Woodstock: Michael Lang im Interview

„Rock ’n’ Roll hat meine Seele infiziert“

Vor 50 Jahren organisierte Michael Lang ein Festival, das Geschichte schrieb. Im Interview spricht der Musikproduzent über Woodstock, seine Folgen und die Parallelen zwischen den Sechzigern und heute.
29.06.2019, 05:54
Lesedauer: 4 Min
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„Rock ’n’ Roll hat meine Seele infiziert“
Von Alexandra Knief

Herr Lang, Sie wuchsen in Brooklyn auf, zogen zwischendurch nach Florida, später zurück nach New York. Ihr erstes berufliches Projekt war ein Headshop, ein Laden für Raucherzubehör, in Miami. Für dieses Projekt haben Sie Ihr Studium abgebrochen. Ihre Eltern müssen Sie für verrückt gehalten haben.

Michael Lang: Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Sie waren ein wenig enttäuscht, als ich mein Studium hingeschmissen habe, aber ich denke, sie haben auch meine Ungeduld verstanden, endlich loszuziehen und meinen eigenen Weg in dieser Welt zu gehen.

Wann haben Sie angefangen sich für Musik und schließlich für die Organisation von Musik-Festivals zu interessieren?

Meine Liebe zur Musik begann in den frühen 1950er-Jahren vor allem dadurch, dass meine Mutter Musical-Hits geliebt hat. Es hat aber nicht lange gedauert, bis Rock ’n’ Roll meine Seele infiziert hat.

Sie waren 24 Jahre alt, als Sie Woodstock organisiert haben. Sieht man sich die Dokumentation zum Festival an, ist besonders beeindruckend, wie ruhig Sie die ganze Zeit bleiben. Gab es keinen Moment der Panik?

Ich gerate nie in Panik.

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Sie brachten damals 32 Bands auf die Bühne, darunter Stars wie Hendrix, Cocker, Santana, The Who. Wonach haben Sie das Line-Up ausgewählt?

Das Line-Up war durch Bands bestimmt, die Teil der Gegenkultur waren und gleichzeitig sehr erfolgreich. Ihre Musik spiegelte unsere zentralen Werte wider. Es traten aber auch viele unbekanntere Bands auf, die meinem persönlichen Geschmack entsprachen. Dass viele von ihnen nach dem Festival sehr erfolgreich wurden, hat mich besonders stolz gemacht. Künstler wie Santana, Joe Cocker oder Crosby, Stills, Nash and Young entdeckt zu haben, ist ein Highlight meiner Karriere.

Was war Ihr persönliches musikalisches Highlight vor 50 Jahren?

Es gab viele Lieblingsmomente. Aber ich muss sagen, dass für mich vor allem die Auftritte von Sly & the Family Stone und Jimi Hendrix dazugehörten.

Auch wenn damals nicht alles so lief wie geplant, verlief das Festival komplett friedlich, ohne Auseinandersetzungen, ohne Gewalt. Schaut man sich heutige Großevents an, ist das kaum vorstellbar. Warum hat das damals funktioniert?

Es war eine Zeit, in der viele Musikevents von Gewalt geprägt waren. Von Menschen, die versucht haben, Tore umzureißen, und von Polizisten, die schnell überreagierten. Als wir „3 Days of Peace & Music“ geplant haben, wollten wir, dass die Menschen genau mit diesem Ziel, Frieden und Musik zu verbinden, zum Festival kommen. Wir haben versucht, ihnen mit der wunderschönen Location inmitten der Natur einen Raum dafür zu bieten. Jeder sollte sich willkommen fühlen, es gab kostenlose Campingflächen und Essen. Wir nahmen die Hilfe der Hog Farm und anderer Kommunen in Anspruch, die den Leuten helfen sollten, sich in der neuen Situation, drei Tage lang draußen in der Natur zu leben, zurechtzufinden. So war das Gefühl der Gemeinschaft von Anfang an gegeben.

