Update: Nach den Eurofighter-Abstürzen

Region entging nur knapp einer Katastrophe

Am Tag nach dem Absturz zweier Kampfflugzeuge über der Mecklenburger Seenplatte mit einem toten und einem verletzten Piloten wird deutlich, wie knapp die Region einer Katastrophe entgangen ist.
25.06.2019, 06:59
Lesedauer: 4 Min
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Region entging nur knapp einer Katastrophe

Mitarbeiter der Flugsicherheit der Bundeswehr untersuchen ein Wrackteil eines Eurofighters auf der Spielwiese eines Kindergartens.

Christophe Gateau/dpa

Fröhlich rennen die Kinder über den Spielplatz der Kita "Hütter Waldwichtel". Am Eingang sprüht ein Rasensprenger kühlendes Nass auf die von den Kindern gepflegten Beete. Ein idyllischer Sommertag in der kleinen Gemeinde Nossentiner Hütte, könnte man meinen. Doch entging der Ort in der Mecklenburgischen Seenplatte nur knapp einer Katastrophe, als am Montag zwei Eurofighter der Luftwaffe zusammenstießen und abstürzten.

Wie knapp, das wird auch am Dienstagmorgen noch einmal deutlich. Auf dem Spielplatz, der direkt an das abgezäunte Kita-Gelände grenzt, findet ein Gemeindearbeiter beim Rasenmähen ein etwa 50 Zentimeter langes Flugzeug-Bauteil. Das offenkundig abgerissene, stark zerbeulte Stück lag etwa 40 Meter entfernt von den Spielgeräten der Kinder. "Wir können von Glück reden, dass wir so davon gekommen sind", sagt die Leiterin der Kita, in der sonst 45 Kinder spielen. Einige Eltern hätten ihren Nachwuchs wegen der Ereignisse am Vortag abgemeldet. Ein paar Kinder sahen den Absturz eines der beiden Kampfjets vom Fenster aus. "Wir werden darüber reden. Kindgerecht", sagt die Leiterin.

Geschockte Einwohner

Nachdem der Eurofighter in geringer Höhe den Ort überflogen hatte, bohrte er sich gut einen Kilometer vom Dorf entfernt in ein Kornfeld. "Bei uns sind alle Einwohner geschockt", sagt Birgit Kurth. Die 57-Jährige ist Bürgermeisterin in Nossentiner Hütte und bei ihr laufen alle Fäden im Dorf zusammen. "Wir sind nur ganz knapp einer großen Katastrophe entgangen, das wird den meisten erst einen Tag später klar."

Zwei Eurofighter abgestürzt

Birgit Kurth (parteilos), Bürgermeisterin von Nossentiner Hütte, steht im Eingang ihres Baumarkts. Einer der Eurofighter ist knapp neben dem Dorf aufgeprallt.

Foto: Christophe Gateau/dpa

Der Pilot hatte sich retten können. An der Absturzstelle sind auch am Dienstag - streng abgeschirmt - zahlreiche Bundeswehrangehörige dabei, den Acker nach Trümmern abzusuchen und Vermessungen vorzunehmen. Zum Teil tragen sie Schutzanzüge. Auch auf dem Gemeinde-Sportplatz, am Friedhof von Nossentiner Hütte und auf mehreren Wohngrundstücken fanden sie Teile.

Der andere Kampfjet - beide waren bei Luftkampfübungen kollidiert - war etwa vier Kilometer östlich, Richtung Jabel, am Waldrand zu Boden gegangen. Dessen 27 Jahre alter Pilot kam ums Leben. An der Suche nach Wrackteilen und der Sicherung der Absturzstellen waren nach Angaben der Luftwaffe am Dienstag mehr als 300 Soldaten beteiligt.

Besonderes Glück glaubt eine Familie aus dem kleinen Nossentin zwischen den beiden Absturzstellen gehabt zu haben. "Wir waren zu Hause und haben das brennende Flugzeug abstürzen sehen", sagt die Frau. Die Maschine habe knapp mehrere Häuser verfehlt. "Da habe ich gleich an meine Kinder gedacht." Die beiden drei und sechs Jahre alten Sprösslinge seien zur Absturzzeit in der "Waldwichtel"-Kita gewesen, wo in der Nähe die andere Maschine abstürzte. "Wir feiern am 24. Juni alle jetzt noch einmal Geburtstag", sagt die Mutter.

