Im Alter von 85 Jahren gestorben

Modeschöpfer Karl Lagerfeld ist tot

Karl Lagerfeld wurde weltweit hofiert und bewundert. Als Fashion-Guru herrschte er über die Welt der Mode. Nun ist der Stardesigner mit dem weißen Mozartzopf gestorben.
19.02.2019, 12:27
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Von Birgit Holzer
Modeschöpfer Karl Lagerfeld ist tot

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld.

Christophe Ena/AP/dpa

Man wüsste zu gerne, wie der „Mode-Kaiser“ selbst seinen eigenen Tod kommentiert hätte. Wahrscheinlich wäre ihm einer seiner berüchtigten Sprüche frei von jedem Pathos über die ­Lippen gekommen. Einer jener provokanten Karlismen, wie seine Aphorismen gerne genannt werden, die im Buch „Die Welt nach Karl“ gesammelt sind. Sie geben einen Einblick in den abgründigen, selbstironischen Humor des wohl berühmtesten Deutschen in Paris: Karl Lagerfeld.

Die Nachricht von seinem Tod erschüttert nicht nur die Modebranche, wo er als unangefochtener Meister mit unerschöpflicher Kreativität galt. Völlig überraschend kam sie aber nicht: Hatte der Chefdesigner von Chanel bisher nach jedem seiner Défilés bei der Fashion Week in Paris das Publikum begrüßt, so blieb er dieser obligatorischen Geste Ende Januar zum ersten Mal seit seinem Eintreten bei dem französischen Luxusmodehaus 1983 fern.

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Er sei müde, hieß es von dem eigentlich nimmermüden Workaholic. Er hat aus Chanel eines der tonangebenden Modehäuser gemacht, zugleich bis zuletzt für Fendi gearbeitet und außerdem seine eigene Marke gegründet. Der Cola-Flaschen und Briefmarken designte, Kostüme für die Skala in Mailand oder Trikots für die französische Fußball-Nationalelf gestaltete und der Mannequins wie Claudia Schiffer und in Frankreich Inès de la Fressange groß herausbrachte.

Ein Mysterium um sein Alter

Ein Coup gelang ihm 2004 mit einer Cap-­sule-Kollektion für die Billig-Modekette H&M. 2008 ließ er sich von der französischen Regierung für eine Werbekampagne zur Erhöhung der Straßensicherheit einspannen: Neben einer Fotomontage mit einer heute aufgrund der Protestbewegung berühmt gewordenen gelben Warnweste – sie anzuziehen soll er sich geweigert haben – steht ein Ausspruch, der ohne Weiteres original von ihm sein konnte: „Sie ist gelb, sie ist hässlich, sie passt zu nichts, aber sie kann Ihnen das Leben retten.“

Er liebe es, überall zu sein, sagte er 2014 gegenüber der Zeitung „Libération“, alles zu machen, alles zu wissen. Karl Lagerfeld, ein Tausendsassa als Designer und Fotograf, Mode-Visionär, Geschäftsmann und Pop-Ikone. „Halb Rockstar, halb gotischer Pastor“, schreibt die Zeitung „Le Monde“, die ihm im vergangenen Jahr eine ganze Serie gewidmet hat.

Wer das Leben von Karl Otto Lagerfeld nachvollziehen möchte, stößt sich bereits an einer ersten Schwierigkeit: seinem Geburtsjahr. Wurde er 1935 oder gar 1938 geboren, wie er es lange alle glauben ließ – oder doch bereits am 10. September 1933, wie schließlich eine in der Presse veröffentlichte Geburtsurkunde nahelegte? Das Mysterium um sein Alter nennt „Le Monde“ ein „Zeichen der Eitelkeit und zugleich Ablehnung, zurückzuschauen“: Nostalgie ertrage er nicht. Obwohl er eine ältere Schwester sowie eine Halbschwester hatte, wuchs er wie ein Einzelkind als Sohn eines schwedischen Kondensmilch-Fabrikanten und einer eleganten und kultivierten, trockenen und autoritären Norddeutschen auf, die er in vielen „Karlismen“ zitiert hat.

Etwa mit dem Ausspruch zu seiner Geburtsstadt: Hamburg sei das Tor zur Welt – „aber eben nur das Tor zur Welt, und da musst du raus“. Nach einem Jahr Klavierunterricht habe die Mutter ihm entnervt den Piano-Deckel auf die Finger fallen lassen und gesagt: „Zeichne, das macht weniger Lärm.“ Obwohl sie sich gerade mal „vier Minuten am Tag“ um ihn kümmerte, konnte er seiner eigenen Aussage nach schon im Alter von sechs Jahren schreiben und lesen, sprach zudem Deutsch, Französisch und Englisch. Vor allem aber zeichnete Lagerfeld, verschlang Literatur und Mode-Zeitschriften.

