Robotik in der Pflege

Wie Patienten und Pflegekräfte entlastet werden sollen

Intelligente Pflegebetten und Roboterarme sollen die Pflege künftig vereinfachen und Patienten unterstützen. Am DFKI in Bremen wird an diesen Technologien derzeit geforscht. Doch nicht jeder ist überzeugt.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Simon Wilke
Wie Patienten und Pflegekräfte entlastet werden sollen

Intelligente Pflegebetten brächten einen unmittelbaren Nutzen, anders als technische Lösungen, die am Bedarf vorbei entwickelt werden, sagt Niels Will vom Robotics Innovation Center.

Angelika Warmuth/dpa

Es muss sich etwas ändern in der Pflege. Das ist keine neue Erkenntnis, auch wenn sie durch die Corona-Krise noch einmal offensichtlich wurde. Zu wenig Personal, geringe Bezahlung, aber auch die enorme körperliche Belastung machen den Beruf unattraktiv. Und die Probleme bei seiner Ausübung haben direkte Auswirkungen auf diejenigen, die sich nicht oder nur schwer selbst helfen können: die Patientinnen und Patienten. All diese Probleme sind bekannt, Lösungswege werden erarbeitet, Manches umgesetzt, Anderes wieder verworfen. In Bremen arbeitet jetzt das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, kurz DFKI, an einem der Puzzleteile, die zusammengefügt den Pflegeberuf erleichtern und das Wohl der Bedürftigen steigern sollen.

Dafür fließen in den kommenden drei Jahren rund 623.000 Euro aus dem Budget des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an den Bremer Standort. Niels Will vom Robotics Innovation Center (RIC) des DFKI erklärt, worum es geht: „Das Ziel unserer Forschung ist letztendlich die Entwicklung eines Pflegebetts mit robotischer Unterstützung, die den Pflegekräften ihre Arbeit erleichtert.“ Deshalb liegt ein Fokus der Arbeit darauf, den oft mühsamen Transfer von Pflegebedürftigen aus dem Bett in den Rollstuhl zu erleichtern. Will: „Diese Arbeit ist vor allem für Rücken und Gelenke der Pflegekräfte sehr belastend, und es gibt wenig Konzepte, um das Personal bei diesem Thema zu unterstützen.“ Deshalb wird aktuell nicht geschraubt oder geschweißt, sondern analysiert. „Wir untersuchen den Jetzt-Zustand in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Was wird technisch bereits angeboten? Woran wird aktuell gearbeitet? Und: Warum werden bestehende Technologien nicht eingesetzt?“, erklärt Will.

Viel Potenzial vorhanden

Dass der Beruf aktuell tatsächlich fast ohne Technik auskommt, bestätigt Heinz Rothgang, Pflegeforscher an der Universität Bremen. „Die Pflege ist derzeit einer der analogsten Bereiche, die wir haben“, sagt er. Gleichzeitig gebe es große Potenziale, vor allem in Sachen Organisation und Effektivität der Pflege, aber auch in puncto Belastungsreduzierung bei Pflegekräften. Dass bereits bestehende technische Möglichkeiten nicht ausgenutzt werden, erklärt er sich damit, dass diejenigen, die es betrifft oft gar nicht wüssten, wie sie wann eingesetzt werden sollten. „Da braucht es Schulungen, und zwar nicht in dem Sinne: Welchen Knopf drücke ich jetzt? Sondern: Wie integriere ich das in meinen Arbeitsalltag?“, sagt Rothgang.

Und auch an einer weiteren technischen Pflegeanwendung wird im Forschungsbereich Cyber-Physical Systems des DFKI gearbeitet: an einem Roboterarm, der künftig als eine Art dritte Hand fungieren soll. Auch hier geht es nicht um Ingenieurskunst, sondern um die Steuerung eines bereits existierendes Produkts, denn der Roboterarm ist bereits marktreif. Er soll von den Forschern nun so programmiert werden, dass er in der Pflege einsetzbar wird und die Autonomie von Patientinnen und Patienten verbessert, indem er es ihnen beispielsweise ermöglicht, sich ein Wasserglas anzureichen. Dazu braucht es aber künstliche Intelligenz, oder wie Niels Will sagt: „mitdenkende Systeme“, die beispielsweise Bewegungen ausgleichen können.

