Jugendkriminalität Warum Jugendliche töten

Zwei 13- und 14-jährige Jungen aus Salzgitter sollen ihre wenig ältere Mitschülerin ermordet haben. Auch wenn die Jugendkriminalität insgesamt zurückgeht, stellt sich die Frage nach den Gründen.
24.06.2022, 16:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Sticht und Christian Brahmann

Nach dem gewaltsamen Tod einer 15-Jährigen herrscht in der Stadt Salzgitter Fassungslosigkeit, Trauer und Wut. Am Rande der verwilderten Grünfläche, wo am Dienstag das tote Mädchen entdeckt wurde, legen immer mehr Menschen Blumen ab. Auch rote und weiße Grablichter sowie ein kleiner Engel sind dabei. Die Schülerin Anastasia soll von zwei 13 und 14 Jahre alten Jungen aus niedrigen Beweggründen ermordet worden sein. Bekannt ist, dass die mutmaßlichen Täter und das Opfer auf die gleiche Schule gingen und dass Anastasia erstickt wurde. Die Ermittler halten sich noch sehr bedeckt. Der Versuch einer Einordnung des Verbrechens:

Wie häufig werden Kinder und Jugendliche zu Gewalttätern?

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat im vergangenen Jahr 2595 Fälle in Deutschland registriert, bei denen es um Mord, Totschlag oder Tötung auf Verlangen ging. Die Zahl der Tatverdächtigen unter 14 Jahren lag bei diesen Delikten bei 19, im Jahr zuvor bei elf. In der Altersgruppe von 14 bis unter 16 Jahren wurden 58 Tatverdächtige registriert, im Vorjahr waren es 35. Betrachtet man allein die Mordverdächtigen, waren es 2021 nur sieben Kinder unter 14 Jahren. In die Statistik fließen auch versuchte Tötungen mit ein.

Sind bei diesen Zahlen Auswirkungen der Pandemie zu beobachten?

Insgesamt ist die Gewaltkriminalität unter jungen Menschen seit dem Jahr 2010 laut einer Auswertung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) rückläufig, auch wenn es 2018 und 2019 einen leichten Anstieg gab. „Die Pandemie scheint den rückläufigen Trend der Jugendgewalt nicht aufzuhalten“, sagt der Kriminologe Klaus Boers von der Universität Münster. Dies zeigten die jüngsten Daten zum Hell- und Dunkelfeld.

Dennoch kommt es immer wieder zu erschreckenden Einzeltaten von Kindern und Jugendlichen. Was weiß man über die Täter?

Der Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt analysiert in dem Buch „Wenn junge Menschen töten“ (C.H.Beck Verlag 2019) anonymisiert Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten. Demnach wird niemand allein wegen einer schweren Kindheit zum Mörder oder Totschläger. Es kommen eine Reihe von Faktoren zusammen, etwa eigene Gewalterlebnisse, Alkohol- und Drogenkonsum oder eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, die sich früh beispielsweise im Quälen von Tieren äußern kann. Auch die Gruppendynamik könne eine Rolle spielen.

Warum werden vor allem Jungen zu Gewalttätern?

Jungen haben ein höheres Aggressionspotenzial. Das ist genetisch, aber auch durch die Erziehung bedingt. Zudem identifizierten sich Jungen eher mit Gewalttätern in Filmen oder Videospielen, heißt es in dem Buch „Wenn junge Menschen töten“.

Was sagen Experten zu dem Ruf nach einem schärferen Jugendstrafrecht?

Deutschland habe jahrzehntelang gute Erfahrungen mit dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht gemacht, sagt Jurist Boers. Gerade bei der Alltagskriminalität wie Ladendiebstahl sei man zurückhaltend und stelle viele Verfahren ein. Die Kriminalitäts- und Gefangenenraten von Jugendlichen in Deutschland seien im internationalen Vergleich gering – dies habe auch mit der guten Erziehungs- und Präventionsarbeit zu tun, etwa mit Straßensozialarbeit in Brennpunktvierteln.

Gab es solche Präventionsprogramme auch in Salzgitter-Fredenberg, wo die 15-Jährige getötet wurde?

Ja. In dem oft als schwierig beschriebenen Ortsteil ist die Betroffenheit unter den Sozialarbeitern groß. „Es herrscht Fassungslosigkeit“, sagt Ulrich Hagedorn, Geschäftsführer der örtlichen Arbeiterwohlfahrt. In der sehr emotionalen Situation gehe es darum zu beruhigen. „Wir betonen aber auch, dass es sich um eine absolute Ausnahmesituation handelt und ähnliche Dinge eben nicht regelmäßig passieren.“ Es bestehe die Gefahr, dass die jahrelange gute Präventionsarbeit ein Stück weit kaputt gehe.

Was passiert jetzt mit den Verdächtigen im Fall der getöteten Anastasia?

Der 13-Jährige ist noch nicht strafmündig. Das örtliche Jugendamt will die Unterbringung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie erreichen, die vom Familiengericht angeordnet werden muss. Der Junge wurde bereits von einem Psychiater begutachtet. Wie Kriminologe Boers erläutert, wird auch der strafmündige 14-Jährige in jedem Fall von einem Psychiater begutachtet. „Ich gehe davon aus, dass wir es hier bei beiden mit einem erheblichen Behandlungsbedarf zu tun haben“, sagt der Experte. Offenkundig habe bei ihnen völlig die Impulskontrolle gefehlt. Das Jugendrecht sieht bei Strafmündigen über 14-Jährigen eine maximale Haftstrafe von zehn Jahren vor. Diese wird verhängt, wenn sich Jugendliche in besonderer Weise schuldig gemacht haben.

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