Explosionen in Beirut

Mitarbeiterin der deutschen Botschaft unter den Opfern

Unter den Opfern der Explosionen in Beirut ist eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft. Das bestätigte Bundesaußenminister Heiko Maas. In der libanesischen Hauptstadt herrscht weiter Chaos.
06.08.2020, 18:52
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Von Jan Kuhlmann, Weedah Hamzah und Johannes Schmitt-Tegge
Mitarbeiterin der deutschen Botschaft unter den Opfern

Frankreichs Staatschef Macron ist in der libanesischen Hauptstadt eingetroffen, um die Solidarität Frankreichs gegenüber den Libanesen ausdrücken.

Thibault Camus/AP Pool/dpa

Nach der gewaltigen Explosion in Beirut mit 130 Toten und rund 5000 Verletzten geht die Suche nach Opfern sowie nach der Ursache weiter. Eine Untersuchungskommission der Regierung soll innerhalb von fünf Tagen einen ersten Bericht vorlegen. Der russische Ex-Besitzer eines Frachtschiffes, das hochexplosives Ammoniumnitrat in den Hafen gebracht haben soll, wies jegliche Verantwortung von sich. Unterdessen wurde bekannt, dass bei der Katastrophe auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet wurde, wie Bundesaußenminister Heiko Maas mitteilte. „Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt. Eine Angehörige unserer Botschaft in Beirut ist durch die Folgen der Explosion in ihrer Wohnung ums Leben gekommen“, erklärte er.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sprach bei einem kurzfristigen Besuch in Beirut von einer „historischen Verantwortung“ der politischen Führung. Das libanesische Volk sei Opfer einer „politischen, moralischen, wirtschaftlichen und finanziellen Krise“. Macron wollte am Donnerstag unter anderem mit seinem libanesischen Amtskollegen Michel Aoun und Regierungschef Hassan Diab zusammentreffen, um Grundlagen für einen Wiederaufbauvertrag zu schaffen. Die frühere Mandatsmacht Frankreich ist dem Land weiterhin eng verbunden.

Nach der schweren Explosion in Beirut

Ein Mann trägt seine Habseligkeiten aus einem zerstörten Haus, nahe des Ortes, an dem es zwei Tage zuvor zu einer massiven Explosion kam. Die Regierung arbeitet jetzt an einem ersten Bericht über die Ursache des Unglücks.

Foto: Hussein Malla/AP/dpa

In Beirut herrscht weiter Chaos: Ein Mann mit kurzen Haaren und Vollbart hat tiefe Ränder unter den Augen. Für den Arzt Assim al-Hadsch waren die vergangenen zwei Tage wohl die schlimmsten, die er bislang durchmachen musste. Seit der fürchterlichen Explosion hat er nur zwei Stunden geschlafen. Stattdessen: Operationen wie am Fließband im Clemenceau Medical Center. Fast 400 Verletzte wurden eingeliefert, 80 befinden sich noch in kritischem Zustand: „Ich kann Ihnen sagen: Die Situation ist katastrophal“, sagt der Mediziner mit brüchiger Stimme.

Libanons Gesundheitssystem stand wegen einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise und der Corona-Pandemie schon vor der Explosion am Rande des Kollaps. Ein Großteil der medizinischen Güter muss aus dem Ausland importiert werden. Es gebe große Versorgungsengpässe und zu wenig Benzin für die Generatoren, sagt Al-Hadsch, medizinischer Direktor des Zentrums. Wegen der Dollar-Knappheit im Land könnten keine Vorräte mehr gekauft werden: „Trotz der Schwierigkeiten haben wir es aber geschafft, mit der Lage fertig zu werden“, sagt er.

Aus fast jedem Satz der Menschen im Libanon sind Verzweiflung und Frust herauszuhören. Viele Libanesen haben zwischen 1975 und 1990 einen blutigen Bürgerkrieg erlebt. Doch selbst sie sagen: Die Detonation im Hafen ist das Schlimmste, was ihnen widerfahren ist.

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Seit Monaten leidet das Land am Mittelmeer ohnehin unter einer schweren Wirtschaftskrise, die durch die Corona-Pandemie weiter verschärft wurde und große Teile der Bevölkerung in Armut getrieben hat. Die Preise, etwa für Lebensmittel, sind explodiert. Im Juni lag die Inflation bei 90 Prozent. In den sozialen Medien boten viele in den vergangenen Wochen ihr Hab und Gut an, um noch irgendwie über die Runden zu kommen.

In die Verzweiflung mischt sich wachsende Wut auf die politische Elite. Sie brach sich am Donnerstag Bahn, als Macron den Ort der Katastrophe besuchte, begleitet von Aoun. „Ihr seid alle Mörder“, schreit eine aufgebrachte Frau von ihrem Balkon. „Wo wart Ihr gestern?“ Später brüllte die Menge: „Aoun, Du bist ein Terrorist.“

Schon im vergangenen Oktober hatten Massenproteste begonnen, die ein neues politisches System forderten. Die Korruption ist im Libanon allgegenwärtig und hat maßgeblich zum Verfall des Landes beigetragen. Die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise geht nicht zuletzt zurück auf eine Art Schneeballsystem über Staatsanleihen, mit dem sich die Elite über Jahren hemmungslos an den knappen

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Ressourcen bedient hat. Den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete kann der Libanon nur mit internationaler Hilfe schaffen.

Die läuft allmählich an: Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bot dem libanesischen Präsidenten in einem Telefongespräch am Donnerstag weitere Hilfe an.

Die Bundeswehr begann einen größer angelegten Hilfseinsatz. Die Luftwaffe sollte ein medizinisches Erkundungsteam der Streitkräfte nach Beirut fliegen, auch die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ nahm von Zypern aus Kurs auf die Küstenstadt. Nach dpa-Informationen wurde auch der Luftwaffen-Airbus A310 „MedEvac“ für den Transport Schwerverletzter bereitgestellt. Geprüft wird zudem, ob ein schnell verlegbares Luftrettungszentrum des Bundeswehr-Sanitätsdienstes im Libanon aufgebaut werden kann. Vom Technischen Hilfswerk brachen zwei Teams im Auftrag der Bundesregierung auf.

Auch Israel, mit dem der Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will medizinisches Personal nach Zypern entsenden, sollten Verletzte auf die Insel gebracht werden.

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