Böhmermann Comeback Neue Gegner nach Sendepause

Kein Schelm, wer an Satire denkt, als „Neo Magazin Royale“ am Donnerstagabend als „Deutschlands gesetzestreueste Unterhaltungsshow“ angekündigt wird.
14.05.2016, 00:00
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Neue Gegner nach Sendepause
Von Hendrik Werner

Kein Schelm, wer an Satire denkt, als „Neo Magazin Royale“ am Donnerstagabend als „Deutschlands gesetzestreueste Unterhaltungsshow“ angekündigt wird.

Nachdem das Format wegen des politischen Wirbels um Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fünf Wochen lang pausierte, hat sich der Moderator in gespielter Reue auferlegt, in dieser Sendung keine justiziablen Pointen vorzutragen. Stattdessen bat er zur textlichen Ausstaffierung des 45-Minuten-Talks das Publikum, ihm Witze zu schicken: 103 Euro verhieß er den Einsendern für jeden Beitrag, der es in die 45. Ausgabe der Sendung schaffen würde.

Das gelingt nur und immerhin einem dreckigen Dutzend (unter dem Vernehmen nach 10.000 Vorschlägen). Derben Kalauern zumeist, in denen der ehrpusselige Erdogan kaum subtiler parodiert wird als im inkriminierten Gedicht („Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, / selbst ein Schweinefurz riecht schöner“). Die Höhe des Honorars bezieht sich auf den Paragraphen 103, der im Strafgesetzbuch die „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“ – vulgo Majestätsbeleidigung – regelt. Einmal nur ist während der Sendung explizit die Rede von dem umstrittenen Paragraphen, mit dem sich am Freitag der Bundesrat befasst hat (siehe unten): Gesprächsgast Gregor Gysi kritisiert, dass die Bundeskanzlerin den Artikel erst im Anschluss an die juristische Ahndung in der Causa Böhmermann abschaffen wolle.

Nicht nur an der unwägbaren Gesetzesfront hat der Bremer Jan Böhmermann, der an diesem Abend zwar nicht angespannt, wohl aber ein bisschen freudloser als sonst wirkt, zu kämpfen. Denn es ist keinesfalls nur das beleidigte türkische Staatsoberhaupt, das Wiedergutmachung, ja Satisfaktion fordert. Auch William Cohn, Böhmermanns korpulenter Sidekick im Biedermannkostüm, hat noch eine Rechnung mit dem Moderator offen. Er fordert zu Beginn der Sendung angemessenen Verdienstausfall aufgrund der mehrwöchigen Pause; schließlich habe er zwischenzeitlich erniedrigende Jobs übernehmen müssen, darunter „Nacktputzer bei Mutter Beimer“.

In dieser abgründigen Preisklasse bewegen sich zu Beginn der kurzweiligen Sendung fast alle Gags. Man muss sie nicht witzig finden, um sich gut unterhalten zu fühlen. Denn bei den Hervorbringungen von Böhmermann und seinem Team ist nicht erst seit dem unseligen Erdogan-Bashing schwer auszumachen, ob es um eine Reanimation des gut abgehangenen Genres Anti-Witz geht oder um Etablierung von Formen des Post-Humors und der Meta-Ironie, die sich beständig selber unterlaufen. Wie Harald Schmidt in seinen subversiven Anfängen hat Jan Böhmermann, diese in Gröpelingen geborene, in Vegesack aufgewachsene Rampensau, eine raffinierte Spaß-Art kultiviert, in der es tendenziell unentscheidbar ist, wie sich Gesagtes und Gemeintes zueinander verhalten. Dass derlei in einem Zensurstaat wie der Türkei nicht ankommen kann, versteht sich von selbst.

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„Auf dieser Sendung liegt viel Druck“, sagt der öffentlich-rechtliche Satiriker Jan Böhmermann, der weder die Türkei noch den anhängigen Eklat auch nur eines Wortes würdigt – und doch in Gestalt mehr oder minder subtiler Anspielungen sardonische Späße sonderzahl treibt. Schabernack und Entsetzen liegen bei ihm seit jeher dicht beieinander. Entsprechend prägnant fällt an diesem Abend auch sein indirekter Kommentar dazu aus, warum er sich direkter Kommentare enthält: Es gebe viele Gags, die gegen die Menschenwürde verstießen, sagt er zunächst. Und dann: „Ich mag keine Witze über Hitler machen. Sonst wird mir das als Störung der Totenruhe ausgelegt – oder Hitler selbst verklagt mich.“

Die Moral des Stehaufmännchens

Einmal mehr sind es wohldosierte Andeutungen und Allegorien, die Böhmermann in Holzhammer-Manier zur Verteidigung in eigener Sache aufbietet. Das ist gleichermaßen plakativ, geschickt und alternativlos. Schließlich muss sich Böhmermann, der an diesem Abend schnieke gekleidet, aber ein bisschen blass um die Nase wirkt, nicht nur gegenüber dem diplomatischen Skandal Türkei vs. Deutschland zu behaupten versuchen, sondern zudem gegenüber seinem Arbeitgeber. Der hat sich in den vergangenen Wochen nur bedingt hinter sein schwer zu bändigendes Zugpferd gestellt. Schließlich belässt das ZDF das aus der Mediathek verbannte Schmähgedicht bis zum heutigen Tag im Giftschrank – und leistet somit Zensurvorwürfen Vorschub.

