Corona und die Türkei

Die Yildirims und die große Politik

Für die Türkei gilt nach wie vor eine Reisewarnung, und Risikogebiet ist sie auch. Das können viele türkische Reisebüros und Kunden nicht nachvollziehen. Sie vermuten eine politische Motivation dahinter.
18.06.2020, 05:00
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Die Yildirims und die große Politik
Von Marc Hagedorn

Die Luft im Raum ist drückend warm. Und als Züleyha Yildirim anfängt zu reden, steigt die Temperatur gefühlt noch einmal an. Denn in Yildirim, Geschäftsleiterin von Yildirim Reisen am Ziegenmarkt, brodelt es, und ab und an kocht es sogar über, so wie jetzt. Die Diplom-Ingenieurin ist wütend. Wütend auf die deutsche Politik. Sie kann nicht verstehen, dass für die Türkei weiterhin eine Reisewarnung besteht, und dass die Türkei ein Risikogebiet sein soll.

„Was soll das?“, fragt sie. „Reisen in die Türkei sind sicherer als nach Spanien oder Italien.“ Das sieht die Bundesregierung anders. Seit Montag gilt für 29 Staaten, darunter 25 aus der EU, keine Reisewarnung mehr. Für die Türkei dagegen sehr wohl. „Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Züleyha Yildirim, „ich höre von so vielen Kunden: Wenn die deutschen Politiker ein Problem mit der türkischen Politik haben, sollen sie nicht Corona als Anlass nehmen, um diese Probleme auszutragen.

Deshalb sage ich ganz klar: Herr Maas, heben Sie die Reisewarnung für die Türkei auf! Dringend!“ Und an den Reporter gerichtet: „Bitte schreiben Sie das auch so auf!“ Im Moment gilt die Reisewarnung für die Türkei bis zum 31. August. Das beschert Yildirim und ihren Mitarbeitern eine Menge Arbeit. Viele Kunden sind verunsichert. Mindestens 50 Telefonate führe sie täglich, sagt sie, weil Kunden fragten: Sollen sie trotzdem reisen? Gebucht haben sie ja. Oder ist die Reisewarnung ein Verbot?

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Nach der Rückkehr in Quarantäne

Für Verwirrung sorgt auch die Frage nach einer Quarantäne für Türkei-Heimkehrer – gibt es die Pflicht überhaupt? „Ja, es gibt sie“, sagt Lukas Fuhrmann von der Bremer Gesundheitsbehörde. Die Rechtsordnung sei am Dienstag entsprechend angepasst worden. Unter Paragraph 2 geht es um Ein- und Rückreisen. Absatz 6 definiert, dass derjenige in eine 14-tägige Quarantäne muss, der aus einem Risikogebiet kommt.

Was ein Risikogebiet ist, legt das Robert-Koch-Institut fest. Ausschlaggebend für eine Einstufung als Risikogebiet ist wie bei der Reisewarnung zum Beispiel die Zahl der Neuinfektionen. Auch die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zum Schutz der Urlauber spielen bei der Bewertung eine Rolle.

In der Türkei sind die Zahlen der nachgewiesenen Neuinfektionen zuletzt sprunghaft angestiegen, von rund 800 zu Monatsanfang auf aktuell 1500 pro Tag. Zum Vergleich: In Deutschland wurden am Mittwochmorgen 345 Neuinfektionen in 24 Stunden gemeldet. Experten führen den Anstieg in der Türkei auf die jüngsten Lockerungen zurück, seit zwei Wochen sind Restaurants, Einkaufszentren und Fitnessstudios in der Türkei wieder offen.

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Die türkische Tourismusbranche versucht derweil, das Vertrauen der Urlauber zu gewinnen. Sie setzt unter anderem auf TÜV-Zertifizierungen für Hotels und Flughäfen. Dort werden auch Wärmebildkameras eingesetzt. Bei Symptomen und Bedarf kann laut türkischem Innenministerium ein kostenloser Coronatest gemacht werden. Die Regierung hat am Dienstag in 42 Provinzen außerdem auch noch eine generelle Maskenpflicht eingeführt.

