Woodstock: Die Musik

Verspätungen, Stromschläge, große Durchbrüche

32 Künstler traten 1969 beim Woodstock-Festival auf. Für einige war es der Beginn einer steilen Karriere. Für andere eher ein Reinfall. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen haben sie aber alle.
29.06.2019, 05:58
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Verspätungen, Stromschläge, große Durchbrüche
Von Alexandra Knief
Verspätungen, Stromschläge, große Durchbrüche

Menschen, soweit das Auge reicht: Mitglieder von Joe Cockers Grease Band bereiten sich am 17. August 1969 auf ihren Auftritt beim Woodstock-Festival vor. Währenddessen wartet rund eine halbe Million Menschen vor der Bühne darauf, dass die Musik weitergeht.

Elliott Landy

Als Alex del Zoppo von Sweetwater mit dem Hubschrauber auf das Festival-Gelände geflogen wurde, sah er hinab auf die bunten Wiesen unter sich. „Was wird hier angebaut?“, fragte er den Piloten, in dem Glauben, es seien Blumen. „Das sind Menschen“, antwortete dieser. Erst da sei del Zoppo klargeworden, dass Woodstock eine große Nummer wird, wie er später verrät.

So wie ihm ging es vielen der Musiker, die beim Festival auftreten sollten: Sie hatten Angst. Denn auch, wenn sie bereits relativ erfolgreich waren, hatten sie noch nie vor so einer riesigen Menschenmasse gespielt. Niemand von ihnen hatte im Vorfeld geahnt, wie groß das Festival werden würde. Dabei war Woodstock nicht das erste Festival in den USA: Das Newport Jazz Festival gab es bereits seit 1954, 1959 kam das Newport Folk Festival dazu.

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Das Monterey Pop Festival, zu dem rund 50 000 Besucher pro Tag kamen, galt als der Höhepunkt des „Summer of Love“ 1967 und als eines der weltweit ersten großen Rockfestivals. Bereits 1968 gab es populäre Events in Miami und Atlanta. Viele der Künstler, die bei diesen Konzerten im Zeichen der Flower-Power-Philosophie auftraten, kamen auch nach Bethel.

Die Bandbreite der 32 Bands und Musiker, die beim Woodstock-Festival auftraten, reichte von politischen Protestsongs bis zu einfacher Good-Time-Musik, Rock, Blues, Country, modernem Soul, psychedelisch angehauchtem Sound, Boogie Rhythm & Blues und spiegelte die vielfältige Musik der 60er-Jahre wider.

Unfreiwilliger Start-Act

„Wenn mir eine Bierdose an den Kopf fliegt, habe ich was gut bei dir“, rief Richie Havens nervös Michael Lang zu, bevor er am Freitag, dem 15. August 1969, als erster Act die Bühne des Woodstock-Festivals betrat. Eröffnen sollten eigentlich Sweetwater. Alle Straßen, die auf das Gelände führten, waren allerdings dicht – die Musiker steckten in ihren Motels fest. Aus der Not heraus wurden Sweetwater und viele andere Künstler später mit dem Hubschrauber aufs Gelände geflogen – über das Blumenmeer hinweg, das sich bei genauer Betrachtung als Menschenmeer entpuppte. Richie Havens war der einzige, der rechtzeitig das Festivalgelände erreicht hatte. Also ließ er sich überreden, ungeplant den Anfang zu machen.

Da man aber bereits viel später dran war als geplant, hatte Havens Angst, die geballte Wut der wartenden Menge abzubekommen. Doch es gab keine Wut. Havens wurde jubelnd empfangen und spielte am Ende statt der geplanten vier Songs zwei Stunden und 40 Minuten – denn es war noch immer niemand da. Er musste improvisieren, sang unter anderem ein paar Songs der Beatles und spielte schließlich spontan und größtenteils improvisiert den auf dem Folkspiritual „Motherless Child“ basierenden Song „Freedom“, der am Ende zu einer der Hymne des Festivals wurde.

