Über Hitler lachen Tom Schilling spielt in "Mein Kampf" (Start: 03.03.) den jungen Adolf Hitler

Eigentlich war Hitler kein schlechter Maler, bemerkte der ebenfalls zeichnerisch begabte Tom Schilling bei seiner Rollenvorbereitung zu "Mein Kampf" (Start: 03.03.).
25.02.2011, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Annekatrin Liebisch

Eigentlich war Hitler kein schlechter Maler, bemerkte der ebenfalls zeichnerisch begabte Tom Schilling bei seiner Rollenvorbereitung zu "Mein Kampf" (Start: 03.03.).

Ein gewisser Druck sei natürlich spürbar, bestätigt Tom Schilling. Nicht nur, weil die Rolle sehr viel abverlangt, sondern auch, weil die Liste derer, die sie vor ihm übernahmen, lang und namhaft ist. Alec Guinness steht darauf, Anthony Hopkins, Peter Sellers, Charles Chaplin und natürlich Bruno Ganz. Und nun eben auch Tom Schilling. In Urs Odermatts Satire "Mein Kampf" (2008), die auf dem gleichnamigen Theaterstück von George Tabori basiert und am 3. März in die Kinos kommt, spielt der 29-Jährige den jungen Adolf Hitler, der nach Wien zog, um Künstler zu werden.

teleschau: Seit drei Jahren werden Sie in Interviews auf "Mein Kampf" angesprochen - Sie müssen doch froh sein, dass der Film jetzt endlich in die Kinos kommt.

Tom Schilling: Ja, bin ich. Und ich hoffe, dass es danach auch gut ist.

teleschau: Befürchten Sie, dass Sie die Rolle verfolgen wird?

Schilling: Ein bisschen was bleibt natürlich immer kleben, wenn man Hitler spielt. Aber ich hoffe, dass es nicht so wie bei Bruno Ganz wird. Er war für das Publikum so stark mit der Rolle verbunden, dass man sich bei seinem Auftritt im "Baader Meinhof Komplex" kurz fragte, was denn der Hitler jetzt in dem RAF-Film zu suchen hat. Aber ich gehe nicht davon aus, dass "Mein Kampf" so große Wellen schlagen wird wie "Der Untergang".

teleschau: Warum besteht nach wie vor dieses riesige Interesse an den seltsamsten Aspekten von Hitlers Leben? Erst kürzlich befasste sich eine Fernsehreportage mit dem Thema, ob Hitler nun Vegetarier war oder nicht.

Schilling: Ich denke, es beschäftigt uns nicht so sehr, wie Hitler passieren konnte, sondern mehr, wie der Holocaust passieren konnte. Und Adolf Hitler ist nun einmal der Dreh- und Angelpunkt dieses schrecklichen Kapitels, das wir verstehen wollen. Ich glaube nicht, dass uns die Klärung der Frage weiterbringt, ob er nun wirklich Vegetarier war oder nicht. Aber ich verstehe beispielsweise, dass George Tabori in seiner Novelle "Mein Kampf" versuchte, anhand Hitlers Biografie eine Parabel zu erzählen, wie das Gute das Böse nährt und unglücklicherweise bestärken kann.

teleschau: Tabori zog sein Stück als eine Farce auf, demnach wird auch der Kinofilm wieder die berühmte Frage aufwerfen: Darf man über Hitler lachen?

Schilling: Ja, darf man.

teleschau: Darüber scheint man sich in Deutschland noch nicht so richtig einig zu sein: Einen Film wie "Inglourious Basterds" hätte hierzulande wohl niemand produziert.

Schilling: Leider. Ich glaube, das Publikum ist offen und auch dankbar für diese frechere Betrachtungsweise. Man kann natürlich einen sauber recherchierten Film wie "Der Untergang" drehen, in dem etwa 80 Prozent so geschehen ist, wie es dargestellt wird. Der Film war sehr gut gemacht, doch ich fand die Weise, in der sich Tarantino dem Thema näherte, noch viel wundervoller. Ich bin überzeugt, dass das Publikum mehr davon sehen möchte.

teleschau: Dani Levys Hitlerkomödie "Mein Führer" mit Helge Schneider stieß allerdings nicht unbedingt auf Gegenliebe.

Schilling: Der Film war leider nicht ganz rund, aber gut gemeint: Die Auseinandersetzung mit dem Thema und der Figur ist meiner Meinung nach immer richtig. Selbst, wenn dabei nur die Vegetarierfrage geklärt wird oder Guido Knopp nach "Hitlers Helfer" und "Hitlers Frauen" noch "Hitlers Hunde" produziert. Das ist in Ordnung so.

teleschau: Was ergab eigentlich Ihre eigene Recherche in der Vegetarierfrage?

Schilling: (lacht) Laut Ian Kershaw, dem berühmtesten Hitlerbiografen, ernährte er sich in den Wiener Jahren nur sehr zurückhaltend von Fleisch und hauptsächlich von Mehlspeisen. Später ging er tatsächlich zur vegetarischen Ernährung über. In den Wiener Jahren, meinten Zeitgenossen, musste er manchmal tagelang ohne Nahrung auskommen - weshalb ich für die Rolle auch ein paar Kilogramm abnahm.

teleschau: Das Paradoxe ist ja, dass sich der Künstler Hitler damals mit seiner Malerei kaum über Wasser halten konnte, seine Zeichnungen vor ein paar Jahren allerdings für über 100.000 Pfund versteigert wurden.

Schilling: Ja, die Briten stehen auf sowas. Aber ich habe ein paar Fotos seiner Zeichnungen gesehen - die waren nicht verkehrt. Er war kein schlechter Maler. Zu seinem und auch unserem Unglück kam er einfach zur falschen Zeit: Er bewarb sich an der Wiener Kunsthochschule, in der seine konservative Art der Malerei alles andere als in war. Es war die Zeit von Egon Schiele und Oskar Kokoschka, was auch Hitlers Hass auf die "entartete Kunst" erklärt.

teleschau: Sie selbst malten früher auch ...

