"Der gehört nicht zu mir ..."

Michael Gwisdek verliert in "Vater Morgana" (Start: 16.12.) langsam das Gedächtnis

Michael Gwisdek verrät, warum er seine Frau heiratete, was Politik mit Schauspiel zu tun hat und von wem sein Sohn Robert Gwisdek eigentlich sein Talent erbte.
10.12.2010, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Annekatrin Liebisch
Michael Gwisdek verliert in "Vater Morgana" (Start: 16.12.) langsam das Gedächtnis

Michael Gwisdek gibt in "Vater Morgana" ein demenzkrankes Schlitzohr. Der Schauspieler selbst kann sich auf sein eigenes

2010 Warner Bros. Ent.

Michael Gwisdek verrät, warum er seine Frau heiratete, was Politik mit Schauspiel zu tun hat und von wem sein Sohn Robert Gwisdek eigentlich sein Talent erbte.

Er dreht und dreht und dreht. "Wie ein Weltmeister", wie Michael Gwisdek es ausdrückt: In seiner aktuellen Komödie "Vater Morgana" (Kinostart: 16.12.) gibt er den kleinkriminellen, demenzkranken Vater von Christian Ulmen, im Drama "Das Lied in mir" (Start: 10.02.2011) muss er Filmtochter Jessica Schwarz eine Lebenslüge eingestehen. Und im ARD-Weihnachtsmärchen "Die Prinzessin auf der Erbse" (Sa., 25.12., 16.40 Uhr) spielt er ebenfalls einen Vater, zur Abwechslung diesmal den seines tatsächlichen Sohnes Robert. Dass der 68-jährige Berliner noch Zeit findet, am Premierenabend von "Vater Morgana" ein Interview zu geben, verdient zweifellos Anerkennung.

teleschau: Herr Gwisdek, haben Sie ein gutes Gefühl vor der Premiere von "Vater Morgana" heute Abend?

Michael Gwisdek: Ich weiß zwar nicht, ob die heutige Vorführung sensationell wird, aber die Einzelvorführung, die ich in Berlin bekam, war es. Der einzige Nachteil bestand darin, dass ich immer, wenn ich zu heulen anfing, schon wieder lachen musste. Ich konnte mich nicht so richtig entscheiden. Am Ende war ich fix und fertig.

teleschau: Sie sehen also keinen Grund, sich demnächst mit einem U-Boot nach Kuba abzusetzen, wie im Film angeregt wird?

Gwisdek: Im Augenblick nicht. Wenn, dann sicher nicht wegen des Films, sondern aufgrund anderer Dinge. Wenn das mit den Terrorwarnungen weitergeht, verpfeife ich mich natürlich aufs U-Boot.

teleschau: Nach Kuba?

Gwisdek: Eher nach Kanada.

teleschau: Wieso Kanada?

Gwisdek: Weil ich meine Frau mitnehme, und die will nach Kanada.

teleschau: Hierzulande läuft es für Sie sehr gut. Sie drehen Film auf Film auf Film auf Film ...

Gwisdek: ... wie ein Weltmeister, gegen Ende geht es erst richtig los.

teleschau: Dann scheint Ihr Gedächtnis ja noch gut in Schuss zu sein.

Gwisdek: Das würde ich nicht behaupten. Wenn meine Frau am Apparat wäre, würde die sich totlachen. Aber dafür habe ich sie ja geheiratet: damit sie ein bisschen mitdenkt.

teleschau: In welchen Punkten sind Sie denn vergesslich?

Gwisdek: Namen kann ich mir gar nicht merken. Wenn ich Leute anrede, rede ich immer geschickt um die Namen rum. Telefonnummern sind auch schwierig, Hausnummern und Straßen ebenfalls. Alles andere funktioniert aber noch gut.

teleschau: Wissen Sie noch, wie Sie im Film hießen?

Gwisdek: Walther. Spitzname Walther Sinatra. Aber ich weiß nicht mehr, wie der richtige Sinatra mit Vornamen hieß. Franky? (lacht)

teleschau: Wenn man einen Film zum Thema Demenz dreht, sucht man dann bei sich selbst nach Symptomen?

Gwisdek: Na klar. Ich gerate ständig in Situationen, in denen ich mir denke: "Sag mal, geht das jetzt los bei mir?! Was wollte ich denn jetzt? Warum bin ich ins Bad gegangen?" Wenn das passiert, rufe ich immer meiner Frau zu: "Gabi, es geht los." - Aber das tut es dann doch nicht.

teleschau: Gerade für Schauspieler, deren Gedächtnis ja Teil ihres Kapitals ist, muss diese Perspektive besonders erschreckend sein.

Gwisdek: Man weiß das ja nie so richtig. Die Betroffenen ziehen sich zurück oder werden zurückgezogen. Von Kollege Ronald Reagan hörte man in den letzten Jahren seines Lebens schließlich auch nichts mehr.

teleschau: Wobei dessen Schauspielkarriere zum Zeitpunkt seiner Erkrankung ja schon beendet war.

