Glamour für die Mittelmäßigen Sibylle Weischenberg kommentiert die Hochzeit des britischen Kronprinzen für SAT.1 (Freitag, 29.04., ab 9 Uhr)

Es ist die Hochzeit des Jahres. Trotzdem prasselt vor allem aus England viel Kritik und Häme auf das royale Brautpaar Prinz William und Kate Middleton herab. Society-Expertin Sibylle Weischenberg klärt auf.
01.04.2011, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Eric Leimann

Es ist die Hochzeit des Jahres. Trotzdem prasselt vor allem aus England viel Kritik und Häme auf das royale Brautpaar Prinz William und Kate Middleton herab. Society-Expertin Sibylle Weischenberg klärt auf.

Prinz William und seine Kate - am 29. April steigt die Hochzeit des Jahres. Zwölf Millionen Pfund kostet die Feier selbst, dazu kommen 20 Millionen Pfund für Sicherheitsmaßnahmen und Reinigung. Großbritannien begegnet seinem royalen Brautpaar durchaus mit Skepsis. Auch weil William und Kate nicht dem Klischee von Märchenprinz und holder Schönheit aus dem Nichts entsprechen. Society-Expertin Sibylle Weischenberg, die das gesellschaftliche Großereignis für SAT.1 kommentiert, klärt über die Hintergründe des britischen Mega-Events auf.

teleschau: William und Kate - ist das eine reine Liebesheirat?

Sibylle Weischenberg: Dass diese Hochzeit relativ kurzfristig angesetzt wurde, ist jedenfalls kein Zeichen dafür. Man weiß, dass William eigentlich später heiraten wollte - irgendwann nach seinem 30. Geburtstag. Doch England braucht dringend ein paar gute Neuigkeiten - die schlechte wirtschaftliche Situation drückt dort gerade sehr aufs Gemüt. William, so sagen Insider, wollte mit dieser Hochzeit helfen, ein positives Signal zu setzen. Dass er so denkt, zeigt auch, wie konservativ dieser Prinz ist. Er kommt eher nach Charles als nach seiner Mutter Diana.

teleschau: Mit dieser Hochzeit möchte William also sein Volk aus dem kollektiven Frust herausholen?

Sibylle Weischenberg: Das wäre ein wenig hoch gegriffen. Er versucht, dem Königshof in diesen schlechten Zeiten zu helfen, da sehr viel über Sparmaßnahmen diskutiert wird. Es mag paradox klingen - dennoch bringt ein rauschendes Fest für alle die königliche Familie in positive Schlagzeilen. Es zeigt, dass William Verantwortung übernehmen will.

teleschau: Abgesehen davon - sehen wir ein sehr verliebtes Paar vor den Altar treten?

Sibylle Weischenberg: William hat gesehen, wie seine Mutter mit einer sehr romantischen Idee von Liebe grausam gescheitert ist. Er hat ungeheuer unter dem Tod der Mutter gelitten. Die junge Diana glaubte an die Geschichte des edlen Prinzen, der auf einem Pferd daher reitet und sie in immerwährender Liebe zur Frau nimmt. Das Scheitern von Diana prägte William. In Kate hat er eine Gefährtin gefunden. Er konnte sie und sich selbst in dieser Beziehung über viele Jahre prüfen. Kate gibt ihm Beständigkeit, keine großen Ausschläge nach oben oder nach unten. Ich denke, er hat in ihr ein perfektes Mittelmaß gefunden, um seine eigene Stabilität zu leben.

teleschau: Das hört sich nun nicht besonders romantisch an.

Sibylle Weischenberg: Finden Sie es romantisch, wenn sich ein Paar neun Jahre kennt, acht davon zusammen ist und dabei eine Geschichte von Aufs und Abs erlebt? Wenn ein solches Paar heiratet, sagt man eher: "Wurde auch mal Zeit!" Die beiden leben seit fast einer Dekade wie ein Ehepaar zusammen, von daher kann man diese Hochzeit nicht mit der von Diana vergleichen, die damals von jetzt auf gleich in diese Position katapultiert wurde. Was natürlich ein romantisches Märchen war. Eines allerdings, das seiner Protagonistin vor allem geschadet hat.

teleschau: William und Kate wirken brav. Hat diese Hochzeit einen Glamourfaktor?