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Würden Sie sagen, Woodstock hat die Welt verändert?

Ich denke, Woodstock hat Geschichte geschrieben und dazu geführt, dass viele Menschen ihre Einstellung, ihr Verhalten und ihren Lebensstil verändert haben. Woodstock hat Menschen dazu ermutigt, Vereinigungen wie die Frauenbewegung, Bürgerrechtsbewegungen oder die Anti-Kriegs-Bewegung voranzutreiben.

Inwiefern hat es die Menschen verändert, die dabei waren?

Tausende von Menschen sind im Laufe der Jahre zu mir gekommen, um mir zu erzählen, wie Woodstock ihr Leben verändert hat. Und es waren immer positive Geschichten. Alle, die dabei waren, die vom Gefühl des Festivals berührt wurden, haben betont, dass sie hinterher einen anderen Blick auf ihre Beziehung zu anderen Menschen hatten, sich mehr als Familie wahrgenommen haben. Ich denke, das ist die tiefgreifendste Veränderung, die Woodstock bei vielen bewirkt hat.

Zwei Babys wurden damals auf dem Festival geboren. Haben Sie jemals erfahren, was aus den Säuglingen geworden ist?

Über die Jahre wurde sehr oft nach ihnen gesucht, aber leider hat man die Babys von damals nie ausfindig machen können.

In vielerlei Hinsicht sind die Dinge heute ähnlich wie in den 1960ern: Der Frieden ist an vielen Orten auf der Welt in Gefahr, Jugendliche demonstrieren auf den Straßen für das Klima, Frauen kämpfen für mehr Gleichberechtigung. Würden Sie sagen, der Spirit, der in der Luft liegt, ist ähnlich wie damals?

Das denke ich auf jeden Fall! Wir alle sind mit weltweiten Bedrohungen wie der Erderwärmung konfrontiert und es gibt wieder Bewegungen wie „Black Lives Matter“ oder „MeToo“, die auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen und verdeutlichen, dass vieles, was wir in den vergangenen 50 Jahren erreicht haben, leicht zerbrechen kann. Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, wachsam auf diese sozialen Themen zu blicken, um unsere Freiheit zu bewahren und zu einer Welt beizutragen, in der sich jeder sicher fühlen kann und die Menschen mitfühlend miteinander umgehen.

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Sie leben noch heute in Woodstock, sind Vater von fünf Kindern. Stellen Sie sich vor, Sie wären vor 50 Jahren in dieser Situation gewesen und Ihre Kinder hätten gefragt: „Dad, da ist ein Festival in Bethel, kann ich hin?“ Was hätten Sie geantwortet?

Ich hätte gesagt: Alles klar, ich komm mit!

Die Fragen stellte Alexandra Knief

Info

Zur Person

Michael Lang (74) ist ein US-amerikanischer Musikproduzent. Er organisierte 1969 das Woodstock-Festival sowie zwei Jubiläumsveranstaltungen in den 90er-Jahren. In diesem Jahr sollte es eine weitere Veranstaltung geben, die wegen Organisationsproblemen aber auf der Kippe steht.

Info

Zur Sache

Die wahre Geschichte

Bereits 2009, zum 40-jährigen Jubiläum des Woodstock-Festivals, veröffentlichte Michael Lang unter dem Titel „The Road to Woodstock – from the man behind the legendary festival“ ein Buch, in dem er detaillierte Einblicke in seinen Werdegang und die Entstehung sowie den Ablauf des Festivals gibt – ungeschönt, mit allen kleineren und größeren Katastrophen. In diesem Jahr ist das Buch anlässlich des 50-jährigen Jubiläums erstmals auch in deutscher Sprache erschienen. Eine lesenswerte Erzählung aus erster Hand, für alle, die es ganz genau wissen wollen.

Michael Lang mit Holly George-Warren: Woodstock. Die wahre Geschichte. Vom Macher des legendären Festivals. Edel Books, Hamburg. 284 Seiten mit Fotostrecke, 24,95 Euro.

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