"Lieber gläsern als tot" Ulrich Meyer startet sein neues Format "Ermittlungsakte" am Mittwoch, 02.02., um 22.15 Uhr

Ulrich Meyer will mit "Ermittlungsakte" dem erfolgreichen ZDF-Schlachtross "Aktenzeichen XY...ungelöst" Konkurrenz machen.
07.01.2011, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Eric Leimann

Ulrich Meyer will mit "Ermittlungsakte" dem erfolgreichen ZDF-Schlachtross "Aktenzeichen XY...ungelöst" Konkurrenz machen.

Seit 15 Jahren moderiert Ulrich Meyer das Magazin "Akte" bei SAT.1. Dort kämpft er mit seinem Reporterteam gegen kleine und größere Skandale des deutschen Alltags - eine Art TV-Bürgerwehr für den "kleinen Mann". Nun will der 55-jährige Fernsehjournalist sein Spektrum in Richtung Kapitalverbrechen erweitern. "Ermittlungsakte" (ab Mittwoch, 02.02., um 22.15 Uhr), das bereits einen erfolgreichen Probelauf als halbstündiges Format am Sonntag hatte, analysiert schwere Kriminalfälle in aufwendiger "CSI"-Ästhetik. Vielleicht schafft es der streng gescheitelte SAT.1-Anchorman ja sogar, eine Art "Aktenzeichen XY....ungelöst" fürs Publikum des Privatfernsehens zu erschaffen.

teleschau: Ihr neues Format ist das Reality-Pendant zu Trendserien wie "CSI" - könnten Sie mit dieser Kurzbeschreibung leben?

Ulrich Meyer: Das kann ich insofern, als wir das Interesse der Menschen an Details und Methoden aufgreifen, die zur Aufklärung von Kapitalverbrechen führen. Diese Neugier gibt es schon viel länger und hat beispielsweise schon zum Erfolg einer Serie wie "Quincy" geführt. Heute ist das Ermitteln sehr viel komplexer und facettenreicher geworden. Das ist der Grund, weshalb ich in der Sendung mit Rechtsmedizinern, Kriminaltechnikern, Computerspezialisten und Kriminalisten spannende Fälle Schritt für Schritt durchanalysiere. Die Form der Sendung ist tatsächlich eine völlig neue. Ich moderiere nicht, ich bin mehr Teil eines Films, der durch die echte Welt der Kriminalistik führt.

teleschau: Wie finden Sie Ihre Fälle?

Meyer: Ganz einfach - ein Schwerpunkt der Arbeit meiner Produktionsfirma ist seit 1997 das Aufarbeiten von Kriminalität fürs TV. Damals haben wir für SAT.1 "Fahndungsakte" gemacht und seitdem viele andere Formate für unterschiedliche Sender geliefert. Die Kontakte zur Polizei sind sehr intensiv und gewachsen. Das Ganze ist eine Vertrauensfrage: Bis Ermittler oder Staatsanwälte erlauben, dass man in ihre Akten schaut, muss viel passieren. Wir haben Redakteure, die dieses Vertrauen genießen.

teleschau: Zeigen Quotenerfolge von "Aktenzeichen XY... ungelöst" oder eben "CSI", dass unsere Welt morbider geworden ist?

Meyer: Morbider glaube ich nicht. Was die Menschen fasziniert, sind die neuen Möglichkeiten für die Ermittler. Kapitalverbrechen, die 1990 oder 1995 nicht zu lösen waren, sind heute zum großen Teil aufklärbar - sofern die DNA-Spuren damals ordentlich, also heute noch verwertbar, gesichert worden sind. Die Gefühle der Menschen in Bezug auf Verbrechen sind durchaus zwiespältig. Einerseits ergibt sich durch die Nachrichtenflut und ein Fernsehprogramm voller Krimis der Eindruck, dass das Leben immer gefährlicher wird. Andererseits festigt sich auch das Gefühl, dass die Polizei keinen Gewaltverbrecher davonkommen lässt.

teleschau: Und wenn es noch mehr Formate wie "Ermittlungsakte" gibt, werden wir alle zu Experten für Kriminaltechniken. Ist es wirklich von Vorteil, wenn alle Tricks der Polizei bald öffentliches Gut werden?

Meyer: Die Polizei, mit der wir eng zusammenarbeiten, entscheidet selbst, welche Tricks sie verrät und welche geheim bleiben. Den spurenlosen Mord aber wird es immer seltener geben. Meistens geschehen Verbrechen im Affekt oder zumindest in großer Aufregung und mit viel Improvisation. Insofern ist es eher normal, dass viele Spuren hinterlassen werden: Jeder von uns verliert jede Minute tausende Hautschuppen, selbst wenn er untätig herumsitzt. Was man jedoch weiterhin nicht verraten darf, ist das sogenannte Täterwissen - also Fakten, die nur der Täter kennen kann. Dieses Wissen ist für die Aufklärung und auch für die Gerichtsbarkeit heilig.

teleschau: Fördert die Erkenntnis, dass wir überall Spuren hinterlassen, nicht gleichzeitig auch die Angst bei den Menschen, völlig gläsern zu sein?

Meyer: Datenschutz - jene Disziplin, die lange Zeit als Langweilerfach galt - wird heute immer wichtiger und dringender. Dennoch ist das Ganze ein Abwägungsprozess. Bei Kapitalverbrechen gilt, dass man sicher lieber gläsern ist als tot. Ich denke, dass die meisten Menschen auch lieber gläsern sind als von Abzockern ausgenommen und pleite. In Zukunft werden wir nicht nur für Bildung und Gesundheit sehr viel mehr Geld ausgeben, als wir das jemals geahnt hätten. Auch das Thema Sicherheit wird eine Kostenexplosion erfahren.

teleschau: Wie groß ist die Angst der Deutschen, Opfer eines Verbrechens zu werden?

