"Ich bin keine gute Spielplatzmama" Nina Kunzendorf fahndet "In aller Stille" nach einem vermissten Kind (Mittwoch, 3. 11., 20.15 Uhr, Das Erste) - und spielt in der 3sat-Wiederholung "Die Nachrichten" (Dienstag, 9. 11., 20.15 Uhr)

Nina Kunzendorf spricht über ihr wachsendes Selbstbewusstsein, das Leben in Oberbayern und gute Gründe, sich als Mutter von Spielplätzen fernzuhalten.
08.10.2010, 00:00
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Von Jens Szameit

Nina Kunzendorf spricht über ihr wachsendes Selbstbewusstsein, das Leben in Oberbayern und gute Gründe, sich als Mutter von Spielplätzen fernzuhalten.

So mit Milchkaffee in der Hand und mit Blick auf die Hamburger Binnenalster lasse sich das ganz gut aushalten, versichert Nina Kunzendorf. Dass die Schauspielerin so ganz allein auf weiter Flur Interviews zum neuen BR-Fernsehfilm "In aller Stille" (Mittwoch, 3. November, 20.15 Uhr, Das Erste) geben soll, findet sie aber schon "ungewöhnlich". Doch die Begehrlichkeiten an der 38-Jährigen wachsen. Spätestens seit sie für die Titelrolle im "Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel" mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt wurde, gilt die gebürtige Mannheimerin, die mit ihrem Mann, dem Schauspieler Stephan Bissmeier, bei Bad Tölz lebt, als Ausnahmekönnerin. Ein Eindruck, den ihr neuer Film, ein bedrückendes Krimidrama über ein verschwundenes Kind, nur noch verstärkt. Mit glasigem Blick und minimalistischem Stil verkörpert die künftige "Tatort"-Kommissarin des HR eine Kripoermittlerin an der Grenze zum Burnout.

teleschau: Frau Kunzendorf, Sie sagten mal, Sie fühlen sich bei Drehbeginn immer wie eine Anfängerin. Hat sich das mit den Filmpreisen in den letzten Jahren gebessert?

Nina Kunzendorf: Ja, aber das liegt nicht an den Preisen. Als ich meine ersten zwei, drei Filme drehte, hatte ich das Gefühl, ich muss beweisen, dass ich das auch wirklich kann. Nachdem ich ein paar Filme gemacht hatte und dafür Anerkennung erntete, stärkte das natürlich mein Selbstbewusstsein. Was aber nicht heißt, dass ich herumlaufe und mich ganz toll finde.

teleschau: Nicht mal nach dem Grimme-Preis?

Kunzendorf: Damals hatte ich ein vier Monate altes Baby, den anstrengendsten Dreh meines Lebens und dachte, ich überlebe die nächsten drei Wochen nicht. Da war ich mit den Gedanken ganz woanders (lacht). Der Grimme-Preis hat mein Selbstverständnis als Schauspielerin nicht verändert.

teleschau: Auch nicht die Art und Weise, wie Sie in der Branche wahrgenommen werden?

Kunzendorf: Wie die Branche über mich redet, wer was wann sagt, das kriege ich ja gar nicht mit.

teleschau: Interessiert es Sie nicht?

Kunzendorf: Doch. Natürlich ist es mir nicht schnuppe, ob man mich wertschätzt oder nicht. Aber ich will mich nicht von der Meinung anderer abhängig machen. Weil ich umgekehrt auch weiß, dass ganz viele mit dem, was ich zusammenspiele, gar nichts anfangen können. Das ist denen zu spröde, zu kühl, zu zurückhaltend.

teleschau: Neigen Sie sehr zu Selbstkritik?

Kunzendorf: Das war früher ganz schlimm, ist aber besser geworden. Ich habe allerdings immer noch einen hohen Anspruch an mich, ich bin nicht schnell mit mir zufrieden. Eine zu hohe Meinung von sich selbst ist ja nie förderlich, egal in welchem Beruf.

teleschau: Wundert es Sie manchmal, dass Sie so oft für schwere, tragische Stoffe besetzt werden?

