"Ich halte nichts von Zauderern" Miroslav Nemec wütet in der Simmel-Neuverfilmung "Liebe ist nur ein Wort" (Mi., 17.03., 20.15 Uhr, ZDF) als gehörnter und korrupter Bankier

Der kroatischstämmige Schauspieler spricht über Exhibitionismus, Rebellionen im Schlaraffenland und über die Gründe, warum er seiner Tochter keinen Klavierunterricht gibt.
26.02.2010, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Jens Szameit

Der kroatischstämmige Schauspieler spricht über Exhibitionismus, Rebellionen im Schlaraffenland und über die Gründe, warum er seiner Tochter keinen Klavierunterricht gibt.

Es ist ja nicht so, dass Miroslav Nemec noch nie den Ganoven gegeben hätte. Seit 1991 ist der gebürtige Kroate gemeinsam mit Udo Wachtveitel im Münchner "Tatort" dem Verbrechen auf der Spur. Zuvor jedoch war Nemec eine Weile vor allem auf Bösewichte in Reihen wie "Der Alte" und "Derrick" abonniert. Ein imposantes Scheusal wie der korrupte Privatbankier, den der 55-Jährige in der Johannes-Mario-Simmel-Neuverfilmung "Liebe ist nur ein Wort" spielt (Mi., 17.03., 20.15 Uhr, ZDF), war indes noch nicht darunter. Dass die ZDF-Hochglanzproduktion auch eine Rückkehr zu den Wurzeln des Schauspielers darstellt, liegt aber vornehmlich an einem anderen Umstand. Miroslav Nemec drehte in seiner kroatischen Heimat, die er einst mit zwölf Jahren Richtung Oberbayern verließ.

teleschau: Herr Nemec, der "Tatort"-Alltag hat Sie bald wieder. Nehmen Sie eine Rolle wie in der neuen Simmel-Verfilmung als willkommene Abwechslung?

Nemec: Ja, solche Engagements nehme ich zwischendurch immer wieder wahr. Diesmal durfte ich den betrogenen Ehemann spielen. Früher wär's der Liebhaber gewesen. So ändern sich die Zeiten.

teleschau: Sie drehten in Wien und an der Mittelmeerküste. Hat das ein bisschen was von Urlaub?

Nemec: Klar, aber man muss sagen: Es bleibt Arbeit. Wir drehten auf einer Motorjacht, die den ganzen Tag schaukelte. Wenn dann noch die Sonne vom Himmel brennt und die Klimaanlage in der engen Kabine ausgeschaltet wird, weil man sie sonst hören würde, dann hat das mit mediterranem Flair nur noch begrenzt zu tun. Das stellte sich erst wieder abends beim gemeinsamen Essen mit Meerblick ein.

teleschau: Und dann wurde auch noch volle körperliche Präsenz von Ihnen verlangt ...

Nemec: Die Nacktszenen standen nun mal im Drehbuch, und sie machen ja auch Sinn. Und dann kommt es halt darauf an, wie man sie umsetzt. Wenn man's so gschamig macht, ist das auch blöd. Aber es ist unangenehm! Das ganze Team steht drum herum, alle mit Sonnenblenden, einer hält das Mikrofon hin, und die Regieassistentin zieht noch das Handtuch weg ... Wie soll ich sagen? Ich bin halt kein Exhibitionist.

teleschau: Dabei müssten Sie als Münchner doch abgehärtet sein.

Nemec: Wegen der Nacktbader an der Isar? Stimmt, das haben wir früher tatsächlich gemacht. Aber da sind ja alle nackt. Beim Film waren es hingegen nur Nadeshda (Brennicke, d. Red.) und ich!

teleschau: Anders als der Roman spielt der Film zum Teil in Kroatien. Hatten Sie da Ihre Finger im Spiel?

Nemec: Nein. Aber es hat mich natürlich nicht gestört, in meiner alten Heimat zu drehen. Meine Anwesenheit sprach sich erstaunlich schnell herum. Als ich ein paar Wochen später an der Ostküste Istriens war, sagte die Kellnerin: "Ich habe gehört, sie haben in Rovinj gedreht ..." Da war ich verblüfft.

teleschau: Wie gut ist Ihr Kroatisch heute?

Nemec: Mir fehlt mal ein Wort in der Konversation, aber im Allgemeinen bin ich schnell wieder drin. Somit fiel es mir regelmäßig zu, für den Abend das Restaurant zu organisieren.

teleschau: Ist in dieser sehr malerischen Landschaft eigentlich noch etwas vom Krieg zu spüren?

