"Fußball ist keine Wissenschaft" Oliver Kahn ist Experte bei der Fußball-EM im ZDF (ab So., 10.06., 16.15 Uhr)

Vor der Euro 2012 spricht ZDF-Experte Oliver Kahn über Favoriten und Voraussetzungen, die ein Titel-Anwärter mitbringen muss. Und er räumt mit verbreiteten Irrtümern des modernen Fußballs auf ...
18.05.2012, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Eric Leimann

Vor der Euro 2012 spricht ZDF-Experte Oliver Kahn über Favoriten und Voraussetzungen, die ein Titel-Anwärter mitbringen muss. Und er räumt mit verbreiteten Irrtümern des modernen Fußballs auf ...

Nicht jeder hätte es ihm zugetraut. Oliver Kahn, vor vier Jahren zurückgetretener Torwart-Titan, hat als ZDF-Kommentator seine Kritiker überzeugt. Früher schien der dreimalige Welttorhüter des Jahres vom Ehrgeiz zerfressen, eine Menschmaschine, humorfreier Ego-Tripper. Als Kahn nach der EM 2008 den Experten-Posten von Medientalent Jürgen Klopp übernahm, glaubte kaum jemand, dass Kahn die Lücke füllen könnte. Mittlerweile ist das Duo Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn jedoch unumstritten. Sie strahlen ein entspanntes Miteinander aus, die Analysen des Ex-Torwarts gewinnen immer mehr an Klasse. Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine wird das ZDF-Duo nicht vor Ort kommentieren, sondern von einer eigens eingerichteten Public-Viewing-Bühne am Strand von Usedom. Im Interview spricht Oliver Kahn über Perspektiven der deutschen Elf und verbreitete Irrtümer im Spitzenfußball. Auch für die eigene Wandlung findet der 41-Jährige verblüffende Erklärungen.

teleschau: Herr Kahn, die Frage muss sein: Wird Deutschland Europameister? Haben Sie eine Antwort, von der Sie ehrlich überzeugt sind?

Oliver Kahn: Ich schätze die deutsche Mannschaft so ein, dass sie den Titel wirklich holen will. Das klingt profan, ist es aber nicht. Um Europameister zu werden, braucht man eine klare Spielidee. Es braucht Mechanismen, die funktionieren. Ganz entscheidend ist aber der klare Wille, diese Systeme mit größter Leidenschaft anzutreiben. Das alles sehe ich bei der deutschen Mannschaft. Ich sage es mal so: 2012 wäre ein guter Zeitpunkt, um den Titel zu holen.

teleschau: Sind die Spanier zu schlagen?

Kahn: Die Spanier haben die klarste Spielidee und hervorragendes Personal. Die Frage ist jedoch, ob sie noch hungrig genug sind, um alles für einen weiteren Titel zu tun. Es gibt aber noch andere Mannschaften im Turnier. Ich persönlich halte zum Beispiel sehr viel von den Polen. Man sollte die Heimmannschaften nie unterschätzen, auch wenn sie nicht zu den Top-Favoriten gehören.

teleschau: Verbinden Sie ein persönliches Gefühl mit Polen und der Ukraine - auch unabhängig der gegenwärtigen politischen Diskussionen?

Kahn: Mit der Ukraine verbinde ich ein sehr persönliches Gefühl. Vor der WM 2002 mussten wir in Kiew zum Play-off Spiel antreten, das ging 1:1 aus. Das Rückspiel in Dortmund haben wir dann 4:1 gewonnen. Hätte es damals nicht geklappt, wir wären die erste deutsche Mannschaft gewesen, die sich nicht für eine WM hätte qualifizieren können. Ich erinnere mich, dass der Druck gewaltig war. Mit der größte, den ich in meiner Karriere aushalten musste.

teleschau: Wenn Spieler mit ihrer Vereinsmannschaft vor der Auslosung eines Europapokal-Spieles stehen, heißt es immer: Bloß nicht nach Osteuropa. Warum eigentlich?