Gwisdek: Och naja, der hat bis zum Schluss durchgehalten. Was man von seinen Auftritten lernen konnte, ist ja nicht von ungefähr.

teleschau: Sprich: Politiker und Schauspieler haben viel gemein?

Gwisdek: Eine ganze Menge. Ich glaube, man kann ohne schauspielerisches Talent keine politische Karriere starten. Während man als Schauspieler nur mit politischem Talent auf die Schnauze fällt.

teleschau: Wen halten Sie denn für einen besonders talentierten politischen Schauspieler?

Gwisdek: Westerwelle. Der ist aber in meinen Augen auch der schlechteste Politiker, weil er schon wieder zu viel Schauspieler ist.

teleschau: Aber geht sein Spiel nicht zuweilen über das Ziel hinaus?

Gwisdek: Ja, klarer Fall von "overacting", wie man im Französischen so schön sagt. Und er ist ein bisschen zu eitel. Eine Rampensau, würden wir in der Fachsprache sagen.

teleschau: Ist das nicht wieder positiv?

Gwisdek: Hm. Stimmt, ich finde Rampensäue an sich positiv. Ich bin ja selbst eine. Ich mache etwas, das alle sehen und gut finden sollen. Das ist der Sinn des Schauspielens. Das darf man aber nicht schreiben, wenn man sich an der Schauspielschule bewirbt. Auf die Frage, warum man den Beruf ergreifen will, müssen Bewerber antworten: "Um den Leuten was zu geben" oder so. Alles Quatsch. Ein Schauspieler produziert sich und will dafür gelobt werden, so einfach ist das. Wer das nicht zugibt, lügt.

teleschau: Sie übernehmen sowohl in "Vater Morgana" als auch im Februar-Film "Das Lied in mir" eine große Vaterrolle.

Gwisdek: (unterbricht) Die Filme sind ganz schön unterschiedlich, was? Da lege ich Wert drauf. Ich will Michael Gwisdek, das Chamäleon, sein.

teleschau: Wie darf man sich dieses Chamäleon im wahren Leben als Vater vorstellen?

Gwisdek: Mehr als Kumpel. Ich glaube, der klassische Vater bin ich nicht. Wollte ich auch nicht sein. Ich gab mir immer Mühe, auf Augenhöhe zu sein.

teleschau: Hat das bei Ihren beiden Söhnen mit Ihrer Ex-Frau Corinna Harfouch gut funktioniert, oder gab es oft Reibereien?

Gwisdek: Die gab es natürlich, aber ob es gut funktionierte, müssten meine Söhne beantworten. Aber ich bin zufrieden. Ich habe sie ja eher aufwachsen lassen. Die sind irgendwann einfach erwachsen gewesen. Obwohl, eigentlich sind sie das bis heute nicht. Wahrscheinlich eifern sie da ihrem Vater nach. Meine Familie hofft ja immer noch, dass ich irgendwann erwachsen werde. Ich glaube, das habe ich verpasst.

teleschau: Wie äußert sich das?

Gwisdek: Ich bin sehr albern und habe viel dummes Zeug im Kopf. Zum Leidwesen meiner Frau fehlt es mir an Seriosität. Vor allem in der Öffentlichkeit. Ich erreichte so, dass ich mittlerweile nicht mehr zum Einkaufen mitdarf. Weil ich dabei womöglich stolpere, in den Einkaufswagen falle und sich alle umdrehen und denken: "Huch, jetzt ist der alte Mann in den Einkaufswagen gefallen." Mir macht das Spaß, aber Gabi ist es peinlich. Sie meint dann immer: "Der gehört nicht zu mir."

teleschau: Im ARD-Märchen "Die Prinzessin auf der Erbse", das zu Weihnachten ausgestrahlt wird, treten Sie mit Ihrem Sohn Robert auf. Wie lief die Zusammenarbeit?

Gwisdek: Grandios. Robert ist ja noch in dem Stadium, in dem er den Beruf ziemlich ernst nimmt, während ich im Laufe der Jahre lockerer geworden bin. Wir gingen unterschiedlich ran, was für mich interessant war. Aber wir hatten einen riesigen Spaß. Das ist die Hauptsache.

teleschau: Ihr Sohn wird sicherlich noch immer gern auf die berühmten Eltern angesprochen.

Gwisdek: Und das geht ihm so auf die Nerven ...

teleschau: Aber kehrt sich dieser Trend nicht langsam um?

Gwisdek: (laut) Jaaa. Das passiert mir immer öfter, dass ich auf ihn angesprochen werde. Am Anfang fand Robert es jedenfalls blöd, dass ihn alle nach den Eltern fragten, aber mittlerweile macht er sich nichts mehr draus. Ich riet ihm, sich einige Antworten auf Standardfragen zurechtzulegen.

teleschau: Zum Beispiel?

Gwisdek: "Von wem haben Sie das Talent - von Ihrer Mutter Corinna Harfouch oder Ihrem Vater Michael Gwisdek?" Dann sagt Robert: "Das habe ich von meiner Mutter. Denn mein Vater hat seins ja noch." Inzwischen kann auch Corinna drüber lachen.

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