Mission Pulse

Vom Himmel hoch

Nach den Transportdrohnen des Projekts „Silencio Gamma“ basteln Studenten der Technischen Universität München an Defibrillatordrohnen. Diese versprechen schnelle Hilfe bei Schlaganfällen und Herzinfarkten.
07.05.2021, 01:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Winkler
Vom Himmel hoch

2020 präsentierten die Luft- und Raumfahrttechniker der Technischen Universität München den Prototypen des Projekts „Silencio Gamma“.

Horyzon

Flugdrohnen schicken sich seit Längerem an, Waren aller Art zu liefern. Autor Marc-Uwe Kling hat das Szenario bereits 2017 in seinem Buch „Qualityland“ aufgemacht, die Deutsche Post 2018 nachgelegt und mit ihrem Paketcopter Medikamente an die entlegensten Plätze Ostafrikas verbracht. Nun sollen die Drohnen noch unmittelbarer Leben retten: Herzlich willkommen, Defibrillatoren-Taxi!

Bestellt hat er beileibe nichts. Aber Peter Arbeitsloser nimmt die Pakete immer gern an, packt die ihm zugeteilten Waren aus, freut sich. Denn „The Shop“ – so der Name des fiktiven Versandhändlers in Marc-Uwe Klings Roman „Qualityland“ – weiß genau, was seine Kunden wollen. Künstliche Intelligenzen überwachen sämtliche Aktivitäten in Körper und Geist, ausgefeilte Computeralgorithmen berechnen die Geschmackswelt jedes Einzelnen – per Drohne liefert „The Shop“ die Objekte der Begierde ins Wohnzimmer. Ob nun Peter Arbeitsloser, Klings personalisiertes Proletariat, oder Martin Vorstand, die Bourgeoisie: egal. Wer kein Geld hat, schickt die Pakete zurück.

Am Puls der Zeit

Dass sich die Lieferung per kleinem, unbemanntem Flugkörper – Unmanned Aerial Vehicle, UAV – auch für das Allgemeinwohl nutzen lässt, zeigen Studenten der Technischen Universität München. Im Herbst 2019 fanden sich rund 30 von ihnen im Projekt Horyzon zusammen, ein Jahr später präsentierten sie „Silencio Gamma“, den ersten Prototypen ihrer Transportdrohne. Seit Januar arbeitet eine nun 58-köpfige Gruppe um Gründer Balazs Nagy an „Mission Pulse“, der Defibrillatordrohne.

Feuertaufe für eine Drohne: Eine Projektmitarbeiterin macht das Flugobjekt startklar.

Feuertaufe für eine Drohne: Eine Projektmitarbeiterin macht das Flugobjekt startklar.

Foto: Horyzon

Sobald ein Notruf über einen Herz-Kreislauf-Stillstand eingeht, soll das UAV ausrücken und Ersthelfern das nötige Rüstzeug an die Hand geben, um den Herzrhythmus des Patienten wieder in Schwung bringen. Denn trete ein plötzlicher Kollaps ein, zähle jede Sekunde, erläutern die Luft- und Raumfahrttechniker.

Plötzlich fahruntüchtig

In Deutschland sterben pro Jahr etwa 350.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der mit mehr als 30 Prozent häufigsten Todesursache überhaupt. Den Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge ist jeder vierte Todesfall auf einen mehr oder weniger unerwarteten Herzinfarkt oder Schlaganfall zurückzuführen. Im Straßenverkehr sorgt das zuweilen für schwere Unfälle. „Bis zu drei Prozent aller Verkehrstoten sind auf eine plötzliche krankheitsbedingte Fahruntüchtigkeit des Fahrers zurückzuführen“, schreibt Martin Brück, Chefarzt am Klinikum Wetzlar, im „Gesundheitskompass Mittelhessen“.

