der wäre in den Knast gegangen!

teleschau: Sie leben heute nicht mehr in Berlin, richtig?

Gwisdek: Wir leben jetzt in unserem früheren Wochenendhaus in der Schorfheide. Mein Frau meinte irgendwann: Wieso fahren wir eigentlich immer zurück nach Berlin? Ich war erst gegen den Umzug, denn ich bin ein Großstadtmensch. Ich würde am liebsten auf'm Alex wohnen. Sie hat sich durchgesetzt, und jetzt bin ich total glücklich. Wir haben Hühner, ein Gewächshaus. Wir leben hier wie Gott in Frankreich.

teleschau: Jetzt kommen wir doch noch auf Ihren Garten zu sprechen.

Gwisdek: Ein Garten ist es eigentlich nicht. Es ist von mir angelegte wilde Natur. Wenn Sie mich nach meinem Hobby fragen, würde ich am ehesten Landschaftsgestalter sagen. Wenn ich einen Teich aushebe, dann mache ich aus dem Aushub gleich einen Berg. Gerade Wege gibt es nicht. Auch keinen Rasenmäher. Ich habe Wiese und Natur, alles wächst durcheinander. Ich pflanze alles zu dritt an, und dann kommt da irgendwas raus. Ich habe überhaupt keine Ahnung. Hauptsache, es sieht irre aus ?

teleschau: Anfang des Jahres haben Sie über die Presse all denjenigen Schläge angedroht, die ihnen zum 70. Geburtstag gratulieren. Hat das gefruchtet?

Gwisdek: Ich bin extra nach Teneriffa geflogen, um den Gratulanten aus dem Weg zu gehen. Das hat aber nichts genützt. Im Flugzeug saßen nur deutsche Urlauber, die die "Bild"-Zeitung rauskramten und das besagte Interview mit mir lasen. Beim ersten Frühstück im Hotel blieben alle Paare an unserem Tisch stehen und sagten: "Herzlichen Glückwunsch, Herr Gwisdek!"

teleschau: Was war so schlimm an diesem Geburtstag?

Gwisdek: Ich wollte der Zahl 70 aus dem Weg gehen. Die macht mich fertig. Ich habe mit dieser Zahl nichts zu tun. Ich kenne auch in meinem Umfeld niemanden, der 70 ist. Später, in 20 Jahren, bin ich vielleicht mal 70. Aber jetzt doch noch nicht.

teleschau: Haben Sie sich inzwischen an die Zahl gewöhnt?

Gwisdek: Überhaupt nicht. Ich stehe allerdings nicht mehr so unter Schock. 14 Tage vor meinem Geburtstag sagte Henry Hübchen: "Gwisdek, Du wirst 70." Ich wollte ihm schon voll eins in die Fresse hauen und fragte dann bei Gabi nach, die meinte, dass es leider stimmt. Ich wusste wirklich nicht, dass ich 70 werde, weil mich das biologische Alter von Menschen grundsätzlich nicht interessiert. Wenn mich jemand fragt: "Wie alt ist denn Ihre Frau?", antworte ich immer: "irgendwie jünger". Genauer weiß ich es einfach nicht.

teleschau: Dann haben Sie zu Ihrem Jubiläum auch keine Lebensbilanz gezogen?

Gwisdek: Genau das nicht! Ich will nicht zurückblicken. Es gibt Verlage, die ein Buch mit mir machen wollen, aber das blocke ich alles ab. Ich will doch jetzt kein Resümee über mein Leben ziehen, das mache ich vielleicht in 20 Jahren. Heute denke ich darüber nach, was ich morgen mache. Ich bin keiner, der sich zur Ruhe setzen kann.

teleschau: Haben Sie nicht manchmal Sorge, dass Ihnen für Ihre vielen Pläne die Zeit fehlen könnte?

Gwisdek: Nee, wenn es mittendrin aus ist, dann ist es mittendrin aus. Bis dahin wird das einfach so weitergehen. Ich hatte in meinem Leben noch keine fünf Minuten Langeweile. Deshalb habe ich auch keine Krankheiten. Ich krieg immer die Krise, wenn jemand sagt: "Geh doch mal zur Vorsorgeuntersuchung." Die finden dann was, wollen Kohle verdienen, und schon hat man nen Bypass. Ich will das alles nicht. Über Leute, die 120 geworden sind, liest man immer den Satz: Sie sind nie im Leben zum Arzt gegangen.

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