Viele Straßen in der Region sind von der Bundeswehr abgesperrt. Soldaten durchkämmen das mehrere Quadratkilometer große Absturzgebiet, zu dem auch Wasserflächen gehören.

Absturz

Ein brennender Eurofighter am Himmel über der Kleinstadt Malchow an der Mecklenburgischen Seenplatte. Am Tag nach dem Absturz der beiden Kampfflugzeuge wird weiter deutlich, wie knapp die Region einer Katastrophe entgangen ist.

Foto: Thomas Steffan / dpa

Im Büro des Baumarkts, wo die Bürgermeisterin und Amtsleiterin arbeitet, klingelt ununterbrochen das Telefon. "Die Leute wollen wissen, ob und wie sie zu ihren Wiesen und Feldern kommen oder ob sie überhaupt durch Nossentiner Hütte fahren dürfen", sagt Ehemann Hartwig Kurth, der kräftig hilft, die Informationen zu verteilen.

In die Trauer um den toten Piloten und die große Erleichterung, dass der Flugzeugabsturz in den Dörfern am Nordrand des Fleesensees keine zivilen Opfer forderte, mischen sich auch Forderungen nach einer Beschränkung oder gar einem Ende der Tiefflugübungen. "Wir wollen das Urlaubsland Nr. 1 sein. Da passen Tiefflüge in so einer Ferienregion nicht. Und auch viele Einwohner im Ort sind einfach genervt", sagt Bürgermeisterin Kurth. Sie fordert die Politik zum Handeln auf und steht damit nicht allein.

Wrackteil

Ein Wrackteil eines der beiden abgestürzten Eurofighter liegt auf einem Parkplatz im Ort Nossentiner Hütte.

Foto: Winfried Wagner / dpa

Auch die Bürgermeisterin des benachbarten Ortes Silz, Almuth Köhler (CDU), und Norbert Möller (SPD), Bürgermeister im Heilbad Waren an der Müritz, sprechen sich für einen Verzicht auf militärische Übungstiefflüge in Urlauberregionen aus. "Man darf das gar nicht zu Ende denken, aber wir sind alle noch mal mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Möller.

Ihm sei klar, dass die Piloten irgendwo üben müssten. Man solle aber prüfen, ob gerade Tiefflüge über der Seenplatte mit Tausenden Touristen abgehalten werden müssten. Ein Bootstourist aus Nordrhein-Westfalen, der den Absturz vom Wasser aus erlebte, sagt jedoch: "Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die beiden Maschinen in einer dicht besiedelten Region wie dem Ruhrgebiet abgestürzt wären."

Luftwaffe will weiter auch über Land üben

Die Luftwaffe will auch nach dem Absturz von zwei Eurofightern an Übungen über besiedelten Landgebieten in Deutschland festhalten. Dies sei für die Einsatzbereitschaft der Besatzungen nötig, sagte der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

"Den Flugbetrieb, um wirklich auch einsatzbereit zu sein, verlagern wir zum großen Anteil mittlerweile in den Simulator und auch ins Ausland", sagte der Generalleutnant und nannte die USA und das europäische Ausland. "Wir fliegen viele unserer Flüge über See, aber wir müssen auch einen gewissen Anteil über Land fliegen. Das sind wir alleine schon unserem Auftrag der Landesverteidigung schuldig."

Auch der Simulator könne dies nicht ersetzen. "Es ist noch mal was anderes, in dem Flugzeug zu sitzen. Die Geschwindigkeit ist anders zu spüren in einem Realflugzeug - das kann sich jeder vorstellen -, als es jetzt im Simulator ist." Gerhartz betonte: "Das heißt, einen großen Anteil der Flugstunden werden wir immer noch auch außerhalb des Simulators erfliegen müssen." (dpa)

++ Dieser Artikel wurde um 16.02 Uhr aktualisiert ++

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