Die erste eigene Kollektion

1952 ging er mit seiner Mutter nach Paris, wo er zwei Jahre später den ersten Preis des Internationalen Wollsekretariats für den Entwurf eines gelben Mantels gewann – ebenso wie ein anderes junges Talent, das wie er die französische, ja internationale Modeszene prägen sollte: Yves Saint Laurent. Trotz der Rivalität verband Lagerfeld eine innige Freundschaft mit ihm; sie zerbrach später aufgrund einer Liebschaft Saint Laurents mit Lagerfelds langjährigem Partner Jacques de Bascher, einem kultivierten Dandy, der 1989 an Aids starb. Über die Homosexualität sagte Lagerfeld, sie sei „wie eine Haarfarbe, nicht mehr“. Und laut seiner Mutter erspare sie einem eine unerträgliche Schwiegertochter.

Nach seinem gewonnenen Preis brach er die Schule ab, um zunächst Assistent von Pierre Balmain – einem der Jury-Mitglieder – zu werden und anschließend Kreativdirektor bei Jean Patou, wo er 1958 seine erste eigene Kollektion unter dem Namen Roland Karl präsentierte. „Jean Patou hat mir eine Sache gesagt, die ich nie vergessen werde: Niemals ein hässliches Kleid zu entwerfen, denn jemand könnte es kaufen“, so Lagerfeld über seinen frühen Förderer.

Karl Lagerfeld gestorben

Karl Lagerfeld im Jahr 1973 inmitten einiger Models.

Foto: Willi Bertram/dpa

1963 begann seine langjährige Arbeit für Chloé, 1965 stieg er beim italienischen Modehaus Fendi ein. Gehörte er zum feiernden Jet-Set von Saint-Tropez, ließ er doch von Zigaretten, Alkohol und Drogen die Finger – exzessiv war er in seiner Arbeit. Mit eiserner Disziplin, asketisch lebend, umgeben von seinen Tausenden Buchbänden und von einigen eng vertrauten Mitarbeitern.

Aktiv wirkte der Modeschöpfer am Entstehen des Prêt-à-Porter mit, also von tragbaren Entwürfen im Gegensatz zu den spektakulären Kreationen der Haute Couture, von denen er sich keineswegs abwendete. Vielmehr war es Lagerfeld, der bei Chanel spektakuläre Schauen organisierte, die die letzten Jahre im Pariser Grand Palais stattfanden und wo die Mannequins mal vor einer Weltraum-, mal vor einer Strand-Kulisse über den Laufsteg liefen.

Sein Hauptwerk war wohl er selbst

Bis zuletzt gab der „Modezar“ in seiner Branche den Ton an, was auch für seine Entwürfe galt – klassisch und gewagt zugleich, elegant und weiblich. Sein Eintritt bei dem Traditionshaus im Jahr 1983, wo er sich ein komfortables Gehalt und absolute künstlerische Freiheit ausgehandelt hatte, rettete Chanel wohl vor dem drohenden Abstieg, galt es doch als hoffnungslos altmodisch. Chanel, das er mit den Jahren zu einem Jahresumsatz von mehr als acht Milliarden Euro führte, steht nun vor der großen Herausforderung, in eine neue Ära nach jener von „Karl dem Großen“ zu gehen. Sein Hauptwerk war er aber wohl selbst.

Beflissentlich arbeitete Lagerfeld an seinem Image einer wiedererkennbaren Ikone mit stets demselben Look. Gehörte dazu früher ein Fächer, so legte er diesen zu Beginn des Jahrzehnts ab und verlor zugleich durch eine drastische Diät – über die er ein Buch schrieb – 42 Kilogramm, um in die schmalen Anzüge von Hedi Slimane, Designer bei Dior Homme, zu passen. „Die Diät ist das einzige Spiel, wo man gewinnt, wenn man verliert“, sagte er. Lagerfeld, das waren die zum Zopf geflochtenen, gepuderten weißen Haare, die Pepsi-light-Flasche in der Hand und seine Birma-Katze Choupette auf dem Arm.

Stets trug der Exzentriker eine dunkle Sonnenbrille und auch seinen harten deutschen Akzent legte er nie ab, mit dem er oft auch verletzende Dinge sagte. So reichten Aktivistinnen in Frankreich nach seinem Ausspruch, keiner wolle Frauen mit Rundungen auf einer Bühne sehen und Übergewichtige seien mitschuld am Loch in den Sozialkassen, Klage wegen Diskriminierung ein. Wer Jogginghosen trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren und ob er viel auf seinem Bankkonto habe, sei ja wohl „die Frage eines Armen“, spottete er, dem Steuerhinterziehung nachgewiesen wurde. Doch: „Was ich sage, ist nur gültig, wenn ich es gerade sage“, meinte er auch. Er erfinde sich jeden Tag neu. Das tat er, davon ist auszugehen, bis zu seinem letzten Tag am Dienstag.

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