Sibylle Weischenberg: Das Paar selbst ist auch eher langweilig. Eine solche inszenierte Hochzeit hat dennoch immer einen gewaltigen Glamourfaktor. Es ist ein riesiges TV-Ereignis und wird weltweit gigantische Zuschauerzahlen haben. Sie können das mit der Oscar-Verleihung vergleichen. Die war in diesem Jahr auch sehr langweilig, aber die Leute haben dennoch massenhaft zugeschaut. Es gibt Ereignisse, die sind so groß in ihrer Inszenierung, da spielt der tatsächliche Inhalt kaum noch eine Rolle.

teleschau: Entspricht diese Hochzeit überhaupt den Wünschen des Paares?

Sibylle Weischenberg: So weit man hört, eher nicht. William und Kate wollten eigentlich in einem kleineren, bescheidenen Rahmen heiraten - was ihnen durchaus anzurechnen ist. Aber auch da haben sie den Bedürfnissen der Königsfamilie Tribut zollen müssen. Dort war man der Meinung, dass es jetzt mal richtig brettern muss. Dass man ein Ereignis braucht, welches entsprechende Bilder produziert.

teleschau: Die Braut kommt mit dem Auto zur Trauung und nicht mit der Kutsche. Ist das - wie geschrieben wurde - ein Symbol der Sparsamkeit?

Sibylle Weischenberg: Nein, es ist ein Symbol für Kates bürgerliche Herkunft. Sie ist ein Mädchen aus dem Volk, und das kommt eben nicht mit der Kutsche daher. Die Kutschen sind in königlichem Gebrauch. Wenn man so will, sind sie Teil der Fahrbereitschaft des Königshauses. Man spart also nicht durch den Verzicht auf eine Kutsche. Dass sie nach der Trauung mit William in der Kutsche davonfährt, ist dagegen schon ein Symbol für die Integration in die königliche Familie.

teleschau: Sie sagen, dass die Hochzeit einerseits ein glamouröses Zeichen sein soll. Dass aber andererseits Bescheidenheit und Modernität demonstriert werden müssen. Wie wollen die beiden diesen Spagat hinkriegen?

Sibylle Weischenberg: Natürlich kostet diese Hochzeit viele Millionen. Den Löwenanteil verschlingen die gigantischen Sicherheitsmaßnahmen. Dieses Geld kommt vom Steuerzahler. Andererseits schafft die Königsfamilie durch Ereignisse, welche die Welt bewegen, auch Werte für das Volk - sie werben für Großbritannien. William und Kate zeigen ihre Modernität beispielsweise durch die Auswahl ihrer Gäste. Es sind tatsächlich viele Normalos eingeladen: Vertreter der Charity-Organisationen, für die William arbeitet. Sogar der Wirt vom Pub des Ortes, wo die beiden wohnen. Man versucht alles etwas niedriger zu hängen. Da William nicht der unmittelbare Thronfolger ist, werden zum Beispiel auch die Obamas nicht eingeladen.

teleschau: Welches Standing hat die Monarchie im gegenwärtigen Großbritannien?

Sibylle Weischenberg: Zuletzt gab es um die Königsfamilie eher peinliche Nachrichten. Prinz Andrew, Charles Bruder, wurden diverse Kontakte zu zwielichtigen Personen nachgewiesen. Diese Hochzeit soll endlich wieder für positive Schlagzeilen sorgen. Wobei die Briten herrlich nüchtern auf diese Familie blicken, viel nüchterner als wir Ausländer. Sie finden William und Kate ziemlich mittelmäßig. Sie fühlen sich angeödet von diesem Paar, das schon so lange zusammen ist. Man ist genervt davon, dass "Watie Katie", wie sie genannt wurde, es nun endlich geschafft hat, ihren Prinzen abzuschleppen. In England ist es zwar eine viel diskutierte Hochzeit - aber keine, welche die Herzen der Menschen entflammt.

teleschau: Wird diese Stimmung durch die bissige englische Boulevardpresse angeheizt?