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Der Guru Sri Swami Satchidananda rief zur Eröffnung des Festivals zu Frieden und Liebe auf, nach ihm kamen dann endlich Sweetwater auf die Bühne. Es folgten Auftritte von Bert Sommer und Tim Hardin, Ravi Shankar, Melanie (beide spielten im strömenden Regen) und Arlo Guthrie. Joan Baez kam am Freitagabend als Letzte auf die Bühne. Baez hatte sich bereits Anfang der Sechziger mit ihren politischen Songs einen Namen gemacht, engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und die Rassentrennung. In Bethel stand sie schwanger auf der Bühne, erzählte von ihrem Mann, der wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis saß.

Durcheinander auch am zweiten Tag

Tatsächlich waren auch am Sonnabend noch immer nicht alle Musiker beim Festival angekommen. Hinzu kam, dass es schon wieder regnete. Die fünfköpfige Band Quill aus Boston, deren Manager Michael Lang war, machten gegen Mittag den musikalischen Anfang, Country Joe McDonald (trat am Sonntag noch mit seiner Band The Fish auf) und John Sebastian (war eigentlich nur zufällig vor Ort) hielten die Menge mit akustischen Beiträgen bei Laune, solange es regnete und keine Verstärker für die Instrumente angeschlossen werden konnten.

Als der Regen aufhörte, waren erst die britischen Rocker der Keef Hartley Band an der Reihe, dann Santana. Der damals 22-Jährige war noch völlig unbekannt, hatte noch nicht einmal ein Album rausgebracht. Woodstock sollte so etwas wie der Startschuss für den Musiker und seine Band werden. „Es war wie in einem Orson-Welles-Film, wenn die Zeit stillsteht“, erinnert sich Carlos Santana später an die Atmosphäre auf dem Festival. „Überall auf den Schnellstraßen parkten Autos. Die Normalos der Welt sind bis heute schockiert, dass so etwas stattfinden konnte. Und das ohne Krawatte.“

Berauscht von Schnaps und Musik: Janis Joplin auf der Festival-Bühne.

Berauscht von Schnaps und Musik: Janis Joplin auf der Festival-Bühne.

Foto: Elliott Landy

In Woodstock herrschten Sicherheitsvorkehrungen, die heute undenkbar sind. Nämlich: nahezu keine. Nicht nur die Gegebenheiten für die Festivalbesucher waren katastrophal, auch die Musiker waren alles andere als sicher. Als Canned Heat am frühen Samstagabend spielten, rannte ein Fan auf die Bühne. Statt von Securities verfolgt zu werden, erhielt er eine Umarmung, eine Zigarette und einen kurzen Plausch mit Sänger Bob Hite, bevor er sich von selbst wieder ins Publikum zurückzog. Eine Abdeckung über der Bühne, die die Stars vor Regen schützen sollte, wehte irgendwann einfach weg. Die Musiker waren viel mehr mit dem Drumherum beschäftigt als mit ihrer Musik.

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Mickey Hart von The Grateful Dead erinnert sich: „So schlecht hatten wir noch nie gespielt. Es war ziemlich chaotisch. Die Leute kreischten, dass die Bühne zusammenbrechen würde. Jerry Garcia bekam elektrische Schläge, sobald er seine Gitarre anfasste.“ Gitarrist Bob Weir wurde sogar durch einen Stromschlag über die Bühne geschleudert. Immer wieder kam es zu Pausen, falschen Einsätzen, Tonproblemen. Selbst Fans bezeichneten den Auftritt hinterher als Armutszeugnis. „Für manche begann in Woodstock ihre Karriere, wir dagegen haben 20 Jahre gebraucht, um die Sache wieder gutzumachen“, sagte Weir hinterher.

Mit Creedence Clearwater Revival stand in der Nacht zu Sonntag eine der schon damals kommerziell erfolgreichen Bands auf der Bühne. Das interessierte das Publikum um 1.30 Uhr und nach dem schlechten Auftritt von The Greatful Dead aber wenig: „Ich sah nur verschlungene Körper, zugekifft und schlafend“, erinnert sich John Fogerty. „Es war wie eine Dante-Szene: schlafende, verschlungene Leiber aus der Hölle, voller Schlamm.“ Die einzige Reaktion auf all seine Animationsversuche war Schweigen. Bis er in einiger Entfernung plötzlich ein Feuerzeug aufblitzen sah und jemand rief: „Keine Sorge John. Wir hören dir zu.“

