Anrufe in Angst

Nach Trumps Sieg: Selbstmord-Hotlines melden Rekordzahlen

Seitdem feststeht, dass Donald Trump der 45. US-Präsident wird, bricht über die amerikanischen Seelsorge-Notrufdienste für suizidgefährdete Menschen eine nie da gewesene Flut an Anrufen ein.
12.11.2016, 13:12
Lesedauer: 3 Min
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Nach Trumps Sieg: Selbstmord-Hotlines melden Rekordzahlen
Von Nico Schnurr
Nach Trumps Sieg: Selbstmord-Hotlines melden Rekordzahlen

Besonders viele verängstigte junge homosexuelle Frauen und Männer haben sich in den Tagen nach Trumps Sieg an Seelsorge-Notrufdienste gewandt.

dpa

Seitdem feststeht, dass Donald Trump der 45. US-Präsident wird, bricht über die amerikanischen Seelsorge-Notrufdienste für suizidgefährdete Menschen eine nie da gewesene Flut an Anrufen ein.

John Draper kennt sich aus mit Ängsten. Wenn sich die Amerikaner fürchten, dann spürt er das als einer der ersten. Draper ist Geschäftsführer der "National Suicide Prevention Lifeline", der größten amerikanischen Seelsorge-Hotline. An den meisten Tagen im Jahr melden sich bei Drapers Organisation vor allem suizidgefährdete Menschen, die bei ihm und seinen Kollegen Gehör finden. An einigen, besonderen Tagen im Jahr ist das anders.

Wenn Naturkatastrophen über das Land wüten und Menschen um ihre Existenzen bangen, dann weiß Draper das oft noch vor den Nachrichtenagenturen und Fernsehsendern. Wenn die Börse einzubrechen droht; wenn die Nation von Terror erschüttert oder das Land von politischen Großereignissen in Atem gehalten wird, dann spiegelt sich das immer auch in den Anrufen wider, die bei Draper eingehen. Er ist mit seiner Hotline, der sich täglich Zehntausende Menschen anvertrauen, eine Art Seismograph der amerikanischen Angst. Draper kann die kollektiven Sorgen messen, spürt, wie sie sich verändern, ja, sieht sie manchmal sogar voraus.

In diesen Tagen spürt er sie ganz besonders, die Angst der Amerikaner. Mehr denn je sogar, sagt er, und die Zahlen seiner Hotline bekräftigen das: Seit dem späten Dienstagabend herrscht ein historischer Ausnahmezustand bei Drapers Seelsorge-Notruf. Genauer gesagt, seit Donald Trump zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt worden ist. "Wir haben so etwas in unserer Geschichte noch nie erlebt", sagt Draper den Daily News. Wenn die Verunsicherung der jungen Amerikaner sie aktuell nicht auf die Straße treibt, dann an das Telefon zu Draper. So jedenfalls scheint es ihm.

Zweieinhalbmal so viele Anrufe wie durchschnittlich

Zwischen ein Uhr und zwei Uhr in der Nacht zu Mittwoch, kurz nachdem Donald Trumps Wahlsieg Gewissheit geworden war, hätten sich allein 660 besorgte bis panische Anrufer – zweieinhalbmal so viel wie durchschnittlich – an die Hotline gewandt. "Das ist ein klarer Indikator, dass eine Menge Furcht und Sorge rund um diese Wahl herrscht", sagt Draper.

Seine Beschreibung deckt sich mit der Situation der drei anderen großen Seelsorge-Anlaufstellen des Landes. Auch die "Crisis Text Line", ein Seelsorge-Netzwerk, an das sich verzweifelte und seelisch aufgewühlte US-Amerikaner via Kurznachricht in Textform wenden können, verzeichnete in der Wahlnacht mehr als doppelte so viele Nachrichten wie gewohnt. Eine Auswertung ergab, dass die am häufigsten in den Kurznachrichten vorkommenden Wörter "Wahl", und "verängstigt" in Kombination mit "LGBTQ" waren, wie die Text Line auf Twitter mitteilte.

Bei der Trans Lifeline, einer Seelsorge für suizidgefährdete Transgender, konnten selbst die zahlreichen freiwilligen Helfer den historischen Ansturm nicht bewältigen: Über 500 Anrufe gingen in der Nacht nach Trumps Sieg bei der Hotline ein, nur knapp 200 konnten entgegen genommen werden.

Besonders junge homosexuelle Frauen und Männer haben Angst

Die Verantwortlichen des "Trevor Project", einer Hotline für suizidgefährdete homosexuelle Frauen und Männer unter 25 Jahren, waren ebenfalls von einer arbeitsreichen Nacht ausgegangen und hatten im Vorfeld für Helfer gesorgt. "Wir hatten erwartet, dass sich der Wahlausgang auf unsere Anrufe auswirken würde, aber wir hätten nie geglaubt, dass der Effekt so riesig sein würde", sagt Steve Mendelsohn.

Der Geschäftsführer des Projekts erklärte, dass viele der vornehmlich jungen Anrufer Angst geäußert hätten, ihre Homosexualität unter dem 45. US-Präsident noch frei ausleben zu können. Viele hätten sich besorgt darüber gezeigt, dass es zumindest nicht völlig undenkbar scheint, dass die gleichgeschlechtliche Ehe unter Trump wieder aufgehoben wird, so Mendelsohn. John Drapers Erfahrungen beim "National Suicide Prevention Lifeline" zeigen, dass sie mit ihrer Angst in diesen Tagen nicht allein sind.

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