Kunzendorf: Ich würde mich durchaus über ein bisschen Abwechslung freuen. In meinem Fall war es "Der scharlachrote Engel", der dafür gesorgt hat, dass ich in dieser Ecke gelandet bin. Der Mut, mal jemanden gegen den Strich zu besetzen, ist bei den Verantwortlichen in der Regel nicht so riesig. Die denken sich: "Das ist doch ne Rolle für die Kunzendorf!" Ich würde wahnsinnig gern mal was Leichtes spielen. Mit der Betonung auf "mal".

teleschau: "In aller Stille" ist hingegen ein Film, der bedrückender kaum sein könnte. Es geht um die Fahndung nach einem vermissten und womöglich misshandelten Kind. Konnten Sie das nach Drehschluss einfach abschütteln?

Kunzendorf: Ich habe zwei kleine Kinder. Wenn ich nach Hause komme und sie noch nicht schlafen, überfallen die mich derart vital, dass da nicht sehr viel Raum bleibt, um den Dingen nachzuhängen. Ich kann gar nicht anders, als ganz schnell an- und auszuschalten. In dem Fall hat es sich aber ein bisschen mehr vermischt, weil es um ein Thema geht, das mich sehr berührt.

teleschau: Auch weil es in den bürgerlichen Familienalltag reicht?

Kunzendorf: Na klar, da hinterfragst du automatisch deine eigene Position als Mutter, dein eigenes Vermögen und Unvermögen.

teleschau: Sie drehten im Münchner Umland quasi vor der eigenen Haustür. Sehr praktisch eigentlich ...

Kunzendorf: Superpraktisch! Auf der anderen Seite ist es auch anstrengend, nicht an einem anderen Ort zu drehen, weil ich so beide Jobs hundertprozentig machen will: Mutter und Schauspielerin. Der Kontrast zwischen beiden Welten ist aber auch heilsam.

teleschau: Ihre Kommissarin ist damit überfordert, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Ihnen gelingt das besser?

Kunzendorf: Ja. Ich arbeite auch gar nicht so viel, es sind höchstens drei Produktionen im Jahr. Somit ist die Zeit, die ich daheim verbringe, ungleich größer als die, in der ich arbeite. Seit die Kinder da sind, überlege ich mir dreimal, ob es sich lohnt, vier Wochen von zu Hause wegzugehen.

teleschau: Ihre Kinder sind drei und fünf. Aus dem Gröbsten raus, sagt man wohl?

Kunzendorf: Nee, finde ich nicht (lacht). Es ist großartig, aber sie fordern einen halt sehr. Kinder sind ja so Ritualviecher. Die finden es toll, wenn alles so ist, wie sie es kennen. Und das ist mit meinem Beruf nicht immer zu leisten.

teleschau: Da geht's Ihrem Mann, dem Schauspieler Stephan Bissmeier, ganz ähnlich ...

Kunzendorf: Er ist seit Sommer fest bei den Kammerspielen engagiert. Einen geregelten Tagesablauf hat er aber auch nicht. Da weiß man meistens erst am Abend zuvor, ob man am nächsten Tag Probe hat. Man muss flexibel bleiben.

teleschau: Wer hilft, wenn's brennt?

Kunzendorf: Es gibt die Großeltern. Es gibt ganz tolle Nachbarn und Babysitter. Aber wir hantieren nicht wie Angelina Jolie und Brad Pitt mit 15 Nannys und Köchen. Wir haben noch nicht einmal ein Au-pair-Mädchen.

teleschau: Ihre Filmfigur hat Probleme mit dem kleinen Sohn, vor allem aber mit der schwer pubertierenden Tochter. Können Sie jetzt besser abschätzen, was auf Sie zukommt?

Kunzendorf: Ich sage immer im Spaß zu meinem Mann: "Wenn's so weit ist, ziehe ich für drei Jahre aus und komme anschließend wieder." Ich denke, dass es happig wird. Meine Tochter ist ein ganz zähes Weib, da kommt eine ordentliche Welle auf uns zu.

teleschau: Beeindruckend sind auch die Filmszenen mit den Müttern in dieser Spielplatzhölle ...