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Janis Joplin, Sly & The Family Stone, The Who und Jefferson Airplane waren sogar noch nach Creedence Clearwater Revival dran. Sie spielten durch, bis es bereits Morgen war, und schafften es, die erschöpfte Menge noch einmal aufzumischen. Joplin spielte zehn Songs, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden, auch wenn die Musikerin bei ihrem Auftritt wie so häufig alkoholisiert war und mit einer noch recht neuen Band auftrat. Nur ein Jahr nach Woodstock starb sie an einer Überdosis Heroin. Sly rief in seinen Texten zum Frieden auf, zu mehr Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen, und traf damit das Publikum mitten ins Herz – er besang all die Gründe, aus denen viele Besucher überhaupt erst zum Festival gekommen waren.

The Who hingegen waren die einzige Band, die mit der Hippie-Bewegung und den Protesten gar nichts am Hut haben wollten. Während andere Musiker später begeistert die Atmosphäre lobten, sprach Pete Townshend von The Who von einem „totalen Chaos“ und davon, dass in seinen Augen ganz Amerika durchgeknallt sei. Er ging sogar noch weiter: „Überall diese Hippies, die dachten, heute würde sich die Welt verändern. Ich, das zynische britische Arschloch, hätte sie am liebsten bespuckt (...). Was sie für eine alternative Gesellschaft hielten, war im Grunde nur ein Acker (...).“

Mit lockigen Haaren und Batikpulli machte ein anderer Brite, Joe Cocker, am frühen Sonntagnachmittag ekstatisch und schwitzend Luftgitarre spielend den Anfang. In seiner Heimat kannte man ihn bereits, in Amerika stand der Durchbruch noch bevor. „Zwei Jahre vor Woodstock hatte ich in einer Bar vor höchstens 300 Leuten gespielt. In Woodstock war es nicht einfach, eine solche Menschenmenge bei der Stange zu halten„, erinnert sich Cocker später. “Wir waren gerade fertig, da zog eine riesige schwarze Wolke auf, und es goss stundenlang.“

Musik bis in die Morgenstunden

Nach dem Regen folgten Auftritte von Ten ­Years After, The Band und Johnny Winter. Als Blood, Sweat & Tears die Bühne betraten, war es bereits 1.30 Uhr. Durch den verspäteten Start und den immer wieder einsetzenden Regen, der für Zwangspausen sorgte, endeten die Konzerte nicht planmäßig am Sonntag, sondern gingen bis in den Montagmorgen hinein. Crosby, Stills, Nash & Young spielten um vier Uhr, die Paul Butterfield Blues Band eine Stunde später, Sha Na Na starteten um 6.30 Uhr.

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Jimi Hendrix trat als Letzter auf. Es war bereits Montagmorgen, sehr viele Leute hatten das Festivalgelände bereits verlassen. Nur etwa 30 000 bis 60 000 Menschen waren noch da, schätzen die Festivalmacher. Aber Hendrix’ Manager hatte darauf bestanden, dass er als Letzter auftritt. Hendrix legte trotz der schwindenden Menge einen beeindruckenden Auftritt hin, zu dessen Highlight seine Version der amerikanischen Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ gehörte, die noch einmal die politische Botschaft des Festivals in den Mittelpunkt rückte. Zwei Stunden später schallte der letzte Gitarrenakkord über die Wiese von Max Yasgur. Dann war Schluss.

Nicht ohne Yoko Ono

Joni Mitchell sagte ihre Teilnahme am Festival aus Angst, einen Folgetermin zu verpassen, ab. Hinterher sagte sie, dass sie sich wie ein enttäuschter Teenager fühlte, der nicht hingehen durfte. The Doors sagten ab, weil Sänger Jim Morrison Angst vor einem Anschlag hatte. Die Jeff Beck Group, zu der Rod Stewart gehörte, ebenso wie der spätere Stones-Gitarrist Ronnie Wood, trennte sich vor dem Festival. Led Zeppelin, Moody Blues, Procol Harum und einige andere lehnten einen Auftritt auch ab. Iron Butterfly wollten mit dem Hubschrauber aus New York abgeholt werden und durften wegen dieser dreisten Forderung gar nicht mehr spielen.

