Verkehr Netz der überlastete S-Bahn Hamburg wird umstrukturiert

Hamburgs Verkehrssenator Tjarks spricht von der Neuerfindung des S-Bahn-Fahrens, Bürgermeister Tschentscher von einer grundlegenden Sache. Durch eine Neuorganisation des Liniennetzes sollen Ende 2023 Verspätungen und Störungen deutlich zurückgehen.
28.06.2022, 14:19
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Die von vielen Störungen und Überlastung geplagte Hamburger S-Bahn soll durch eine Umstrukturierung des Liniennetzes von Dezember 2023 an deutlich pünktlicher werden und auch mehr Passagiere transportieren können. „Wir wollen dieses historisch gewachsene Netz einfacher machen für mehr Leistung, für mehr Pünktlichkeit, für weniger Ausfälle. (...) Es ist ein bisschen so, wir erfinden das S-Bahn-Fahren in Hamburg neu“, sagte Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) am Dienstag. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sprach von einer „grundlegenden Sache“ und einem überzeugenden Konzept der S-Bahn Hamburg. Die Opposition in der Hamburgischen Bürgerschaft zeigte sich dagegen nicht ganz so begeistert.

S-Bahn-Chef Kay Uwe Arnecke sagte, künftig werde die S11 in die S1 von Poppenbüttel/Airport in Richtung Blankenese/Wedel integriert und fahre in der Hauptverkehrszeit im Fünf-Minuten-Takt. Gleiches gelte für die S21 und die S2, die künftig von Aumühle und Bergedorf in Richtung Altona fahren werde. Die S3 wiederum werde künftig nicht mehr ab Stade/Buxtehude, sondern ab Neugraben im Langzugbetrieb mit bis zu 1500 Fahrgästen pro Zug in Richtung Pinneberg fahren. Das bisherige stör- und verspätungsanfällige An- und Abkoppeln von Zugteilen aus oder nach Stade entfalle. Diese Züge sollen dann als S5 von Stade aus in Richtung Elbgaustraße fahren.

Mit dem Fahrplanwechsel 2023/24 fahren dann den Angaben zufolge die Linien S1 und S3 durch den Citytunnel und die Linien S2 und S5 über die Verbindungsbahn. Für Fahrgäste bedeutet die neue Linienführung mehr Umsteigen, wie Arnecke einräumte. Allerdings sei dies einfach und auch ohne Zeitverzug möglich, da die S-Bahnen bahnsteiggleich auf dem jeweils gegenüberliegenden Gleis warteten. Das sei zumutbar, „weil wir ja das Gesamtsystem stabilisieren“. In einem weiteren Schritt sollen dann bis 2030 die Linien S4 nach Bad Oldesloe und S6 nach Harburg eingeführt und die S5 bis Kaltenkirchen erweitert werden.

Verkehrssenator Tjarks sagte, die Zahl der Fahrgäste in der S-Bahn solle von derzeit rund 750 000 auf eine Million pro Tag gesteigert werden. Aktuell gebe es 164 S-Bahnen, 2030 sollen es 258 sein. „Wir wollen von jetzt 13 Millionen Zugkilometern auf (...) 21,5 Millionen Zugkilometer kommen“, sagte Tjarks. Gleichzeitig soll das S-Bahnnetz um gut 50 Kilometer auf rund 200 Kilometer wachsen.

Arnecke geht davon aus, dass mit der Umstellung auch die häufigen Signalstörungen weniger werden, da der gesamte Betrieb entlastet werde. Er räumte aber ein, dass dadurch keine bessere Signalsteuerung Einzug halte. Das seien andere Projekte. Er zählte dazu etwa den Bau neuer elektronischer Stellwerke in Altona West oder in der City.

Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßte die Umstellung. Die Fahrgäste müssten sich zwar an neue Liniennummern und an neue Linienführungen gewöhnen, die Anzahl der Fahrtmöglichkeiten steige aber. Gleichzeitig warnte der Vorsitzende des Regionalverbands Hamburg und Umgebung, Mathias Bölckow, jedoch davor, dass Verspätungen in das S-Bahn-Netz eingeschleppt werden könnten, weil die S-Bahn die Ferngleise zwischen Stade und Neugraben nutze. „Aus dem Grund fordern wir, dass in Neugraben Bereitschaftszüge als Reserve stationiert werden.“

Während die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen das Projekt begrüßten, zeigte sich die Opposition skeptischer. So verwies der CDU-Verkehrsexperte Richard Seelmaecker auf das „provinzielle Problem“ der Zugteilung in Ohlsdorf. „Sollen weiterhin Züge vor Ort mittig getrennt werden, damit der vordere Teil zum Flughafen fahren kann, während der verbliebene Teil weiter nach Poppenbüttel fährt?“ Das verwirre und sei für eine Großstadt nicht hinnehmbar. Die FDP-Abgeordnete Anna von Treuenfels-Frowein sprach von einer Neuorganisation alter Probleme. „Einige Langzüge mehr werden nicht das Grundproblem mangelnder neuer Strecken nach Harburg und Umgebung lösen.“

Weniger Ausfälle und mehr Pünktlichkeit seien natürlich gut, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Heike Sudmann. „Doch die vollgestopften Züge werden auf vielen Strecken erhalten bleiben, denn zusätzliche Angebote und Kapazitäten gibt es erstmal nicht.“ Neue Linienführungen und Liniennamen reichten nicht aus für die Mobilitätswende. AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann sagte: „Bis Dezember 2023 fließt noch viel Wasser die Elbe runter.“ Bislang sei das, was der Bürgermeister vorgelegt habe, nichts als ein Versprechen wie viele andere zuvor.

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