Kunzendorf: Ich habe so etwas privat immer gemieden. Ich bin keine gute Spielplatzmama. So eine Ansammlung von Gleichgesinnten, die sich dann immer nur über Windeln und Ähnliches unterhalten, das ist nicht meine Leidenschaft.

teleschau: Wenn Ihre Kinder fragen, worum es in Ihren Filmen geht ...

Kunzendorf: Das erzähle ich ihnen nicht. Ich kann ihnen noch nicht mal erklären, was mein Beruf ist. Theater kann ich eher erklären: Menschen verkleiden sich, tun so, als wären sie jemand anderes, und erzählen Geschichten. Aber das Medium Film ist ihnen total fremd, weil sie es gar nicht gucken.

teleschau: Erstaunlich.

Kunzendorf: Mein Sohn guckt Fußball, Leichtathletik und Schwimmen. Aber alles, was in Richtung "Sandmännchen" oder "Michel aus Lönneberga" geht, interessiert ihn nicht. Ich muss seinen Fernsehkonsum gar nicht regulieren, er verweigert sich von sich aus.

teleschau: Im Film bröckelt die oberbayerische Heile-Welt-Fassade ganz gewaltig. Haben Sie als Zugereiste schon ähnliche Erfahrungen gemacht?

Kunzendorf: Wir haben in Wolfratshausen gedreht, das ist eine Kleinstadt. Ich wohne dagegen seit kurzer Zeit richtig auf dem Land. Und da hatte ich noch kein Erlebnis von der Art: "Hupps, hier geht es ja ganz anders zu, als man denkt!" Im Moment habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die Dinge dort einen sehr gesunden Gang gehen. Aber man weiß es ja nicht ...

teleschau: Auf dem Land, heißt es, kommt man als Neuling besonders schwer mit den Einheimischen in Kontakt ...

Kunzendorf: Ich empfinde die Menschen in meiner Nachbarschaft als sehr freundlich und aufgeschlossen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es schwerer ist, Kontakte zu knüpfen, als das etwa in München der Fall wäre. Allerdings komme ich mir manchmal schon ein bisschen preußisch vor, laufe da rum und denke: "Ich möchte auch Bayerisch können!" Und dann gewöhnt man sich so ein "Pfiati" an und schämt sich gleichzeitig dafür.

teleschau: Interessant. Schließlich war vor ein paar Jahren noch zu lesen ...

Kunzendorf: ... dass ich München nicht so gerne mag! Ja, das wird mir immer noch um die Ohren gehauen. Irgendwann beschloss ich, ich sage dazu gar nichts mehr, oder ich schwärme nur noch.

teleschau: Dann schwärmen Sie doch mal!

Kunzendorf: Ich schwärme auf jeden Fall von dem Ort, an dem ich jetzt wohne. Ich fühle mich da sauwohl und hoffe, dort so schnell nicht wieder wegzumüssen. Die Idee war: wenn schon nicht Berlin, dann gleich richtig raus in die Natur. Südlich von München ist es hammerartig schön! Ein bisschen wie in der Landliebewerbung.

teleschau: Frau Kunzendorf, Sie haben im Film mit Maximilian Brückner ...

Kunzendorf: ... geknutscht!

teleschau: Das auch, richtig. Haben Sie nebenbei mal gefragt, wie es sich anfühlt, "Tatort"-Kommissar zu sein?

Kunzendorf: Warten Sie, habe ich das damals schon gewusst? Nee, insofern habe ich ihn auch nicht gefragt.

teleschau: Mussten Sie lange grübeln, als das Angebot vom HR kam?

Kunzendorf: Einen kurzen Moment habe ich schon nachgedacht. Immerhin sind durch den "Tatort" zwei von den drei Produktionen, die ich jährlich machen will, besetzt. Dann gab es Gespräche mit den Verantwortlichen, es klang inhaltlich sehr verführerisch, und schließlich habe ich ziemlich zackig zugesagt.

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