Ab-in-den-Urlaub.de ist wieder da Reisegutscheine trotz Insolvenz

Ab-in-den-Urlaub.de ist wieder da – mit neuem Besitzer und den alten Praktiken, die viel Kritik ausgelöst haben.
10.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von FLORIAN SCHWIEGERSHAUSEN

Ab-in-den-Urlaub.de ist wieder da – mit neuem Besitzer und den alten Praktiken, die viel Kritik ausgelöst haben.

Eigentlich ist das Reisebuchungs-Portal im Internet „Ab-in-den-urlaub.de“ (AIDU) nie richtig weg gewesen. Infolge der finanziellen Schieflage des Mutterkonzerns Unister wurde am 1. September 2016 auch für AIDU die Insolvenz beantragt. Kurz vor Weihnachten konnte Insolvenzverwalter Lucas Flöther einen neuen Besitzer ab Februar 2017 verkünden: Die Beteiligungs-Gesellschaft Rockaway Capital SE mit Sitz in Prag. Fast zeitgleich flatterte über eine Versendungsaktion genau das in Deutschlands Briefkästen, womit AIDU in den vergangenen Jahren immer wieder den Zorn der Kunden auf sich gezogen hatte. Es waren die altbekannten Geld-zurück-Gutscheine in Höhe von 50 Euro und 100 Euro. Vor der Insolvenz gab es immer wieder Beschwerden, weil diverse Kunden das versprochene Geld nie erhielten.

Für den aktuellen 50-Euro-Gutschein gilt folgende Kondition: Er ist anrechenbar auf Pauschalreisen ohne einen Mindest­preis – drei Tage Mallorca für eine Person in einem einfachen Hotel Ende Februar mit Flug von Berlin-Schönefeld würden also am Ende statt 156 Euro dann 106 Euro kosten. 45 Tage nach Abreisetag will AIDU dann 50 Euro auf das Konto des Kunden zurücküberweisen.

Der Präsident der Allianz selbstständiger Reiseunternehmen, Jochen Szech, der in Hamburg das Reisebüro Go East betreibt, erklärt dazu: „Wir haben keinen Einblick in die Kalkulation, aber das sieht danach aus, Marktanteile zu erobern, die teuer erkauft sind. Ein Reisebüro würde schon Verlust ­machen, wenn es bei einer Reise im Wert von 500 Euro 50 Euro zurückzahlen würde.“ Szech fügt hinzu: „Ein seriöses Reisebüro würde so etwas nicht machen, bei all dem Aufwand von Arbeitskosten bis zur ­Büromiete. Wir als Reisebüro sind immer auf zufriedene Kunden bedacht. Denn nur durch Stammkunden können wir überleben.“

Bereits vor der AIDU-Insolvenz kursierten im Internet oder per Werbebrief ähnliche Gutscheine. Damals sollten die Kunden das Geld spätestens 28 Tage nach Rückreise gutgeschrieben bekommen. Wer wann wie das Geld zurückerhielt, war nicht ersichtlich. Auffällig war, dass vor allem an solche Kunden die versprochene Gutschein-Summe gezahlt wurde, die entweder die Medien einschalteten oder dank Rechtsschutzversicherung direkt einen Anwalt.

Wegen dieser Gutschein-Praxis hatte die Wettbewerbszentrale in Hamburg das Unternehmen „Ab-in-den-Urlaub.de“ bereits im Februar 2016 abgemahnt. Denn in Hamburg sah man nicht nur einen Nachteil für die Kunden, sondern auch für die Mitbewerber, da die Gutscheine die Kunden von anderen Portalen weglocken würden. Als Begründung, warum die Gutscheine nicht ausgezahlt wurden, lieferte das Unternehmen der NDR-Verbrauchersendung „Markt“ damals genau die Antwort, die auch Zeitungen standardmäßig erhielten, wenn sie in Fällen offenbar geprellter Leser nachfragten: „Die Auszahlung der Gutscheine ist ein komplexer manueller Prozess. Eine pünktliche Auszahlung kann nur unter dem Vorbehalt der korrekten Eingabe der Bankverbindungen sowie eines korrekten Gutscheincodes erfolgen.“

Auch die Bremer Verbraucherzentrale warnt vor den neuen „Geld zurück“-Rundbriefen. Deren Expertin Gabriele Zeugner sagt: „Nach unserem Empfinden sieht das aus wie die Gutschein-Aktionen von früher.“ Man müsse im Blick behalten, ob es wieder zu Verbraucherbeschwerden komme. „Wenn das der Fall ist, sollten die Verbraucher ihre Fälle an die Wettbewerbszentrale melden. Da diese das Unternehmen abgemahnt hatte, wäre dann eigentlich eine Vertragsstrafe fällig“, so Zeugner.

Seit März 2016 fehlt auf der AIDU-Internetseite außerdem das Prüfsiegel vom TÜV Saarland, das dem Buchungsportal das Ergebnis „TÜV Service tested“ mit einer Note von 1,8 bescheinigte. AIDU hatte bei jeder Gelegenheit damit geworben – auf der Internetseite nicht weit entfernt von dem damaligen Werbegesicht, dem Ex-Fußballnationalspieler Michael Ballack.

Der TÜV Saarland bestätigte dem WESER-KURIER auf Anfrage, dass die Zusammenarbeit mit AIDU damals beendet wurde. Denn auch beim TÜV stapelten sich zu dem Zeitpunkt die Beschwerden über nicht erstattete Gutscheine. Wer sich damals dort beschwert hatte, bekam tatsächlich auch das versprochene Geld überwiesen. Wer die entsprechenden Stichwörter im Internet auf der Suchmaschine eingibt, findet aber immer noch genug Einträge über weitere verärgerte Kunden. Eine andere damalige Masche von Ab-in-den-urlaub.de: Für 9,90 Euro konnte sich die Interessenten auf der Internetseite einen Gutschein im Wert von 100 Euro kaufen. Mit der Insolvenz zum 1. September des vergangenen Jahres wurden diese Gutscheine praktisch wertlos, weil sie Teil der Insolvenzmasse waren. AIDU lies die Anfrage vom WESER-KURIER unbeantwortet. Zu der Frage, ob denn der neue AIDU-Besitzer Rockaway die neuen Gutscheine akzeptieren würde, erklärte ein Sprecher des Insolvenzverwalters Flöther: „Ich gehe davon aus!“

Die Konkurrenz, der Branchenriese Tui, sieht die Gutschein-Praxis allerdings gelassen. Tui-Sprecherin Anja Braun erklärt: „Aus unserer Sicht ist es weder in der Urlaubsbranche noch in anderen Branchen unüblich, im Rahmen von Marketingaktionen Gutscheine einzusetzen, die für einen begrenzten Buchungszeitraum gelten.“ Tui hatte Ende 2012 die Zusammenarbeit mit der AIDU-Mutter Unister beendet, diese aber 2014 wieder aufgenommen. Als offiziellen Grund dafür nannte Tui „die Notwendigkeit zur Klärung von Abwicklungsprozessen“. Kurz zuvor gab es bei Unister eine Razzia – unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und des Betrugs. Der Prozess gegen drei frühere AIDU-Manager beginnt an diesem Mittwoch vor dem Landgericht Leipzig.

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