Meyer: Man muss das differenziert sehen. Ich glaube nicht, dass normale Leute in einem normalen Umfeld heute mehr Angst haben als früher, Opfer eines Kapitalverbrechens zu werden. Was aber zugenommen hat, ist die Angst vor Betrügereien und Abzocke. Das zeigen ganz klar unsere Erfahrungen im SAT.1-Format "Akte": etwa wenn die Oma von der Waschmaschinen-Mafia ausgenommen wird. Oder wenn sie dem Schlüsseldienst 600 Euro für einmal Türöffnen zu zahlen hat. Und im Internet kann dir sowieso alles passieren. In diesem finanziell fast schon unterschwelligen Bereich von Kriminalität, in dem man oft einfach zahlt, damit die Sache abgehakt ist, passiert, von der Politik fast unbeachtet, viel zu viel. Da ist in unserer Gesellschaft ein großes Gefühl von Unsicherheit entstanden.

teleschau: Das ZDF-Uraltformat "Aktenzeichen XY...ungelöst" erfreut sich aktuell geradezu unglaublicher Beliebtheit. Gab es Überlegungen Ihrerseits, einfach eine Privatfernsehvariante davon zu produzieren?

Meyer: Nein, das Konzept unserer Sendung ist ein völlig anderes. "Aktenzeichen" fahndet, und wir ermitteln. Wir haben zwar auch zwei Kurzfahndungen in der Sendung - um der Polizei, die so viel für uns tut, etwas zurückzugeben. Der Schwerpunkt unseres Formats aber ist: Wir bringen dem Publikum die Aufklärung echter und rechtskräftig abgeurteilter Fälle in allen Details nahe.

teleschau: Als jemand, der dennoch auf einem ähnlichen Feld unterwegs ist - haben Sie eine Theorie, warum "Aktenzeichen" so erfolgreich ist?

Meyer: Vor dem Erfolg der Kollegen muss man zunächst mal den Hut ziehen. Seit 1967 machen sie das, und die Quoten klettern und klettern wieder, auch in der jungen Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren. Somit schafft das ZDF in diesem Format etwas, das ansonsten kaum gelingt - das Publikum generationsübergreifend zu fesseln. Ich denke, die Tatsache, dass es sich um echte Verbrechen handelt, spielt eine große Rolle. Der Zuschauer erschaudert, will sich aber gleichzeitig informieren, was alles passieren kann. "Aktenzeichen" oder auch meine Sendung "Akte" helfen den Zuschauern in unterschiedlicher Weise, sich gegen Gefährdungen zu wappnen. Solche Formate haben natürlich ihre Kehrseite. Manche Menschen, zum Beispiel auch meine Frau, zögern, sich so etwas anzusehen. Weil die Tatsache, dass es sich um echte Fälle handelt, sie ängstigt. Die Balance zwischen Information und Bedrohlichkeit zu finden, darin besteht die Kunst bei solchen Sendungen.

teleschau: In den frühen Tagen des Privatfernsehens ist Ulrich Meyer nicht durch Serviceformate bekannt geworden, sondern durch "Der heiße Stuhl" - eine legendär provokante Talksendung. Heute wünscht man sich, ihr öffentlich-rechtlicher Nachfolger Frank Plasberg möge auch mal so hart zu seinen Gästen sein, wie Sie es früher waren. Hätten Sie Lust, noch mal den Talkmaster zu geben?

Meyer: Vor zwei Jahren hätte ich die Frage noch mit Verve beantwortet: 'Ja, ich will das unbedingt noch mal machen.' Doch an einen Erfolg ist kaum zu glauben. Ich bin ein Kind des Privatfernsehens, das bekanntlich eine jüngere Zielgruppe bedient als das Öffentlich-Rechlichte. Bei den Privaten ist heute kein einziges reines Talkformat am Abend ein Erfolg. Damit ist das jüngere Publikum einfach nicht mehr zu erreichen. Dafür ist das vergleichsweise langsame Tempo einer Gesprächsendung zu niedrig. Es ist heute wahnsinnig schwer oder geradezu unmöglich, die junge Zielgruppe über eine längere Strecke mit nur einem Thema zu fesseln. Wir erleben doch Aufmerksamkeitsdefizite bei einer ganzen Generation! Wenn die Öffentlich-Rechtlichen drei Millionen Zuschauer bei "Hart aber fair" oder "Maybrit Illner", fünf Millionen bei "Anne Will" oder demnächst "Günther Jauch" haben, dann lehnen sie sich höchst zufrieden zurück. Damit allerdings ist das Problem, wie man das Thema in signifikantem Umfang an junge Leute vermittelt bekommt, ungelöst. Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich finde, dass Frank Plasberg seine Sache super macht.

teleschau: Johannes B. Kerner hat den Sprung vom ZDF zu SAT.1 mit einer Talkshow gewagt...

Meyer: Johannes B. Kerner macht keine reine Talksendung, sondern ein Magazin mit Talk-Anteilen. Wie gesagt: Ich bin sicher, dass reine Talksendungen im Privatfernsehen zum Scheitern verurteilt sind. Dennoch würde ich das Risiko doch gerne noch mal eingehen. Und ich würde auch alle Schuld auf mich nehmen, wenn es nicht funktionieren sollte.

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