Nemec: Nein, da oben nicht. Wenn sie im Inland entlang der Plitvicer Seen fahren, dann werden sie jedoch ausgebrannte und zerstörte Häuser sehen. Und weiter südlich in Dubrovnik kann man noch erkennen, wo die Serben die Raketen abgeschossen haben. Wie viel dort zerstört wurde, erkennt man an der anderen Farbe der erneuerten Dachziegeln.

teleschau: Sie spielen im Film einen korrupten Privatbankier. Auch Ihr Vater war im Finanzwesen tätig ...

Nemec: Mein armer Vater, ja. Er war Revisor. Er musste im Auftrag einer staatlichen Bank in Jugoslawien Kredite für staatliche Firmen prüfen und bewilligen. Was das für ein Klüngel war, können Sie sich denken. Er hatte de facto nichts zu entscheiden. Hinzu kam, dass er als einziger Mann in einem Großraumbüro saß. Alle Frauen tranken Kaffee und rauchten. Mein Vater war Teetrinker und Nichtraucher. Immer, wenn ich ihn besuchen kam, fragte ich: "Papa, warum arbeitest Du denn und die anderen nicht?" Vielleicht kam ich auch immer im falschen Moment, jedenfalls war das keine Bank, wie man sie heute kennt.

teleschau: Vorzeigebetriebe sind unsere privaten Großbanken heute aber auch nicht. Ist deren Ruf zu Recht beschädigt?

Nemec: Zu Recht überprüfbar, würde ich sagen. Das Maß an Gleichgültigkeit und Ignoranz, das aus diesen Kreisen zutage tritt, ist schon ernorm. Der typische Bänker, zumindest wie er sich in den Medien präsentiert, ist nicht mein Menschenschlag, der ist mir zu kalt und zu berechnend. Damit kann ich nicht viel anfangen.

teleschau: Die Bänker taugen natürlich auch ganz gut als Feindbild für den Stammtisch.

Nemec: Jetzt wird halt alles ins Extrem gezogen. Beim Sozialismus drehte sich nicht alles ums Kapital, aber der war auch Mist. Ich habe gerne Geld und leiste mir gerne etwas. Aber zum einen arbeite ich dafür, und zum anderen lasse ich meine Mitmenschen auch leben. Wenn man sich nur auf Kosten der Allgemeinheit bereichert, kann das nicht richtig sein. So viel Geld, wie im Finanzwesen umgesetzt wird, kann man nicht durch Arbeit verdienen.

teleschau: Einen Ausweg aus der fatalen Logik des Kapitals weist aber auch der Film nicht. Er endet im Desaster.

Nemec: Richtig, dieser Manfred Lord, den ich spiele, würde meine Argumente wohl nicht gelten lassen. Der würde seinem Umfeld sagen: "Was wollt Ihr denn? Ihr lebt doch alle von mir!" In seiner geschlossenen Welt geht die Rechnung auch auf. Zweifel wachsen nur auf emotionaler Ebene.

teleschau: Dass der Film keine Außensicht dieses Milieus anbietet, kann man ihm vielleicht sogar vorwerfen. Sie kennen dagegen beide Seiten: Sie wuchsen in ärmlichen Verhältnissen in Kroation auf und zogen mit zwölf Jahren zu Adoptiveltern ins gediegene Freilassing. War das ein Kulturschock?

Nemec: Nicht direkt. Ich war als Kind bei meinen späteren Adoptiveltern immer mal zu Besuch, sprach bereits Deutsch und hatte in Freilassing auch schon Freunde. Dennoch hatte es immer ein bisschen was von Schlaraffenland. Es waren die Wirtschaftswunderjahre, was sich auch in der Unterhaltung widerspiegelte: Kuhlenkampf, Theo Lingen, Heinz Erhardt ... Da wurde Deutschland anders gezeigt, als es damals schon war.

teleschau: Inwiefern?

Nemec: Es war die heile Welt, es wurden keine Probleme bewältigt. Das kam erst später, in den 70-ern. Nach dem Krieg kam erst die Fresswelle, dann die Reisewelle, die Autos wurden größer, die Kühlschränke wurden größer, die Fernseher wurden größer, die Reiseziele wurden exotischer, die Küche wurde international. Es ging immer nur bergauf.

teleschau: Waren die Abgründe hinter dieser Scheinwelt für Sie als Kind schon sichtbar?

Nemec: Ich bemerkte eine gewisse Enge in den emotionalen Strukturen. Bei uns zu Hause in Kroatien war es anarchischer. Ob da einer zu spät kam oder seinen Besuch angemeldet hatte, war egal. Wenn ich meine Hose beim Spielen aufgerissen hatte, wurde sie halt geflickt. Ich wuchs in Hinterhöfen auf, später in Deutschland in gepflegten Vorgärten. Dort war dann ein Besitzstandsdenken zu spüren. Der Besitz hat aber nicht frei gemacht, er hat die Menschen eingeschränkt.

teleschau: Bemerkten Sie auch an sich selbst, dass nach Ihrem Umzug neue, materielle Werte an die Stelle der alten, ideellen traten?

