Technik: Immersiver Sound Leb wohl, Lautsprecher!

Wer braucht schon Lautsprecher? Im Auto machen bald die ohnehin verbauten Oberflächen die Musik. In Fachkreisen bereits länger ein Thema, machen Continental und Sennheiser die Technik nun salonfähig.
30.01.2021, 05:00
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Von Tobias Winkler

Drei Innovation Awards auf einen Streich – der Hannoveraner Automobilzulieferer Continental hat bei der diesjährigen Technologiemesse CES ordentlich abgeräumt. Ein Preis freut Niedersachsen gleich doppelt. Denn bei der Entwicklung des lautsprecherlosen Musiksystems Actuated Sound ist auch ein zweites Unternehmen der Region im Boot, der Audiospezialist Sennheiser.

Was noch zur Jahrtausendwende ziemlich en vogue war, bucht die Jugend von heute schlichtweg unter dem Schlagwort Umweltsau ab. Auch anderweitiges Proletentum automobiler Gestalt ziemt sich heutzutage nicht mehr. Damals hingegen lieferte nicht zuletzt MTV unentwegt neue Ideen, das Fahrzeug aufzumotzen. Das Credo: Tiefer, schneller, lauter – im Sprachgebrauch des Musiksenders „Pimp my Ride“.

„Pimp my Ride“ – ein Klassiker des Auto-Tunings

Die Dramaturgie der ­TV-Show ist stets dieselbe. Familie und Freunde lobhudeln den Kandi­daten. Sie betonen, wie sehr dieser doch ein Fahrzeug verdiene, das nur auf ihn zugeschnitten ist. Und MTV macht ihn dafür zum „­Kollegah der Hood“. So der damalige ­Jargon – Jahrzehnte früher war es der „Local Hero“, der unumstößliche Held des Quartiers.

In jenem des Autors war neben lauten End­rohren und bösen Blicken vor allem eins ­angesagt: die wattstarke Musik­anlage. Wie sehr hätte sich der Freundes­kreis über ein paar von MTV bezahlte Bauteile gefreut. Aber nun denn, TV und Realität gehen selten Hand in Hand.

So opferten allesamt ihren mühsam verdienten Lohn der Ferienarbeit, gingen mit Stichsägen ans Werk, um die Hutablagen mit Löchern zu versehen. Und um Hochleistungs­lautsprecher einzubauen, die ihresgleichen suchten. Der mannig­fachste CD-Wechsler krönte letztlich den Vorzeige-­Tuner der Nachbarschaft – und nahm jeglichen Laderaum.

Ab in die Versenkung: Aktuatoren spielen groß auf

Damals undenkbar, machen zwei Hannoveraner Unternehmen nun Schluss mit raumraubender Audiotechnik. Geht es nach dem Hi-Fi-Spezialisten Sennheiser und dem Automobilzulieferer Continental, ist künftig keine einzige herkömmliche Membran mehr im Auto verbaut. Stattdessen machen die Ober­flächen die Musik.

Den entsprechenden Baukasten nennt Sennheiser in Anlehnung an seine Home-Entertainment-Lösungen Ambeo Mobility Technologie, Conti spricht wie gehabt von Actuated Sound. Von den ersten Plänen berichtete der ­motor.markt bereits 2019. Durch das Joint Venture nimmt die Technik nun Fahrt auf.

Bassrolle, ade! Die Tiefen übernimmt das Dach

Auszeichnungen wie die CES-Awards spornten natürlich an, sagt Samir Salman, Chef der Sparte Automotive Technologies bei Continental Nordamerika. „Wir suchen immer weiter nach neuen Lösungen, um die Mobilität der Zukunft sicherer, vernetzter, effizienter und nachhaltiger zu gestalten.“

Armaturenträger, Türverkleidung, A-Säule, Heckablage, Dach­himmel und Co. – dank ausgeklügelter Materialauswahl ist es nun also endgültig möglich, einen bestechend kristall­klaren Klang zu erzeugen und dabei 90 Prozent an Gewicht und Bauraum einzusparen. Denn die Aktuatoren versetzen nicht mehr als die ohnehin vorhandenen Oberflächen in Wallung.

Mahagoni, Plastik, Alcantara – wer weiß

„Es ist schlicht nicht nötig, Lautsprecher mit schwingenden Membranen einzubauen.“ Mit diesen Worten kündigte Chefentwickler Dimitrios Patsouras den Actuated Sound einst an. Die vorderen Dachsäulen kämen besonders für hohe Frequenzen infrage, die Türen für die mittleren, große Bauteile wie das Dach wiederum für niedrige Frequenzen.

Der Rest bleibt wie gehabt. Nur wie einst die Membranen einer Box – meteorologisch gesprochen – die Hoch- und Tiefdruckgebiete der Umgebungsluft dirigierten, erledigen dies eben bald Mahagoni-­Inlays, weich­geschäumte Kunststoffe oder der Beschlag aus Alcantara.

Ein tolles Duett: das Auto als Konzertsaal

Besonders eigneten sich leichte und steife Werk­stoffe, erläu­terte Alexander van Laack von Faurecia, ein Mitbewerber auf diesem Gebiet, 2019 im Interview mit unserem Blatt. Der französische Zulieferer setzt diesbezüglich etwa auf Natur­fasern. Jedoch bringe selbst die schönste ­Stradivari nur dann einen anständigen Ton heraus, „wenn Sie einen Musiker haben, der die Geige spielen kann“. Es bedarf also auch einer Software, die dafür sorgt, dass die Oberflächen „­gesamtheitlich ein tolles Orchester bilden“.

