Durch besseren Zugang zu Verhütungsmitteln

Weltbevölkerung soll ab 2064 schrumpfen

In einigen Ländern in Europa und Asien wird die Bevölkerung um die Hälfte sinken. Gründe hierfür sehen die Wissenschaftler in dem besseren Zugang zu Verhütungsmitteln und die bessere Bildung von Frauen.
18.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Walter Willems
Weltbevölkerung soll ab 2064 schrumpfen

2064 sollen 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Am Ende dieses Jahrhunderts dann allerdings nur noch 8,8 Milliarden.

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Die Erdbevölkerung wird einer neuen Prognose zufolge um das Jahr 2064 mit 9,7 Milliarden Menschen ihren Höchststand erreichen und danach deutlich schrumpfen. Das zumindest prognostizieren Forscher der University of Washington in Seattle. Ende des Jahrhunderts werden demnach rund 8,8 Milliarden Menschen auf dem Planeten leben – und damit etwa zwei Milliarden weniger als voriges Jahr von den Vereinten Nationen vorhergesagt. So schreiben es die Wissenschaftler des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) im Fachblatt „The Lancet“. Als Grund geben sie beispiellose grundlegende Umwälzungen an, die auch Deutschland betreffen werden.

Die Geburtenraten werden demnach zum Ende des Jahrhunderts in 183 von 195 Ländern so niedrig sein, dass ihre Bevölkerungszahl ohne Einwanderung nicht aufrechterhalten werden kann. In 23 Ländern – insbesondere in Europa und Asien – werden die Populationen im Vergleich zur Gegenwart um mehr als die Hälfte schrumpfen. Zu diesen Ländern zählen der Prognose zufolge Polen, die Ukraine, Italien, Spanien, Portugal, Japan und Thailand. Selbst die Bevölkerung Chinas wird den Berechnungen zufolge ähnlich stark zurückgehen – von 1,4 Milliarden im Jahr 2017 auf 732 Millionen im Jahr 2100.

Besserer Zugang zu Verhütungsmitteln

Als Gründe für diese Entwicklung nennen die Forscher um IHME-Direktor Christopher Murray besseren Zugang zu Verhütungsmitteln und vor allem bessere Bildung für Mädchen und Frauen. Als Grundlage der Prognose verwendet das Team die Daten des Berichts „Global Burden of Disease“ von 2017, der grundlegende Trends, unter anderem zu Sterblichkeit und Gesundheit, aufzeigt. Daraus leiten die Forscher Prognosen zu Sterblichkeit, Geburtenraten und Migration für das laufende Jahrhundert ab.

Die globale Geburtenrate von etwa 2,37 Kindern pro Frau im Jahr 2017 wird demnach bis 2100 auf einen Wert von 1,66 sinken – und damit deutlich unter die für eine stabile Bevölkerung erforderliche Marke von 2,1. Selbst in Afrika südlich der Sahara mit einem derzeit hohen Wert von 4,6 wird der Wert dann mit 1,7 deutlich unterschritten.

Diese Trends verändern die demografische Struktur massiv: Auf der Erde des Jahres 2100 werden demnach 2,37 Milliarden Menschen im Alter über 65 Jahren leben – im Vergleich zu nur 1,7 Milliarden unter 20.

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„Ein dauerhafter globaler Bevölkerungsanstieg ist nicht mehr länger die wahrscheinlichste Entwicklung der Weltpopulation“, wird Murray in einer „Lancet“-Mitteilung zitiert. „Diese Studie bietet Regierungen aller Länder eine Gelegenheit, ihre jeweilige Politik in Bezug auf Einwanderung, Arbeitskräfte und wirtschaftliche Entwicklung zu überdenken, um die Herausforderungen durch den demografischen Wandel anzugehen.“

Die demografischen Umwälzungen werden der Prognose zufolge an der globalen Wirtschaftsordnung rütteln: Demnach wird China die USA im Jahr 2035 als Land mit dem größten Bruttoinlandsprodukt (GDP) ablösen, dann allerdings unter seinem Bevölkerungsrückgang leiden. Die USA, die Ende des Jahrhunderts mit 336 Millionen mehr Einwohner haben als zurzeit (325 Millionen), könnten der Prognose zufolge jedoch 2098 wieder das weltweit größte GDP erreichen. Auch die indische Bevölkerung wird der Prognose zufolge bis 2100 schrumpfen – von derzeit knapp 1,4 Milliarden über 1,6 Milliarden im Jahr 2048 auf knapp 1,1 Milliarden am Ende des Jahrhunderts.