In der Türkei hält man diese Maßnahmen für weitreichend. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu hatte sich deshalb schon vor Tagen enttäuscht über die Beibehaltung der Reisewarnung gezeigt. „Die wissenschaftlichen Gründe hinter der Entscheidung sind für uns nur schwer zu verstehen“, sagte er dem „Spiegel“. Die beinahe täglich neuen Entwicklungen sorgen im Reisebüro von Züleyha Yildirim dafür, dass die Telefone nicht still stehen. Immer wieder kommen Kunden ins Geschäft. Dann geht der Geräuschpegel hoch, und die Emotionen tun es auch. „Wir können nicht mehr“, sagt Züleyha Yildirim, „wir arbeiten seit Monaten am Limit.“

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Ali Ihsan Yildrim, ihr Ehemann, mit dem sie das Geschäft seit über 20 Jahren in zweiter Generation führt, gesellt sich jetzt zum Gespräch dazu. Er zückt sein Handy, öffnet Whatsapp und wischt auf dem Display, bis er auf eine Statistik stößt. Sie zeigt die Coronazahlen seit Beginn des Ausbruchs weltweit an. Die Türkei liegt noch hinter Deutschland und erst recht hinter Spanien und Italien. „Wenn die deutsche Politik ihre Bürger wirklich schützen will, soll sie an die Weser gehen“, sagt Ali Ihsan Yildirim, „dort treffen sich die Leute in Gruppen, 10 oder 15 Menschen. Das ist gefährlicher als in Antalya.“

Eine Kundin, die bisher nur zugehört hat, mischt sich nun ebenfalls ein und erzählt davon, wie Bekannte Ende Februar aus Antalya zurück nach Hannover geflogen seien. „In der Türkei am Flughafen wurde bei ihnen Fieber gemessen, in Deutschland bei der Rückkehr nicht.“ Was sie damit sagen will: Dass die Türkei das Thema Corona sehr früh sehr ernst genommen habe. Die Türkei ist nach Spanien und Italien Nummer drei unter den beliebtesten Urlaubszielen der Deutschen, fünf Millionen Menschen reisen jedes Jahr aus Deutschland in die Türkei.

Türkei-Flüge aus Bremen

Ungeachtet der aktuellen Entwicklungen weiten die Fluglinien ihr Angebot aus. Turkish Airlines beispielsweise hat den Flugbetrieb an einigen deutschen Flughäfen mit Direktflügen in die Türkei schon wieder aufgenommen. In Bremen hat Turkish Airlines die ersten Flüge nach Istanbul für den 1. Juli angekündigt. Zweimal pro Tag sollen fortan Flieger vom Hans-Koschnick-Flughafen starten. Bereits ab dem 28. Juni will die türkische Airline Corendon Antalya von Bremen aus wieder anfliegen. Maschinen von Sun-Express, so ist es geplant, sollen ab dem 11. Juli wieder mit Ziel Izmir abheben.

Züleyha Yildirim hat auf ihrer Facebook-Seite gerade zum zweiten Mal ein Zitat gepostet, das Außenminister Heiko Maas zugeschrieben ist, es lautet: „Reisewarnungen sind keine Reiseverbote, Reisehinweise sind keine Reiseeinladungen.“ Auf Deutsch und auf Türkisch steht es dort. 60 Prozent der Reisen, die Yildirim verkauft, gehen in die Türkei. Was sagt die Chefin ihren Kunden jetzt? „Das, was Herr Maas sagt“, so Yildirim, „dass Reisewarnungen keine Reiseverbote sind.“ Entscheiden müssten dann natürlich die Kunden selbst. Die meisten nähmen sich ein bisschen Bedenkzeit, sagt sie, „aber dann wollen sie doch fliegen.“

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