Kahn: Das waren meistens weite Reisen. Und im Winter hatte man wenig Lust auf die Bedingungen. Mittlerweile spielen sie in Moskau auf Kunstplätzen. Damals waren es eher Matsch- oder gewalzte Sandplätze, kein wirklicher Rasen. Auch die Mannschaften empfand ich vor allem auswärts als schwer zu spielen - mit ihrem schnellen, gepflegten Kurzpassspiel. Die Namen der Gegner im Osten verströmten wenig Flair. Auch die großen Stars fehlten. Aber sie hatten natürlich sehr gute Spieler. Deshalb konnte man im Osten eigentlich nur verlieren.

teleschau: Mittlerweile sind Sie professioneller Beobachter von Fußballspielen. Schauen Sie sich Fußball im Fernsehen manchmal auch still an - ohne Kommentar?

Kahn: Nein, wenn ich konzentriert Fußball schaue, nehme ich den Kommentar sowieso nicht wahr. Deshalb muss ich den Ton auch nicht abdrehen. Jeder Mensch hat wahrscheinlich seine eigenen Favoriten oder roten Tücher unter den Kommentatoren. Aber das ist eine interessante Anregung. Ich werde mal probieren, mir Spiele in Stille anzuschauen.

teleschau: Nervt es Sie, wenn Journalisten oder auch normale Zuschauer unqualifizierte Urteile von sich geben?

Kahn: Wenn man selbst da unten auf dem Rasen gestanden hat, auf hohem Niveau Fußball gespielt hat, weiß man Dinge, die Menschen, die das nicht in ihrem Erfahrungsschatz haben, einfach nicht wissen können. Da geht es um Tausende von Kleinigkeiten. Körperliche Erfahrungen, Schlüsse, die man aus dem Erlebten zieht - das können andere einfach nicht verstehen. Auf der anderen Seite bin ich fest davon überzeugt: Beim Fußball kann und darf jeder mitreden. Weil es keine wissenschaftlich hundertprozentig gesicherte Wahrheit darüber gibt, was zum Erfolg führt (lacht). Deshalb darf jeder mitreden, und da unterscheidet sich Fußball von vielen anderen Dingen.

teleschau: Und doch gibt es einen Trend - auch in den Medien - Fußball immer wissenschaftlicher zu betrachten. Das Spiel wird in Statistiken zerlegt, man zeichnet Laufwege auf. Wird uns ein falsches Bild vom Fußball als berechenbares Wissen gezeichnet?

Kahn: Die Informationsflut im Fußball ist ein Spiegelbild unserer Zeit. Man muss lernen - sei es als Trainer oder Experte -, damit umzugehen. Für jeden, der sich professionell mit Fußball beschäftigt, ist es wichtig, diese Informationen zu filtern. Gute Trainer haben die Begabung, aus der Informationsflut zwei oder drei Punkte herauszuanalysieren, die entscheidend sind. Die große Frage bei Gegnern auf hohem Niveau lautet doch immer: Wie können wir es schaffen, diesen Gegner zu schlagen? Wer dann erzählt: Wir ziehen unser Spiel durch, egal was der Gegner macht, hat entweder einen hoffnungslos unterlegenen Gegner oder erzählt Quatsch.

teleschau: Sind manche Spieler von der scheinbaren Komplexität des Spiels überfordert?

Kahn: Ich hoffe nicht - ab einem gewissen Niveau. Es ist die Aufgabe des Trainers, diese Tonnen von Wissen auf die entscheidenden Punkte und Anweisungen herunterzubrechen. Trotz des Riesenaufwands im heutigen Fußball ist es am Ende immer noch ein Spiel. Ein Spiel, das von Menschen gespielt wird. Wissen Sie, was einen Trainer wie José Mourinho so gut macht? Er weiß alles über die Spieler. Nicht nur über die eigenen, sondern auch über die des Gegners. Entsprechend stellt er seine Mannschaften auf. Fußballspiele gewinnt man, indem man fundiertes Wissen über die beteiligten Menschen hat. Nicht, indem man Laufwege oder Zweikampfstatistiken überinterpretiert.

teleschau: Sie haben Ihren Vertrag mit dem ZDF um drei Jahre verlängert, werden dort ab der kommenden Saison auch die Champions-League kommentieren. Was gefällt Ihnen an dem Job?