Schilling: Als ich elf Jahre alt war, versuchte ich mich an Graffiti und konnte auch sehr gut zeichnen. Meine Lehrerin wollte unbedingt mein malerisches Talent fördern und schickte mich in die Kunsthochschule. Ich besuchte zwischen dem zwölften und 16. Lebensjahr jede Menge Kurse von Aktzeichnen bis Porträtmalerei.

teleschau: Was malten Sie am liebsten?

Schilling: Vor allem meinen Helden Nick Cave. Eins dieser Bilder hängt sogar noch bei mir - und ich bin immer noch sehr stolz darauf.

teleschau: Der Kunstunterricht lag Ihnen also. Wie stand es um Ihre Leistungen im Geschichtsunterricht?

Schilling: Ich interessierte mich eher für neuere Geschichte. Ich konnte mich sehr für politische Weltkunde begeistern, in dem Fach legte ich auch mein Abitur ab - und sehr gut, sogar.

teleschau: Und die Kriegsgeschichte? Was haben Ihnen etwa Ihre Großeltern darüber erzählt?

Schilling: Nüscht.

teleschau: Gar nichts?

Schilling: Ich glaube, meinem Opa ist einmal der Satz rausgepurzelt, dass es die beste Zeit seines Lebens war.

teleschau: Das bedarf einer Erklärung.

Schilling: Mein Opa hatte das Glück, nicht an vorderster Front kämpfen zu müssen. Er war in der Versorgungskompanie und konnte sich dadurch Finnland, Griechenland und Frankreich ansehen. Er musste an keinen Gräueltaten teilhaben.

teleschau: Wollten Sie solche Geschichten hören oder war Ihnen das eher unangenehm?

Schilling: Ich glaube, das Gefühl, den Großeltern nicht zu nahe treten zu dürfen, zieht sich durch meine Generation. Man will sie nicht verletzen. Meinen Eltern stelle ich beispielsweise viel konkretere Fragen über persönliche Dinge oder Erziehungsfragen, die auch herausfordern. Bei meinem Opa denke ich, dass er nicht so gern darüber spricht, auch wenn meine Mutter mich immer ermutigt, ihm Fragen zu stellen.

teleschau: Apropos Erziehungsfragen: Ihr Sohn Oskar ist mittlerweile vier Jahre alt. Will man als junger Vater alles anders machen als die eigenen Eltern?

Schilling: Vieles.

teleschau: Klappt es?

Schilling: Manche Sachen habe ich verinnerlicht. Meine Eltern legten großen Wert auf Pünktlichkeit, was mir damals zum Halse raushing. Auch wegen der Art und Weise, wie es vermittelt wurde: Kam ich fünf Minuten zu spät, hing der Haussegen schief. Trotzdem merkte ich, gerade in meinem Beruf, wie wichtig eine solche Zuverlässigkeit im Umgang mit anderen Menschen ist. Ich werde nicht gern wartengelassen und ich lasse auch niemanden gerne warten. Und das sind Eigenschaften, die ich meinem Sohn vermitteln möchte.

teleschau: Und wie stellen Sie das an, nachdem Ihnen die Variante Ihrer Eltern nicht zusagte?

Schilling: Etwa, indem ich ihn pünktlich in den Kindergarten bringe. Wenn die Kindergärtnerin meint, er soll um 09.00 Uhr dort sein, dann liefere ich ihn auch um 09.00 Uhr dort ab und nicht 09.05 Uhr oder 09.10 Uhr. Dafür muss mein Sohn niemals aufessen - das musste ich immer.

teleschau: Worauf legen Sie bei der Erziehung Ihres Sohnes noch wert?

Schilling: Auf ein soziales Verantwortungsgefühl. Natürlich höre ich immer hin, wenn mein Sohn von den Jungs erzählt, die im Kindergarten stänkern. In der Regel ist es immer der gleiche. Wir überlegen dann zusammen, warum er das tut, welches Problem er haben könnte. Zudem versuche ich, ihm eine gewisse Frustrationstoleranz anzuerziehen.

teleschau: War das ein Problem für Sie, Niederlagen zu verdauen?

Schilling: Nein, ich glaube, das ist eher ein Problem verhätschelter Kinder. Zu denen zählte ich nicht.

teleschau: Erkennen Sie sich in Ihrem Sohn wieder?

Schilling: Ja.

teleschau: Inwiefern?

Schilling: In puncto Ehrgeiz. Oskar ist frustriert, wenn er Sachen nicht kann. Das beschäftigt ihn, er wird wütend auf sich selbst und lässt Dinge bleiben, obwohl sie ihn eigentlich sehr interessieren. Und da erkenne ich mich wieder.

teleschau: Welche Sachen ließen Sie denn damals sein?

Schilling: Spontan fällt mir da nichts ein. Aber im Vordergrund steht bei Oskar weniger die Angst zu scheitern, sondern sein Drang, etwas lernen zu wollen und eine Begeisterungsfähigkeit, die ich auch teile. Auch ich ärgere mich, wenn ich etwas können will und es nicht auf Anhieb funktioniert. Ich bin manchmal fast verzweifelt, als ich mir Klavier- und Gitarrespielen selbst beigebracht habe.

teleschau: Und was raten Sie dann Ihrem Sohn, wenn er verzweifelt?

Schilling: Ich versuche, ihn zu beschwichtigen. Und ihm klarzumachen, dass er manches noch gar nicht können, aber später lernen kann. Aber das bedarf einer Menge Fingerspitzengefühl.

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