Italien und Spanien werden wirtschaftlich abfallen

Deutschland, Frankreich und Großbritannien könnten den Kalkulationen zufolge ihre führenden Rollen unter den Top Ten der Wirtschaftsnationen beibehalten, während Italien und Spanien deutlich abfallen. In Deutschland erreicht die Bevölkerung laut der Prognose der Forscher im Jahr 2035 mit 85 Millionen ihren Höchststand und sinkt bis zum Jahr 2100 auf etwa 66,4 Millionen ab. Die Geburtenrate wird bis dahin im Vergleich zur Gegenwart (1,39) nur leicht auf 1,35 sinken.

„Für Länder mit hohem Einkommen und niedrigen Geburtenraten sind die besten Lösungen, um die derzeitige Population, Wirtschaftswachstum und geopolitische Sicherheit zu erhalten, offene Einwanderungsregelungen und eine Sozialpolitik, die Familien darin unterstützt, ihre gewünschte Kinderzahl zu haben“, erläutert Murray. Zudem sollten Frauenrechte auf der Agenda jeder Regierung oberste Priorität haben.

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Nur zwei Erdregionen haben den Forschern zufolge im Jahr 2100 eine größere Bevölkerung als derzeit. In Afrika südlich der Sahara leben dann mit gut drei Milliarden Menschen fast dreimal mehr Menschen als heute, in der Region Nordafrika und Vorderasien gibt es demnach statt heute 600 Millionen dann 978 Millionen Menschen.

Die Forscher räumen ein, dass ihre Prognosen unter anderem von der Qualität der ausgewerteten Daten abhängen. Zudem seien Trends der Vergangenheit nicht unbedingt entscheidend für die Zukunft. Die derzeitige Covid-19-Pandemie wird die Bevölkerungsentwicklung demnach nicht direkt verändern, könnte sich aber sehr wohl auf nationale Gesundheitssysteme weltweit auswirken.

„Falls die Vorhersagen von Murray und Kollegen nur halbwegs zutreffen, wird Zuwanderung für alle Nationen nicht nur eine Option werden, sondern eine Notwendigkeit“, schreibt Ibrahim Abubakar vom University College London in einem „Lancet“-Kommentar. „Die positiven Auswirkungen von Migration auf Gesundheit und Wohlstand sind weltweit bekannt.“ Die Verteilung der Populationen im Arbeitsalter werde darüber entscheiden, „ob die Menschheit gedeiht oder verkümmert“.

Unterstützung der Vorhersagen zur Bevölkerungsentwicklung

Wolfgang Lutz, Direktor des Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, hält die Vorhersagen der Forscher zur Bevölkerungsentwicklung für belastbar. „Bevölkerungsprognosen sind tendenziell längerfristig valide als etwa Wirtschaftsprognosen“, sagt der Demograf.

„Geburtenraten und der Anstieg der Lebenserwartung sind langsame Prozesse über Jahrzehnte, die keine plötzlichen Sprünge machen.“ Migration allerdings unterliege auch kurzfristigen politischen Einflüssen – wie zuletzt etwa die Entwicklung in Syrien gezeigt habe. Mehr als fünf Millionen Menschen waren aufgrund des Bürgerkriegs aus dem Land geflohen.

Berechnungen des Wittgensteins Centres haben Lutz zufolge ebenfalls einen Höchststand der Erdbevölkerung deutlich vor Ende des Jahrhunderts ergeben. Als Schlüssel zur Bevölkerungsentwicklung sehen die Forscher dabei konsistent und unabhängig von der Weltregion die Bildung von Frauen. Nach Modellierungen weit in die Zukunft geht Lutz davon aus, dass die Erdbevölkerung bis zum Jahr 2200 auf etwa drei Milliarden Menschen zurückgehen würde – zumindest, wenn alle Länder bis Ende dieses Jahrhunderts das derzeitige Niveau der europäischen Geburtenraten erreichten.

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