Lesen Sie auch

Für Pflegeforscher Rothgang sind solche Techniken allerdings wenig zielführend. Denn er hat noch ein weiteres Problem ausgemacht, warum sich Innovationen im Bereich Pflege und Digitalisierung oftmals nicht etablieren können. „Da wird die Technik am Bedarf vorbei entwickelt. Es werden Lösungen angeboten für Probleme, die erst noch gesucht werden müssen.“ Und ein klassisches Beispiel dafür seien Roboterarme, die bei einem Einsatz in der Pflege meist nur einen geringen Nutzen mit sich bringen.

Damit das nicht passiert, wird bei Niels Will am RIC interdisziplinär gearbeitet. „Am Ende unserer Arbeit sollen ein bis zwei Konzepte stehen, die mit Pflegern, Pflegewissenschaftlern und Ingenieuren diskutiert werden“, sagt Niels Will. Erst dann werden Labormodelle entwickelt, die die Praxistauglichkeit demonstrieren sollen. Doch dazu müssten erst einmal Bedarfe erfasst werden. Die Einschränkungen durch das Coronavirus verhinderten bisher aber eine Arbeitsplatzanalyse, die zur Erstellung der Konzepte nötig wäre, sagt Will. „Durch die geltenden Kontaktbeschränkungen waren Hospitationen in Pflegeeinrichtungen nicht möglich. Da mussten wir umdisponieren.“ Eine Verzögerung des Projekts sei deshalb aber nicht zu erwarten.

Intelligente Pflegebetten

Dieser Ansatz, auch Pflegekräfte in die Forschung einzubeziehen, ist ganz im Sinne Heinz Rothgangs. Ihm geht es bei technischer Innovation vor allem darum, dass bei der Entwicklung die möglichen Anwendungsszenarien mitgedacht werden. Intelligente Pflegebetten, sagt er, brächten da einen unmittelbaren Nutzen mit sich. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Sensorik solcher Betten, die beispielsweise messen könnten, wann Patienten gedreht werden müssen, um Druckgeschwüre zu erleichtern. Das Problem dabei allerdings: der Datenschutz. Doch auch zur körperlichen Entlastung der Pflegenden, seien solche Pflegebetten sinnvoll. Derzeit sei die Pflege noch vom Ethos geprägt, dass die Fachkräfte helfen, sich aber selbst nicht helfen lassen.

Lesen Sie auch

Das könnte sich künftig aber ändern. „Wir werden einen Generationswechsel im Pflegebereich erleben“, sagt Rothgang. Weg von der vorherrschenden Skepsis im Umgang mit digitalen Neuerungen hin zu Technikaffinität. Denn durch viele computergestützte Systeme könnte schon jetzt viel verbessert werden. „Optimierte Planungsprozesse und Dokumentation führen nicht nur zu mehr Zeit für die Pflege selbst, sondern bringen auch wertvolle Erkenntnisse“, sagt der Pflegeforscher. Der tatsächlich Bedarf der individuellen Pflegebedürftigkeit von Patienten sei derzeit oftmals gar nicht klar.

Niels Will rechnet damit, dass in gut einem Jahr die ersten handfesten Zwischenergebnisse präsentiert werden könnten. Er setzt für die Zukunft der Pflege auf robotische Systeme zur Unterstützung der Pflegekräfte. In seinen Worten: Mensch-Maschine-Interaktion. Und die soll vor allem eins bewirken: Die Pflege der bedürftigen Menschen soll möglichst einfach zu bewerkstelligen sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+