Sibylle Weischenberg: Das auch, aber eigentlich sind sich da alle Medien einig. Zudem muss man einen Blick ins Internet werfen, wo man die ungefilterte Meinung der Menschen findet. All diese Quellen bestätigen, dass die Briten eher genervt als euphorisiert sind.

teleschau: Katie ist beim Volk also eher unbeliebt?

Sibylle Weischenberg: Ganz so würde ich es nicht sagen. Sie hatte es eben auch schwer mit ihrer Familie, die sich mit einem Versandhandel für Partyzubehör ins gehobene Bürgertum vorgearbeitet hat. Darüber wurde viel gespottet. Dazu ist Kates Mutter sehr ehrgeizig. Sie trimmte ihre Tochter mit ganz langem Atem darauf, die Frau des künftigen Königs zu werden. Überall wo William war, schlug zum Beispiel auch Kate auf. Das alles hat die britische Öffentlichkeit durchaus wahrgenommen.

teleschau: Ein weiterer Spitzname Kates lautet "Lady of Leisure" - Freizeitlady. Weil sie eigentlich nie richtig gearbeitet hat. Werfen die Briten ihr das vor?

Sibylle Weischenberg: All ihre Versuche, in eine Art Berufstätigkeit hineinzukommen, schlugen fehl. Nach dem Studium der Kunstgeschichte dilettierte sie als Modeeinkäuferin, danach scheiterte sie als Fotografin. Angeblich arbeitete Kate danach im Unternehmen ihrer Eltern mit, aber dafür gibt es keine Belege. Nein, sie und ihre Mutter haben ihre ganze Schaffenskraft darauf verwendet, eine künftige Thronfolgergemahlin aus Kate zu machen. Und zu deren Entschuldigung muss man sagen - das ist tatsächlich ein ziemlich harter Job.

teleschau: Warum?

Sibylle Weischenberg: Weil man jegliche persönliche Ambition hinten anstellen muss. Eine Vorstellung, die eigentlich jeder emanzipierten Frau zuwider ist. Das mag sie nicht sein, aber dennoch sollte man niemanden beneiden, der sich ein solches Leben vorgenommen hat.

teleschau: Und William - wie sieht ihn die britische Öffentlichkeit?

Sibylle Weischenberg: Sein Image hat mit den Jahren auch ein wenig ebenfalls gelitten. Früher war er dieser spontane, offene Junge. Der seiner Mutter so unheimlich ähnlich war. Mit seinem vollen Haarschopf sah er dazu noch aus wie ein Popstar. Mittlerweile hat sich William zu einem eher typischen Mitglied der Königsfamilie gewandelt - wenig Haare und ein bisschen verschlossen.

teleschau: Wird sich das Leben des Paares nach der Hochzeit verändern?

Sibylle Weischenberg: Nein, die Queen verfügte, dass die beiden erst einmal zwei Jahre so weiterleben sollen wie bisher. William ist Soldat, Hubschrauberpilot. William und Kate werden gemeinsam an seinem Truppenstandort leben. Kate oder Cathrine, wie sie von jetzt an genannt werden will, hat damit auch ihren endgültigen Beruf gefunden. Sie ist Ehefrau, hoffentlich künftige Mutter und sie wird Charity-Pflichten wahrnehmen.

teleschau: Sehen wir am 29. April eigentlich die Hochzeit des nächsten Königs?

Sibylle Weischenberg: Nein, die des übernächsten. Vor William steht noch sein Vater Charles in der Thronfolge.

teleschau: Aber es gibt seit Langem Gerüchte, dass Charles verzichtet und seinem Sohn den Vortritt lässt.

Sibylle Weischenberg: Nein, ich bin mir ganz sicher, dass Charles den Thron besteigen wird. Dafür ist er geboren, und das Entsetzliche ist: Davon lässt er sich auch nicht abbringen. Diese Familie ist so konservativ, dass dies völlig ausgeschlossen ist.

teleschau: Es gab aber schon englische Thronfolger, die auf ihr Recht verzichteten.

Sibylle Weischenberg: Ja, Eduard VIII. dankte nach wenigen Monaten ab - wegen der Liebe zu der geschiedenen Misses Simpson. Und das ist ein tiefes Trauma für die Königsfamilie. Sollten Sie jemals in ihre Nähe kommen, ich würde dieses Thema besser nicht ansprechen.

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