Woodstock: Festivals heute

Open-Air-Kultur im Wandel

Heute gibt es mehrere Hundert Festivals alleine in Deutschland. Sie sprechen die unterschiedlichsten Zielgruppen an. Ein Experte erzählt, wie sich Open-Air-Veranstaltungen im Laufe der Jahre verändert haben.
29.06.2019, 05:52
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Open-Air-Kultur im Wandel
Von Alexandra Knief
Open-Air-Kultur im Wandel

Festivalbesucher Fabian mit ganz besonderer Sonnenbrille auf dem Hurricane-Festival 2019.

Hauke-Christian Dittrich/dpa

Heute gibt es mehrere Hundert Festivals alleine in Deutschland. Zählt man auch die vielen kleinen Open-Air-Events mit, sind es wohl Zahlen im vierstelligen Bereich. Die Festivalbändchen, die Besucher bei der Ankunft erhalten, tragen viele noch Wochen nach dem Event. Aber wie haben sich Festivals im Laufe der Jahre eigentlich verändert?

Höhere Nachfrage, höhere Gagen

Für Künstler haben Liveauftritte heute einen weitaus höheren Stellenwert als noch vor einigen Jahren, als ein großer Anteil an Einnahmen sich noch aus dem Platten- und CD-Verkauf generieren ließ. In Streamingzeiten müssen Künstler verstärkt mit Auftritten ihren Lebensunterhalt verdienen. „Das Festivalgeschäft schafft Bühnen“ sagt Stephan Thanscheidt, CEO bei FKP Scorpio, ein Unternehmen, das europaweit mehr als 20 Festivals jährlich veranstaltet, darunter auch das Hurricane. Gerade die großen Festivalmarken seien für Künstler eine wichtige Anlaufstelle. Jedes Jahr gebe es weitaus mehr Anfragen, als das Line-Up zulasse. Bei einigen großen Stars ist es allerdings andersherum, wie Thanscheidt berichtet. „Es gibt einen internationalen Wettbewerb um die Künstler.“ Da müsse man auch schon mal tiefer in die Tasche greifen, um einen Act zu bekommen.

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Strenge Sicherheitskonzepte

Zustände wie in Woodstock? Heute undenkbar. „Es gibt auf dem Festivalgelände nichts, was nicht vorher ins Konzept einbezogen und ganz genau geprüft wurde“, sagt Thanscheidt. Jahr für Jahr stehe man in engem Kontakt mit Bauämtern und Ordnungsbehörden, mit der Polizei und der Feuerwehr. Es gibt Sicherheitskonzepte für Crowdmanagement und Wegeführung, der TÜV und spezialisierte Statiker haben einen genauen Blick darauf, dass auch wirklich alles gefahrlos vonstattengehen kann. „Sicherheit steht ganz oben“, sagt Thanscheidt. „Egal, was sie kostet.“

Umfangreiches Rahmenprogramm

„Vor zehn bis 15 Jahren waren Festivals Wiesen mit einem Zaun drumherum, Trink- und Fressbuden und einer Bühne. Das war’s“, sagt Thanscheidt. Heute ist das anders. Fast überall gibt es ein Rahmenprogramm. Gerade im Ausland haben sich viele Festivals zu einer Art Jahrmarkt entwickelt. Auf dem amerikanischen Coachella gibt es zum Beispiel ein Riesenrad. Doch auch in Deutschland setzt man auf Abwechslung, auch wenn die Musik fast überall weiterhin im Mittelpunkt steht. Beim A Summers Tale in der Lüneburger Heide zum Beispiel gibt es unter anderem Autorenlesungen, Yoga und Weinseminare. Grund für das erweiterte Angebot ist vor allem ein Wandel der Publikumsstrukturen.

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Ein anderes Publikum

Das Festivalpublikum besteht schon lange nicht mehr aus 18- bis 25-jährigen. „Man sagt nicht umsonst, 40 ist das neue 30“, sagt Thanscheidt. Die Altersspanne auf vielen Festivals ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden. Und nicht allen ist es egal, wo und unter welchen Umständen sie am Festivalwochenende übernachten.

Der Wunsch nach Komfort

Ob nun Ü30 oder im besten Festivalalter: Viele Besucher sehnen sich nach mehr Komfort. Das Melt-Festival, Rock am Ring oder auch das Hurricane bieten mittlerweile Luxuscamping-Flächen an, wo Besucher mit dem nötigen Kleingeld schlafen können, fast wie im Sternehotel. Es gibt Wagen und Hütten mit Strom und WLAN, die man bequem über befestigte Wege erreicht. Kleinere Festivals erfüllen die Nachfrage nach alternativem Festivalfeeling: Das Rolling Stone Beach bietet sogar Hotelzimmer direkt auf dem Gelände an. „Die Besucher sind zum Teil über 60 Jahre alt“, sagt Veranstalter Thanscheidt. „Und die Tickets immer weit im Voraus ausverkauft.“

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Nachhaltigkeit

Ein anderes Thema, was längst Einzug auf viele Festivalgelände gehalten hat, ist Nachhaltigkeit. Das Hurricane bietet seit einigen Jahren zum Beispiel „Grüner Wohnen“, einen gesonderten Campingbereich, auf dem Besucher sich im Vorfeld verpflichten, nicht alles zu vermüllen. In diesem Jahr machten 20 000 Leute mit. Außerdem verzichtete man beim Hurricane erstmals komplett auf Einwegplastik an den Gastronomieständen. Auch in Bremen wird es auf der Breminale in diesem Jahr erstmals kein Geschirr und Besteck aus Plastik mehr geben. Und schon zuvor setzten die Festivalmacher auf Nachhaltigkeit: Die Boxen und Verstärker auf den Bühnen laufen mit Ökostrom, statt Glühbirnen leuchten LEDs.

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