Eine Frau für alle Optionen Mina Tander spielt im ARD-Mittwochsfilm "Nina sieht es ...!!!" (8. Juni, 20.15 Uhr) und ist im Kino in "Schenk mir dein Herz" (seit 12. Mai) zu sehen

Mina Tander spielt jetzt also im Ersten ganz ernsthaft eine Hellseherin. Oder nicht? Wirklich festnageln lässt sich dieser anregend irritierende Film nicht - und das Gleiche gilt für die Karriere der vielseitigen Wahlberlinerin.
13.05.2011, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Jens Szameit

Mina Tander spielt jetzt also im Ersten ganz ernsthaft eine Hellseherin. Oder nicht? Wirklich festnageln lässt sich dieser anregend irritierende Film nicht - und das Gleiche gilt für die Karriere der vielseitigen Wahlberlinerin.

Natürlich kann es nerven, wenn man zwischen den Stühlen sitzt. Mina Tander, Tochter einer deutschen Lehrerin und eines afghanischen Journalisten, ist das mit ihrer gemischtethnischen Herkunft eine Weile so gegangen. Heute, sagt die 31-Jährige, reflektiert sie diesen Umstand schon deutlich weniger und freut sich über die Vorteile, die sie dadurch im Beruf erlebt. Vor zwei Jahren etwa, da sah man die Wahlberlinerin im Überraschungserfolg "Maria, ihm schmeckt's nicht!" als temperamentvolle Italienerin. Aktuell ist sie im Kino als deutsche Ehefrau eines unter Amnesie leidenden Schlagersängers zu sehen ("Schenk mir dein Herz", mit Peter Lohmeyer) - sowie als Frankfurter Steuerberaterin im ARD-Mittwochsfilm "Nina sieht es ...!!!" (8. Juni, 20.15 Uhr). Ein wunderbar verwirrendes HR-Drama über Hellseherei und Alltag, oder wie ist das jetzt genau ...?

teleschau: Frau Tander, was ist das eigentlich für ein eigenartiger Film, der jetzt im Ersten läuft? Eine Screwball-Komödie? Ein ernst gemeinter Fantasy-Thriller über Hellseherei?

Mina Tander: Das bleibt ein Stück weit offen. Ich kann Ihnen aber sagen, mit welchen Erwartungen ich in die Dreharbeiten ging.

teleschau: Nämlich?

Tander: Die Ansage war, dass es in Richtung Screwball-Comedy geht. Ich war hinterher selbst erstaunt, wie ernsthaft vieles im Film rüberkommt. Insofern kann ich die Verwirrung verstehen. Ich denke, der Film will gar keine klare Stellung beziehen.

teleschau: Haben Sie irgendeine Affinität zum Thema Paranormales?

Tander: Ich glaube schon, dass es Paranormales gibt. Als Kind träumte ich ein paarmal Dinge voraus, die sich in der Realität erfüllten. Ich wusste beispielsweise, ich treffe meinen Onkel aus England, und sah im Traum exakt voraus, wie er dann tatsächlich aussah. Darüber hinaus denke ich schon, dass es Dinge gibt, bei denen die Naturwissenschaften an Grenzen stoßen. Ich habe aber nicht eine Theorie oder Richtung, die ich aktiv verfolge.

teleschau: Von Schauspielern heißt es immer, sie seien besonders abergläubisch.

Tander: Ja, es gibt beispielsweise diesen Mythos, dass man im Theater nicht pfeifen soll, der sich mittlerweile bis zum Filmset ausgebreitet hat. Ich versuche immer, mich von diesen Dingen freizumachen, weil das alles extrem mühsam ist. Man verstrickt sich in irgendwelche tradierten Mythen, die auch noch von Land zu Land unterschiedlich sind.

teleschau: Ihr Vater war Journalist, Ihre Mutter Lehrerin. Stand da das Rationale bei der Erziehung im Vordergrund?