Das ist letztlich auch einer der entscheidenden Gründe für die niedersächsische Koproduktion. „Mit der Ambeo-Kalibrierung und dem entsprechenden Fine-Tuning ermöglichen wir ein natürliches, immersives Audioerlebnis“, sagt Andreas Sennheiser aus der Führungsriege des gleichnamigen Konzerns. Heißt vereinfacht: Man sitzt gefühlt im Konzertsaal oder gar auf dessen Bühne, während die Band die Lieblingsnummern zum Besten gibt.

„Maßgeblich für Ambeo Mobility ist, dass es keiner spezifischen 3D-Audioquelle bedarf, um atemberaubend ­räumlichen Klang zu hören“, ergänzt ­Bruder Daniel Sennheiser. Der patentierte Algorithmus seines Unternehmens analysiere die für gewöhnlich in Stereo vorliegende Musik und wandle die Signale in dreidimensionales Audio um. „Er erzielt dadurch eine hohe emotionale ­Erfahrung, die den Hörer mitten in die Musik versetzt.“

Stereo-Typen sind von gestern: Heutiger Sound ist immersiv

Wer die Air Pods Pro des US-­amerikanischen Konzerns Apple besitzt, kann eine derartige Technik bereits erleben. Das gilt jedoch nicht für die übliche, über diverse Plattformen ­gestreamte Musik. Bis dato funktioniert das vorzugsweise mit den Filmen und Serien, welche die Kalifornier unter der Marke Apple TV und dem Label Apple ­Original unters Volk bringen.

Der immersive Sound der Kopfhörer setzt die Zuschauer mitten in die Szenerie. Noch gilt das zwar rein für die Richtungen der Stimmen. An der Augmented Reality der visuellen Art arbeiten aber bekanntlich alle einschlägigen Konzerne unter Hochdruck.

Aus der dezenten Virtual-­Reality-Brille Google Glass von 2013 sind längst massige Nasenfahrräder geworden. Mit ihnen lässt sich bequem im heimischen Appartement durch den Online-­Supermarkt schlendern. Die Produkte der Wahl fischt man derweil mithilfe von Sonys Playstation-­Move-Controller aus dem Regal. Ein Bereich, an dem nicht zuletzt das Bremer Institute for Artificial Intelligence um Professor Michael Beetz forscht.

Wie lange es noch dauert, bis die Schauspieler der Prime-, ­Netflix-, Apple- oder Disney-­Filme tatsächlich neben einem auf dem Sofa sitzen, bleibt abzuwarten. Aber Spaß ­beiseite, die Projektionstechnik, die ihre Hologramme ins Wohnzimmer streamt, ist nicht fern, vielmehr bereits Gegenwart.

Sprachsteuerung – im VW ID 4 mit Equalizer

Die Augmented-­Reality-Funktionen smarter Gerätschaften sind schließlich derart leistungsstark, dass sie mittlerweile selbst den menschlichen Körper im Raum detailgetreu vermessen. Auf dieser Grundlage lässt sich maßgeschneiderte Kleidung ordern – oder zumindest die optimal sitzende Mode von der Stange. Selbst den 2019 beworbenen, mit Vermessungspunkten ­bestickten Zozosuit des japanischen Mode­händlers Zozo braucht es dazu beileibe nicht.

So ist die Virtual ­Reality letztlich nicht mehr als ein Klassen­zimmer, das dem Nachwuchs aufzeigt, was in den Laboren längst ohne Brille Realität ist. Erste ­buchstäblich wegweisende Lösungen liefert derzeit Volks­wagen aus. ­Stichwort: Head-up-­­Navigation. Zweigeteilt, garniert mit Lichtstreifen, welche die ­Wellenformen der Sprach­steuerung ­illustrieren: Der ID 4 legt vor.

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Flirrende Hutablage für mehr Verkehrssicherheit

Denn während Augmented Reality allzu oft auf das Sichtfeld reduziert wird, ist der Audiokanal ebenso wichtig. Van Laack von Faurecia: „Ruft jemand Ihren Namen, werden Sie sich schnell in die Richtung umdrehen, aus der der Ruf kommt.“ Dieser Reflex lasse sich wunderbar nutzen, um Leute zurück ins Geschehen zu holen, etwa in den sogenannten Handover-Situationen. Stößt ein Assistenzsystem an seine Grenzen, ruft es den Fahrer so zurück in die Verantwortung.

Aber selbst für den Stand der Dinge seriennaher Fahrzeuge ist dieser Reflex nutzbar. So kann der 3D-Sound auch als Toter-­Winkel-Warner fungieren. Der Kniff: Die handelsüblichen Ultraschallsensoren orten ein von hinten anrauschendes Auto, die Steuergeräte verstärken dessen Sound und spielen ihn über die Boxen oder eben die flirrende Hutablage ein.

Anhänger ausradieren – auch dafür gab es einen Preis

Und nebenbei hat Conti bei der CES in Las Vegas ja auch noch zwei weitere Innovation Awards gewonnen: für das System, das den Anhänger eines Gespanns virtuell wegradiert, und den Radarsensor ARS 540.

Schulterblick, Seitenblick? Wer der Technik vertraut, kann bald darauf verzichten. Auf geht’s, Conti – Pimp my Ride!

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