Jimi Hendrix war am frühen Montagmorgen – dem vierten Festivaltag – als Letzter dran. Seine in Woodstock präsentierte Version der amerikanischen Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ ging anschließend um die Welt. Wie Janis Joplin starb Hendrix nur rund ein Jahr nach Woodstock.

Jimi Hendrix war am frühen Montagmorgen – dem vierten Festivaltag – als Letzter dran. Seine in Woodstock präsentierte Version der amerikanischen Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ ging anschließend um die Welt. Wie Janis Joplin starb Hendrix nur rund ein Jahr nach Woodstock.

Foto: HENRY DILTZ

Viele Fans hofften auf einen Überraschungsauftritt von Bob Dylan. Der hielt aber nicht viel von dem ganzen Spektakel, wie er hinterher immer wieder in Interviews betonte: „Woodstock – damit wollte ich nichts zu tun haben. (...) Das haute mich nicht vom Hocker. Die Generation der Blumenkinder – war sie das? Ich hatte damit nichts am Hut. Für mich waren das nur eine Menge Kinder mit Blumen im Haar, die jede Menge Acid schluckten. Was soll man denn davon schon halten?“

Außerdem gab es Gerüchte, dass die Beatles für einen Auftritt angefragt wurden. John Lennon soll allerdings die Bedingung gestellt haben, dass er nur auftrete, wenn auch die Band von Yoko Ono spielen dürfe. Das lehnten die Veranstalter ab.

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Vier Monate nach Woodstock: Das Altamont-Festival

Gab Woodstock der jungen amerikanischen Gegenkultur das Gefühl, dass alles möglich sei, machte nur vier Monate später das Altamont-Festival im Norden Kaliforniens die Träume vieler Menschen zunichte. Die Rolling Stones selbst galten als Starband, ihr Management war Organisator des eintägigen Festivals, vieles lief allerdings schief, begonnen bei fehlenden Toiletten und ­Sanitätszelten. Das größte Problem war aber ein anderes: Die Stones hatten Mitglieder des Rockerclubs Hell’s Angels als Sicherheitspersonal angeheuert. Der Alkohol floss, sowohl die Menge als auch die Hell’s Angels wurden unruhiger. ­Letztere setzten sogar Billardstöcke ein, um das Publikum unter Kontrolle zu halten. Die Situation eskalierte vollends, als der 18-jährige Afro­­amerikaner Meredith Hunter von Alan Passaro, einem Hell’s-Angels-Mitglied, ermordet wurde, nachdem der unter Drogeneinfluss stehende Jugendliche eine Schusswaffe gezogen hatte. Passaro wurde wegen Mordes angeklagt, später aber freigesprochen, da die Tat als Notwehr eingestuft wurde. Drei weitere Festivalbesucher kamen ums Leben. Das Festival galt später als Ende der Woodstock-Nation. Als Ende der von Liebe und Frieden geprägten Hippie-Ära.

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Woodstock II und III

1994, 25 Jahre nach Woodstock, organisierten Woodstock Ventures das erste offizielle Jubiläumskonzert. Es fand in Saugerties, etwa 16 Kilometer von Woodstock entfernt, statt – einer Location, die bereits für das erste Festival im Gespräch war. Es traten viele Künstler von 1969 auf, dieses Mal machte auch Bob Dylan mit. Hinzu kamen aktuelle Bands, darunter Metallica oder die Red Hot Chili Peppers. 250 000 bis 300 000 Besucher nahmen teil und es regnete. Die Presse gab dem Festival den Namen „Mudstock“.

Woodstock III, 1999 in Rome, New York, lockte erneut mehr als 200 000 Zuschauer an, allerdings ging dieses Mal vieles schief. Die musikalische Bandbreite reichte von Rap über Pop, Rock und mehr bis hin zu Heavy-Metal. Es kam zu Handgreiflichkeiten und es wurden sogar Vergewaltigungen gemeldet. Gangs setzten Verkaufsstände in Brand und tanzten um die Flammen. Von Liebe und Frieden war nicht mehr viel übrig.

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