Tander: Meinen Vater, der früh verstarb, habe ich als Menschen in Erinnerung, der zugleich sehr emotional und intellektuell war. Mit Aberglauben konnte er, glaube ich, gar nichts anfangen. Meine Mutter auch nicht, die hat aber eine wahnsinnig gute Intuition. Sie kann Menschen extrem schnell einschätzen. Sie hat einfach ein Gespür für Situationen, auf das man sich sehr gut verlassen kann.

teleschau: Ihr Vater stammte aus Afghanistan. Ist Ihnen da eine Kultur begegnet, die offener für Spirituelles ist als die deutsche?

Tander: Mein Vater war eher für Aufklärung, in dem Sinn hat das seine Persönlichkeit nicht geprägt. Auf der anderen Seite hatte er aber eine sehr poetische Sprache, wie man es von orientalischen Schriftstellern kennt. Er war nicht nur Journalist, sondern schrieb auch Gedichte, sehr verschlungen, sehr bildhaft. An der Stelle hat sich seine Herkunft bemerkbar gemacht.

teleschau: Sie hatten immer mal vor, sich in seiner Heimat auf Spurensuche zu machen, richtig?

Tander: Vor drei Jahren machte ich eine Reise von Indien über Nepal nach Indonesien. Im Mittleren Osten, wie es ursprünglich geplant war, landete ich aber leider nicht. Die politische Situation spitzte sich damals schon zu, und ich bin einfach keine Abenteurerin, was Reisen angeht, ich wollte ungern Risiken eingehen.

teleschau: Wie es aussieht, sind Reisen in Länder wie Jemen, Pakistan oder Afghanistan bis auf Weiteres schwer realisierbar.

Tander: Ja, und das ist furchtbar traurig. Meine Mutter ist in den 70-ern, vor meiner Geburt, viel durch diese Region gereist. Da hat sie einen Zauber erlebt, der heute in den Medien kaum noch vermittelt wird. Meine Verwandten leiden sehr darunter, dass das öffentliche Bild von Afghanistan heute ein sehr einseitiges ist. Der Kriegszustand und die Unruhen werden in den Nachrichten kommuniziert, aber trotzdem hat das Land noch ganz andere Facetten.

teleschau: Sie sagten einmal, Sie fühlen sich nicht wirklich als Afghanin, aber umgekehrt auch nicht uneingeschränkt als Deutsche. Hat sich daran etwas geändert?

Tander: Ich reflektiere das nicht mehr so, denke nicht mehr so oft darüber nach. Insofern hat es sich geändert, ja.

teleschau: Schauspielerisch ist es doch ohnehin ein Segen, dass Sie ethnisch zwischen den Stühlen sitzen? Man hat Sie als temperamentvolle Italienerin gesehen, jetzt spielen Sie eine deutsche Steuerberaterin.

Tander: Dass mir meine Herkunft nicht ins Gesicht geschrieben steht, ist natürlich ein Vorteil. Meine Schwester ist im Vergleich zu mir viel dunkler, bei ihr sieht man viel deutlicher, dass sie nicht rein deutsch ist. Nächstes Jahr wird hoffentlich ein Projekt realisiert, in dem ich eine junge Türkin spiele. Gleichzeitig werde ich auch als Frau aus der DDR der 70er-Jahre besetzt. Diese Bandbreite ist toll, das macht mir viel Freude.

teleschau: Ist Berlin nach wie vor das ideale Pflaster, was gemischte Ethnien angeht?

Tander: Als so wahnsinnig tolerant erlebe ich Berlin gar nicht. Neulich sah ich in der "Tagesschau", dass die Menschen in Kreuzberg antitouristische Tendenzen entwickeln. Da werden Aufkleber gedruckt, auf denen "Berlin doesn't love you" und "Touris raus!" steht. Ich finde es total schlimm, dass Menschen, die vielleicht vor zwei Jahren aus Hamburg zugezogen sind, sich plötzlich lautstark über Touristen beklagen. Diese Pseudotoleranz, die dann in einer totalen Intoleranz endet: Das finde ich ganz furchtbar.

teleschau: Sie haben kein Problem mit Touristenmassen?