Nemec: Ganz genau, und natürlich war das rückblickend keine Bereicherung. Aber man muss auch sagen: Die Deutschen haben hinzugelernt. Bedingt durch die offenen Grenzen und die vielen Reisen in die Nachbarländer ist ein besseres Bewusstsein entstanden, da haben sich Horizonte geöffnet. Jetzt in der Krise könnte es dagegen wieder in so eine Enge umschlagen ...

teleschau: Sie sind zweifacher Vater. Gibt es Dinge, auf die Sie bei der Erziehung besonderen Wert legen?

Nemec: Meine Kinder sollen begreifen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind. Das reicht schon.

teleschau: Sie sind ausgebildeter Musiklehrer. Ist an Ihnen auch ein Pädagoge verloren gegangen?

Nemec: (lacht) Nein, auf keinen Fall! Das ist nicht meine Domäne.

teleschau: Woran hapert's?

Nemec: An der Geduld! Ich verlange von mir selbst immer, dass alles klappen muss. Anderen möchte ich das lieber nicht zumuten. Deshalb gebe ich meiner Tochter auch keinen Klavierunterricht.

teleschau: Ihr Gegenspieler im Film, den Vinzenz Kiefer spielt, wuchs wie Sie zeitweise ohne Eltern auf. Können Sie der Figur die rebellische Attitüde gut nachfühlen?

Nemec: Absolut, ich war auch so. Als ich 16, 17 Jahre alt war, trug ich lange Haare und lehnte mich gegen das Establishment auf. Andererseits: Das waren die 70-er, und damals war eine solche Haltung einfach angesagt. Das drückte sich vor allem in sexuellen Dingen aus: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment." Das war keine wirklich sozialistische Revolution (lacht) ...

teleschau: Den Sozialismus kannten Sie ja schon.

Nemec: Ja, dieser Widerspruch stieß mir aufgrund meiner Herkunft schon damals auf: Die Leute, die so revolutionär daherredeten, hatten ja alles. Die kamen nicht aus der Arbeiterklasse, sondern aus gut situierten, bürgerlichen Verhältnissen. Dann ist es einfach. Wenn man hingegen morgens um sechs aufstehen muss, um sich ans Fließband zu stellen, ist mit Romantik nicht mehr viel los.

teleschau: Sind Sie Romantiker?

Nemec: Ja, die romantische, große Liebe, für die man alles tut ... Davon träumte ich als junger Mensch auch.

teleschau: Und gleichzeitig verwirklichten Sie ein Selfmade-Märchen vom kroatischen Hinterhofjungen zum Münchner "Tatort"-Star. Das legt eigentlich nicht den Verdacht nahe, Sie hätten Ihr Leben verträumt.

Nemec: Das stimmt! Ich pack's an! Ich habe gelernt, dass man eine Chance kriegt und sie auch wahrnehmen sollte. Ich halte nichts von Zweiflern und Zauderern, die nichts auf die Reihe kriegen und sich selbst bemitleiden. Natürlich gibt es Menschen, die Pech haben. Aber wenn man jemandem die Hand reicht, dann sollte man davon ausgehen, dass er sie nicht ausschlägt. Das ist meine persönliche Haltung, und nach der habe ich gelebt.

teleschau: Haben Sie mal aus Vernunftgründen eine Chance sausen lassen, was Sie heute bereuen?

Nemec: Eigentlich nicht. Ich ließ mich stets von meiner Intuition treiben. Ich sagte beispielsweise Engagements ab, um zu Frauen zurückzukehren, ohne die ich nicht sein wollte.

teleschau: Ist eine Frau es wert, alle Vernunft über Bord zu werfen?

Nemec: Ich hab's gemacht! Ob es sich lohnt, stellt sich ja immer erst hinterher heraus. Die ganz leidenschaftlichen Sachen gehen leider oft schief. Es gab in meinem Leben aber auch immer wieder Momente, in denen ich merkte, dass ich mit dem Kopf entscheiden sollte. Vor allem, wenn's um berufliche Dinge ging. Man muss sich nicht verbiegen. Aber man kann sich auch nicht ständig treiben lassen. Manchmal gilt es, pragmatisch zu handeln.

teleschau: Die Simmel-Verfilmung: War das eine pragmatische oder eine Bauchentscheidung?

Nemec: Das war eine Bauchentscheidung. Ich las das Drehbuch, es gefiel mir spontan, und ich sagte: "Scheiße, jetzt musst du die betrogenen Ehemänner spielen. So weit ist es schon gekommen!" (lacht)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+