Kahn: Ein ganz wichtiger Grund war Katrin Müller-Hohenstein. Ich mag die Art, wie wir zusammenarbeiten. Das hat eine enorm entspannte Atmosphäre. Unsere Lockerheit kommt unter anderem daher, dass die Aufgaben klar verteilt sind. Es gibt Zweier-Teams, bei denen sich der Moderator bemüht, in Sachen Fußballwissen auf Augenhöhe mit dem Experten zu diskutieren. Das kann anstrengend werden. Bei Katrin und mir hat jeder seinen Bereich. Das macht es zu einem großen Vergnügen. Dazukommt, dass die Champions League sehr reizvoll ist. Da herrscht eine große Dynamik, es passiert einfach sehr viel. Immer nur Nationalmannschaft ist auf Dauer ja auch ein bisschen langweilig (lacht).

teleschau: Ihr ARD-Pendant Mehmet Scholl hat gerade seinen Fußball-Lehrer in Köln gemacht. Reizt Sie der Trainerjob überhaupt nicht?

Kahn: Die A-Lizenz habe ich ja gemacht, auch um analytisch einfach noch dazuzulernen. Der Fußballlehrer ist hingegen nichts für mich. Ich habe 20 Jahre lang enormen Druck als Spieler aushalten müssen. Als Trainer ist der Druck sicher nicht kleiner. Ich brauche diesen Druck in meinem Leben nicht noch mal. Als ich 2008 meine Laufbahn beendete, entstanden andere Ideen in meinem Kopf. Ich habe angefangen, wieder zu studieren, habe meinen MBA in Salzburg abgeschlossen. Was ich machen will, muss nicht zwangsläufig so viel mit Fußball zu tun haben.

teleschau: Was sind Ihre Ziele?

Kahn: Es geht in Richtung des eigenen Unternehmertums. Ich habe eine Internetplattform gegründet und ein TV-Format in Asien produziert, das wir vielleicht auch nach Europa bringen wollen. Dazu gründete ich die Oliver-Kahn-Stiftung. Alles Dinge, wo ein Abschluss in Betriebswirtschaft durchaus hilfreich ist. Natürlich will ich im Sport weiter auf Expertenebene dabeibleiben.

teleschau: Ihr Ehrgeiz ist legendär. Hand aufs Herz, wie schwer war die Zeit nach dem Ende der Karriere?

Kahn: Das erste Jahr war schon sehr schwierig. Ich musste sowohl meinen Körper als auch meinen Geist von Höchstleistung auf Normalmaß herunterfahren. Es war keine einfache Zeit. All das Adrenalin, das da sinnlos ausgeschüttet wurde! Wenn mittwochs Champions-League-Spieltag war, musste ich um 22 Uhr von der Couch aufstehen und einen Waldlauf machen. Oder auch samstags um 15.30 Uhr. Der Körper war es gewohnt, aktiviert zu werden, zu agieren. Und dann passierte nichts. Das war schon sehr schwierig. Nach einem Jahr ging es besser, dann traten die Lebensfragen in den Vordergrund. Was will ich eigentlich tun? In dieser Phase sollte man keine allzu großen Fehler machen. Viele bekannte Sportler dachten ja, sie könnten andere Dinge genauso gut, weil sie es gewohnt waren, erfolgreich zu sein. Das ist natürlich ein Irrglaube. Auf anderem Feld fängt man als ganz kleines Würstchen wieder an. Wer das nicht weiß, ist dumm.

teleschau: Sie wirken heute viel lockerer als früher. Auch der Experte Oliver Kahn ist entspannter als bei seinen frühen Auftritten. Haben Sie diese Entwicklung aktiv gesteuert?

Kahn: Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Wenn ich mich früher im Fernsehen gesehen habe, hat mich das schon immer ein bisschen genervt, dass ich so angespannt wirkte. Sei mal ein bisschen lockerer, sagte ich zu mir. Aber das ist gar nicht so leicht umzusetzen. Lockerheit kommt von innen. Als der ganze Druck der Karriere nach und nach abgefallen ist - und dieser Prozess ist bis heute noch nicht völlig abgeschlossen - ist es Stück für Stück besser geworden. 20 Jahre Hochleistungssport hinterlassen tiefe Spuren, im Kopf und im Körper. Ich bin froh, dass alles vorbei ist. Ich werde immer ruhiger. Das gefällt mir.

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