Tander: Überhaupt nicht! In Prenzlauer Berg, wo ich bald wegziehe, gibt es Cafés, bei denen bin ich seit vielen Jahren Stammkunde. Heute sind da fast nur noch Touristen. Ich finde es super, wenn neben mir Französisch, Dänisch, Griechisch, Italienisch oder Spanisch geredet wird. Ich verstehe nicht, was das Problem ist. In Köln, wo ich herkomme, mischen sich die unterschiedlichen Kulturen nach meinem Eindruck übrigens deutlich besser, während es in Berlin viele Stadtteile gibt, die komplett deutsch sind.

teleschau: Zieht es Sie deshalb aus Prenzlauer Berg weg?

Tander: Nein, das ist kein Grund. Ich ziehe ins Grüne, in die Ruhe. An den äußeren Rand der Stadt.

teleschau: Gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Regisseur Elmar Fischer ...

Tander: Ja, wir sind seit acht Jahren ein Paar - seit wir gemeinsam seinen ersten Film "Fremder Freund" drehten - und inzwischen auch verheiratet. Ich habe somit auch alle seine beruflichen Schritte mitverfolgt ...

teleschau: Dann haben Sie es ja aus nächster Nähe erlebt: Ist Regisseur zu sein dieser Tage ein besonders hartes Brot?

Tander: Mein Mann ist seit ein paar Jahren gut beschäftigt - toi, toi, toi! Er hatte großes Glück, das er sich natürlich auch verdient hat. Gleichzeitig gibt es viele junge Regisseure, die durchaus bereit wären, fertige Drehbücher fürs Fernsehen zu verfilmen. Dennoch haben sie es schwer, einen Einstieg in die Branche zu finden, weil sie vielleicht nur ein, zwei Low-Budget-Kinoproduktionen gemacht haben und man ihnen einen kommerziellen Stoff nicht anvertrauen will. Da gehen Talente jahrelang ohne Job durch die Gegend, das ist schade.

teleschau: Planungssicherheit hat man in Ihrem Job und dem Ihres Mannes auch nicht wirklich, oder?

Tander: Letztes Jahr hatten wir schon einen Italienurlaub gebucht. Wir wollten richtig schön mit dem Auto von Berlin durch die Schweiz nach Italien fahren. Dann kam "Nina sieht es ...!!!" dazwischen, und dann war's nix mit dem Urlaub. Er konnte auch nicht nachgeholt werden, weil wir beide bis Dezember ausgebucht waren. Das Gute ist: Regisseure haben in der Regel einen längeren Vorlauf bei ihren Projekten. Das ist eine Sicherheit, die ich fast nie habe. Aber ich bin's auch nicht anders gewöhnt.

teleschau: Sie sind schon sehr jung ins Filmgeschäft gerutscht, mit zarten 16 ...

Tander: Ich habe sogar mit 14 schon Filme gedreht, die stehen gar nicht in meiner Vita.

teleschau: Ist es in dem Alter nicht ungeheuer schwer einzuordnen, was da mit einem passiert?

Tander: Doch. Und meine Mutter konnte damals natürlich auch nicht richtig einschätzen, ob das qualitativ gute oder schlechte Filme waren, die mir angeboten wurden. Deshalb wäre es wichtig gewesen, eine Agentur zu haben, die mich besser hätte schützen können.

teleschau: Sie lernten auch durch negative Erfahrungen hinzu?

Tander: Ja, das muss ich schon zugeben. Ich habe viel durch die Sachen gelernt, die ich gemacht habe. Wohin ich möchte, wie der Weg aussehen könnte ...

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