Von Verletzungen – und etwaigen weiteren Unfallopfern – mal abgesehen, braucht es auch für den, der die Warnsignale rechtzeitig erkennt und am Straßenrand anhält, oftmals zu lange. Durchschnittlich ist der Rettungsdienst rund neun Minuten unterwegs. Die Drohne hingegen schaffe es, innerhalb von vier bis fünf Minuten am Unglücks- oder Unfallort zu sein, sagen die Studenten. Klar, dafür müssten die Flugobjekte in einem dichten Netz stationiert sein. Die vielversprechende Frist gelte lediglich für einen Umkreis von sechs Kilometern.

Die sogenannte Hilfsfrist

Zur Einordnung: Das Bremische Hilfeleistungsgesetz gibt eine Wartezeit von maximal zehn Minuten vor – daran müssen sich mindestens 95 Prozent der Rettungsfahrten messen lassen. Niedersachsen kommt auf eine Viertelstunde. Mit den kürzesten Wegen punktet Nordrhein-Westfalen (acht Minuten im städtischen, zwölf im ländlichen Bereich). Am längsten dauert es im entlegenen Thüringen (17 Minuten).

„Prototyping The Aerospace Of Tomorrow“: Dieses Motto hat sich Horyzon auf die Fahne geschrieben.

„Prototyping The Aerospace Of Tomorrow“: Dieses Motto hat sich Horyzon auf die Fahne geschrieben.

Foto: Horyzon

Die Idee der Münchener sieht einen zentralen Kontrollraum vor. Von dort aus steuert das Team die Flüge. In unmittelbarer Nähe des Einsatzorts angekommen, übergeben die Drohnen die Defibrillatoren mittels Seilwinde an die Ersthelfer.

Reanimation auf Sprachbefehl

Klar, grundsätzlich darf mittlerweile jeder derartiges Gerät benutzen. Bei dem vor wenigen Jahren eingeführten Laien-Defi – im Fachjargon: automatisierter externer Defibrillator, AED – genügt schließlich ein Druck auf den Ein- und Ausschalter, um klare Sprachanweisungen zu bekommen. Sie führen durch die nötigen Schritte und gestalten die Reanimation verhältnismäßig einfach.

Dennoch, nicht jeder traut sich zu, einen Menschen fachgerecht wiederzubeleben – aus Respekt vor der Technik, aus Angst etwas falsch zu machen. Obgleich es seit 2011 zur Pflichtübung betrieblicher Ersthelfer zählt, einen Defibrillator zu bedienen, mangelt es noch immer an einem Gesetz, das die Installation eines solchen im Unternehmen vorschreibt – anders als etwa in den Niederlanden, wo die Geräte zur Grundausstattung öffentlicher Gebäude, großer Unternehmen und Geschäfte gehören.

Aus de, Kontrollraum steuert das Team die Flüge. Die Drohnen sind innerhalb von vier bis fünf Minuten am Ort des Geschehens.

Aus de, Kontrollraum steuert das Team die Flüge. Die Drohnen sind innerhalb von vier bis fünf Minuten am Ort des Geschehens.

Foto: Horyzon

Also will Horyzon mehr: die smartphonebasierte Rettungskette. So lässt sich zum Beispiel der seit März 2018 für alle Pkw und leichte Nutzfahrzeuge vorgeschriebene E-Call an eine Datenbank koppeln, die per App die nahe der Notfallstelle befindlichen Mediziner alarmiert.

Arzt vor Ort?

Die Chance, dass ein Arzt am Ort des Geschehens wohnt oder zugegen ist, steht keineswegs schlecht. Das verspricht zumindest der Vergleich von Ortschaft und Flugzeug. Gewöhnlich passen in Letzteres 200 bis 300 Menschen. Und Zahlen einer Forschergruppe um Donald M. Yealy, Professor und Chair of Emergency Medicine an der Universität Pittsburg, zugrunde gelegt, ist noch in jedem zweiten Notfall ein ausgewiesener Mediziner an Bord gewesen.

Die „Mission Pulse“ läuft bis Ende 2022. Insbesondere der Plan der App mutet angesichts deutscher Datenschutzgebaren ambitioniert an. Aber klar, Corona und China lehren die Vorteile umfassenden Trackings. Und Zivilcourage? Also bitte.

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