Wegen Corona: Urlaub am heimischen Strand

Zu Besuch in Schillig

Eigentlich wollten sie nach Frankreich, Italien oder Spanien, doch wegen Corona haben viele Deutsche umgeplant und machen jetzt Urlaub im eigenen Land. Entsprechend voll ist es. Wir waren zu Besuch in Schillig.
08.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Zu Besuch in Schillig
Von Marc Hagedorn
Zu Besuch in Schillig

Die Deutschen zieht es in diesem Sommerurlaub an ihre Küsten. Schillig in Friesland ist nahezu ausgebucht, entsprechend voll ist es am Strand in der Badezone.

Marc Hagedorn

Eigentlich wären Pia und Winni Waschk gar nicht hier. Das Ehepaar aus dem Landkreis Borken in Nordrhein-Westfalen hatte sich im vergangenen Jahr extra ein Wohnmobil zugelegt. Damit wollten die beiden gemeinsam mit ihren drei Kindern Deutschlands Nachbarländer besuchen. Polen oder Tschechien im Osten zum Beispiel, Holland, Belgien oder Frankreich auf der anderen Seite oder Dänemark im Norden. Doch daraus ist nichts geworden. Wegen Corona. Und deshalb sind sie jetzt in Schillig im Wangerland. Zum zweiten Mal schon in diesen Sommerferien. Diesmal haben sie die Kinder zu Hause gelassen. „Wir wollten einfach noch einmal raus“, sagt Pia Waschk, „uns hat es hier so gut gefallen.“

Wie Familie Waschk geht es vielen deutschen Urlaubern in diesem Jahr. Sie entdecken die deutsche Küste für sich. „Die Zahl derjenigen, die zum ersten Mal hier sind, hat rapide zugenommen“, sagt Marko Badberg, der stellvertretende Leiter des Campingplatzes. Er ist Herr über 1500 Stellplätze. Das macht den Campingplatz in Schillig zu einem der größten in ganz Deutschland. Und zu einem der vollsten. „Wir sind so gut wie ausgebucht“, sagt Badberg, „im Prinzip zu 100 Prozent.“

Freier Stellplatz nur noch in Ausnahmefällen

Nur in Ausnahmefällen findet man noch einen Stellplatz, so wie der Herr aus dem Ruhrgebiet. Er hat seinen kleinen Sohn an die Hand genommen, und nun versuchen sie ihr Glück an der Rezeption. Zwei Wochen sind sie schon hier, jetzt würden sie gern noch für zwei, drei Tage verlängern. Die Frau an der Annahme schaut in ihren Computer - und tatsächlich. „Wenn Sie Ihren Stellplatz verlassen und einen anderen nehmen, können sie noch eine Nacht länger bleiben“, sagt sie, „und wenn sie dann noch einmal umziehen, geht es sogar bis Montag.“ Der Mann nickt zufrieden, „machen wir“. Der Sohnemann strahlt bis über beide Ohren.

Urlaub an der Küste ist gefragt. Seit Jahren schon sind die Nordseebäder zur Hauptsaison sehr gut besucht, aber in diesem Jahr sorgt Corona noch für einen zusätzlichen Schub. Zwar gibt es keine genauen Zahlen darüber, wie viele Urlauber ihre Pläne geändert haben und jetzt statt nach Mallorca, in die Türkei oder nach Italien an die Nordsee fahren, aber es dürften nicht wenige sein.

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Foto: Grafik Weser Kurier

Johann Fehren zum Beispiel wäre unter anderen Umständen genau wie Familie Waschk gar nicht hier. Der junge Mann aus dem emsländischen Lingen und seine Partnerin Jana wären normalerweise ins Ausland geflogen, aber das kam wegen Corona nicht infrage, „auf eine Zusammenrottung wie in Mallorca hatten wir keinen Bock“, sagt er. Außerdem hätten sie keine Lust gehabt, die gleichen Erfahrungen zu machen wie einer ihrer Kumpels, der sich Malta als Urlaubsziel ausgeguckt hatte. „Der saß zweimal auf gepackten Koffern und konnte dann doch nicht fliegen, einmal hat er davon sogar erst drei Stunden vor Abflug erfahren“, erzählt Fehren.

