ARD und ZDF Umfrage vor Hessenwahl: CDU und SPD verlieren, Grüne gewinnen dazu

Laut Umfragen von ARD und ZDF gibt es bei der Hessenwahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Gewinner sind, wie in Bayern, vor allem die Grünen.
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Ob sie sich beim Hessischen Rundfunk am Morgen danach wohl ärgern? Da strahlt der Sender am Mittwochabend ein aufwendig produziertes Fernsehduell zur Landtagswahl aus, und keine zwölf Stunden später stellt sich heraus, dass die Fernsehmacher womöglich die falschen Kandidaten zu Gast hatten. Das zumindest legt eine neue Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer nahe.

Demnach darf sich seit Donnerstagmorgen der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von den Grünen die größte Hoffnung machen, CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier aus der Staatskanzlei zu verdrängen. Beim TV-Duell am Mittwochabend war jedoch SPD-Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel als vermeintlich aussichtsreichster Gegenkandidat im Studio gewesen. So schnell kann es manchmal gehen.

Das Politbarometer sieht die regierende CDU derzeit bei 26 und die oppositionelle SPD bei 20 Prozent. Die an der Landesregierung beteiligten Grünen ziehen an den Sozialdemokraten vorbei und kämen laut der Umfrage auf 22 Prozent der Stimmen, wenn am Sonntag gewählt würde. FDP und Linke taxieren die Demoskopen bei jeweils acht, die AfD bei zwölf Prozent.

Erhebungszeitraum der Befragung mag eine Rolle spielen

Zur Ehrenrettung der Fernsehmacher sei gesagt, dass das Politbarometer die erste und bislang einzige Umfrage ist, die die Grünen vor der SPD sieht. Bislang fand die Polarisierung des Wahlkampfes beinahe ausschließlich zwischen Bouffier und Schäfer-Gümbel statt. Auch der Erhebungszeitraum der Befragung mag eine Rolle spielen.

Zwischen Montag und Mittwoch haben die Meinungsforscher mehr als 1000 repräsentativ ausgewählte Menschen interviewt. Die Befragten standen damit unter dem unmittelbaren Eindruck der Landtagswahl in Bayern, bei der die Grünen einen sensationellen Erfolg feierten und CSU sowie SPD abgestraft wurden.

Es gibt also Sondereffekte, die die spektakulären Zahlen erklären. Und trotzdem wirbelt die Umfrage in Hessen einiges durcheinander. Vor allem die SPD steht unter Schock. Gerade erst hatten die Genossen Hoffnung geschöpft, im Wahlkampfendspurt zulegen zu können.

Beim TV-Duell hatte sich Schäfer-Gümbel nach allgemeiner Lesart dynamischer als Amtsinhaber Bouffier präsentiert. Die ZDF-Umfrage macht nun die Hoffnungen wieder zunichte. Und sie befeuert eine alte Angst der Genossen: Was, wenn nur die Grünen vom schwachen Auftritt des Ministerpräsidenten profitieren?

Auch für die CDU gibt es wenig Erbauliches. 26 Prozent wären für die seit 19 Jahren regierenden Konservativen ein Desaster. Im Vergleich zu 2013 würde die Partei um mehr als zwölf Prozentpunkte abstürzen. Lediglich sein Minimalziel, die Staatskanzlei zu verteidigen, kann Bouffier nun noch erreichen. Entweder als Chef einer Großen Koalition mit der SPD oder zusammen mit dem bisherigen Koalitionspartner von den Grünen. Beides wird knapp.

Um es Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg gleichzutun und der zweite grüne Ministerpräsident der Republik zu werden, müsste Noch-Vize-Regierungschef Al-Wazir allerdings ein Bündnis mit SPD und Linken bilden – wozu er bislang wenig Lust hat. Aber der Grünen-Chef wäre nicht der erste, der unter der Aussicht auf den Chefsessel seine politischen Bewertungen noch einmal überprüft.

Grüne freuen sich über die Umfrage

So richtig trauen sich die Grünen an die Debatte noch nicht heran. „Wir freuen uns über die Umfrage. Sie drückt ein steigendes Zutrauen in Grün aus“, sagte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner dem WESER-KURIER. Doch noch sei alles offen. „Wir heben nicht ab, sondern kämpfen für echten Klimaschutz, bezahlbaren Wohnraum und eine gelingende Integration“, so Kellner. „Frisches Grün statt einer abgekämpften Groko ist unser Ziel.“

Auch der hessische Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour äußerte sich verhalten. „Die Umfrage gibt Rückenwind – ist aber noch lange kein Wahlergebnis“, sagte er. Er sehe keinen Grund zur Spekulation, wollte aber nicht ausschließen, dass Al-Wazir am Ende nach der ganzen Macht in Hessen greifen könnte. „Den Begriff Ausschließeritis hat Tarek Al-Wazir erfunden“, so Nouripour. „Selbstverständlich schließen wir unter den demokratischen Parteien niemanden als potenziellen Partner aus.“

Bei der Linken zeigt man sich offen. Deren Spitzenkandidatin Janine Wissler spricht sich für eine Koalition mit SPD und Grünen aus. Wenn es eine Mehrheit der drei linken Parteien gäbe, müsse man „natürlich darüber reden, ob man sie nutzen kann“, sagte Wissler dem WESER-KURIER. „Die CDU regiert seit 20 Jahren in diesem Land. Das könnte man ja auch irgendwann mal ändern.“ Wissler betonte zugleich, dass ein Linksbündnis kein Selbstläufer wäre: „Das kommt immer auf die Inhalte an“, sagte sie.

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