Dazu passt gut, dass die Donnerstagssendung von einem als Aufpasser-Justiziar drapierten Komparsen vorgeblich kritisch beäugt wird. Er achte darauf, dass die jüngste Ausgabe von „Neo Magazin Royale“ den gestrengen ZDF-Qualitätsmaßstäben genüge, erläutert der Moderator. Und signalisiert mit dieser Einlassung zweifelsohne, dass er sich mehr Engagement und Entgegenkommen seines Senders gewünscht hätte, dessen grenzdebile Erkennungsgeste („Mit dem Zweiten sieht man besser“) er an diesem Abend besonders hämisch zu vollführen scheint. Vielleicht aber auch nur etwas beleidigt. Schließlich dürfte auch für Böhmermann, die empfindsame Majestät unter den Fernsehspaßmachern, bis zum Beweis des Gegenteils gelten, dass er sich durch den – von ihm provozierten – Diplomatie-GAU in seiner Ehre gekränkt fühlt.

Es spricht für die Moral und den Kampfgeist des Stehaufmännchens, dass es sich während der Sendung berappelt – indem es sich auf einen neuen Gegner einschießt, ihn inkriminiert und verlacht. Mit dem grenzdebilen RTL-Castingformat „Schwiegertochter gesucht“ hat sich Jan Böhmermanns gut gewappnete Redaktion diesmal aus nachvollziehbaren Gründen ein leichter anzugreifendes Feindbild ausgeguckt.

Schon die Überleitung zum sendezeitintensivsten Thema des Abends ist schlagend: Böhmermann spricht zunächst über eine medial einflussreiche Frau mit gewisser Körperfülle und einem Hang zu Kostümen. Gemeint ist freilich nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern die RTL-Moderatorin Vera Int-Veen. Nach #varoufake, einer Satire über einen – angeblich – erhobenen Mittelfinger des vormaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, folgt nun konsequenterweise #verafake.

Böhmermanns jüngster Streich, der für die späte Ausstrahlungsstunde (22.15 Uhr) vergleichsweise gute Quoten einfuhr – 620.000 Zuschauer; Marktanteil: 2,8 Prozent – geht wie folgt: Er habe zwei Schauspieler in das als Reality-Dokumentation ausgeflaggte Format „Schwiegertochter gesucht“ geschleust, sagt Jan Böhmermann mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. Zum einen den vom RTL, diesem Privatsender mit Alliterationsfetisch, als „einsamen Eisenbahnfreund“ etikettierten Robin (21). Der hat ein großes Faible für Schildkröten und eine unstillbare Sehnsucht nach einer erfüllten Partnerschaft. Zum anderen dessen Vater René (38), einen vermeintlichen Alkoholiker, der Kette raucht und nach tagelangem Training bei RTL tränenfeuchten Auges zu Protokoll gibt, er sei sehr stolz auf seinen Sohn. Mehrere Einspieler mit den zugehörigen Darstellern belegen den Scoop, mit dem Böhmermann nach eigenen Worten auf die Instrumentalisierung geistig minderbemittelter Menschen durch RTL aufmerksam machen will.

Das ist ihm eindrucksvoll gelungen, obwohl das factum brutum nicht überrascht. Es sind vielmehr Details der medialen Undercover-Aktion, die schockieren. Etwa der Umstand, dass der einsame Eisenbahnfreund für bis zu 30 Drehtage 150 Euro Aufwandsentschädigung erhält, derweil sich RTL eine Werbeminute in den Pausen des Formats mit bis zu 90.000 Euro versilbern lässt. Auch die laxe bis fahrlässige Prüfung der Kandidaten in Sachen Geisteszustand und Suchtdisposition durch RTL-Mitarbeiter ist eklatant; desgleichen der Umstand, dass die ohnedies schier unglaublichen Legenden von „Robin“ (21) und „René“ (38) noch überboten wurden. RTL habe die beiden noch dümmer gemacht, als sie beim ZDF konzipiert worden waren, sagt Böhmermann halb ungläubig, halb triumphal. Und kündigt eine Fortsetzung seiner TV-internen Undercover-Ermittlungen in einer der nächsten Ausgaben an.

Eine solche Rubrik klingt nach einem gangbaren Weg für die nähere Zukunft von „Neo Magazin Royale“ nach der Erdogan-Zäsur. Am Ende der Sendung gibt es dann vom gewohnt eloquenten Gesprächsgast Gregor Gysi noch einige aufbauende Sätze für Jan Böhmermann: Zwar habe er dessen Schmähgedicht nicht gut gefunden, sagte der Jurist, Politiker und Rinderzüchter; verteidigen würde er es dennoch. Selten wehte im ZDF so viel Rosa-Luxemburg-Geist wie an diesem Abend.

Nachsatz: RTL hat am Freitag „Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht“ eingeräumt. Der Unterhaltungschef des Senders kündigte an, das Produktionsteam von „Schwiegertochter gesucht“ auszutauschen. Jan Böhmermann, der schwierige Wochen hinter sich hat, ist diese Satisfaktion unbedingt zu gönnen.

Zur Sache: Neue Sendung

Fest & Flauschig Der neue Name der Show von Jan Böhmermann und Olli Schulz bei „Spotify“ lautet „Fest und Flauschig“. Die beiden Moderatoren starten am Sonntag ihren neuen Podcast auf dem Streamingdienst. Eine Episode soll circa 45 Minuten dauern, das Duo will über aktuelle Inhalte sprechen. Die Downloads werden jeden Sonntag ab 0.01 Uhr erscheinen. Auch Spotify selbst bestätigte den Namen. Bisher plauderten Olli Schulz und Jan Böhmermann jeden Sonntag in ihrer Show „Sanft & Sorgfältig“, die auf dem RBB-Sender Radioeins lief. Ende April hatte das Duo dann aber angekündigt, „Sanft & Sorgfältig“ nicht fortsetzen zu wollen.
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