Also haben er und Jana vor sechs Wochen umdisponiert und die Nordsee im Internet nach Übernachtungsmöglichkeiten durchforstet. Viele Ferienwohnungen waren ausgebucht, aber hier und da war noch etwas frei, auch in Horumersiel, gleich neben Schillig. Hier haben sie sich nun einquartiert. Was den Ausschlag für Schillig gegeben hat? „Der Strand“, sagt Jana.

Blickfang Riesenrad

Tatsächlich ist das Areal sehr weitläufig. Schillig ist zwar voll, aber wer dem Trubel an der bewachten Badezone entgehen will, kann das tun. Blickfang am Strand ist das Riesenrad. Es steht zum ersten Mal hier, „als kleines Extra in Zeiten, in denen wir alle von Corona ein bisschen geschädigt sind“, sagt Badberg, der zweite Platzleiter.

Pia und Winni Waschk sind zum zweiten Mal in diesen Ferien hier.

Pia und Winni Waschk sind zum zweiten Mal in diesen Ferien hier.

Foto: Marc Hagedorn

Für fünf Euro geht es 38 Meter hoch nach oben. Der Ausblick ist beeindruckend. Der Campingplatz auf der einen Seite mit seinen scheinbar unendlich vielen Wohnmobilen und den unzähligen kleinen Gassen. Im Norden und Nordwesten davon der Hauptstrand. Väter lassen mit ihren Kindern Drachen steigen, Familien spielen Wikingerschach. Die Geräte auf dem Kinderspielplatz sind hoch frequentiert. Männer vom Servicedienst, die auch die Tageskarten der Gäste kontrollieren, drehen ihre Runde.

Am Fischimbiss hat sich eine Menschenschlange gebildet, mindestens 50 Meter lang. Kürzer wird sie heute für längere Zeit auch nicht mehr. Immer wieder treibt der Hunger die Sonnenanbeter hierher. Auch ein paar Meter weiter am Minimarkt, der Erfrischungen und Zeitungen verkauft, warten die Menschen draußen. Sie tun dies geduldig und mit Abstand, die Maske erst in der Hand und später beim Betreten des Gebäudes dann vor Mund und Nase.

Dichtes Gedränge am Wasser

Noch mehr Gedränge herrscht direkt am Wasser in der Badezone. Mit Abstandhalten ist es hier deutlich schwieriger. Eine behördlich festgelegte Obergrenze für Besucherzahlen gibt es trotzdem nicht, nur eine natürliche Grenze sozusagen. „Wenn der Parkplatz voll ist, ist er voll“, sagt Badberg, „und das gilt dann auch für den Strand.“

Den Gästen wird trotz Corona immer noch einiges geboten. Zwar finden nicht alle ursprünglich geplanten Veranstaltungen statt, aber Lesungen und Gästeführungen sind (wieder) im Angebot genau wie Radtouren und Kurse für Pilates oder Bauch-Beine-Po.

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Trotzdem können nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Pia Waschk hätte ihren Mann gern mit einem gemeinsamen Tag im Strandkorb überrascht. Dafür ist sie am Morgen noch vor dem Frühstück zur Strandkorbvermietung geradelt. Aber sie hatte keine Chance. Wenn überhaupt, werden Strandkörbe nur für sieben Tage am Stück vermietet. „Schade“, sagt Pia Waschk, aber das ist offenbar der Preis, den man als Deutschland-Urlauber im Coronajahr 2020 zahlen muss.

Pia und Winni Waschk nehmen es gelassen. Denn ihr nächster Plan wird aufgehen, das ist sicher: eine Fahrt mit dem Riesenrad. Dort waren zumindest an diesem Tag immer ein paar Gondeln frei.

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