Fahrbericht: VW ID 4 Auf leisen Sohlen

Was lange währte, ist ziemlich gut gelungen: Volkswagens ID 4 ist fertig. Mit dem kompakten, vollelektrischen SUV kommt der zweite Vertreter der ID-Serie in den Handel. Der Fahrbericht.
30.01.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Heinrich Rohne

Mit dem E-Golf und dem E-Up ging das Stromern in Wolfsburg langsam los. Vor zwei Jahren machte Volkswagen dann ernst: Ohne all die Tücken der Technik auf dem Schirm zu haben, schlug der Autobauer den radikalen Kurs Richtung Elektromobilität ein. Endlos lang bastelte man am ID 3, der nach ­Anlaufschwierigkeiten erst seit Kurzem verfügbar ist. Nun aber geht es schnell. Der ID 4 ist fertig, bestellbar ist das SUV bereits.

Volkswagen ­hat ­seine Reise nach Strom ­bekanntlich von ziemlich langer Hand geplant, der Fahrplan für die nächsten Jahre steht umso verbindlicher: Der ID Buzz führt den legendären Bulli in die Neuzeit, der ID Roomzz den Familienvan, der ID Space ­Vizzion den Kombi. Vielleicht ein wenig aufgesetzt futuristisch, aber hat was. Zukunfts­musik ist das ZZ-Trio, zweifelsohne. Also zurück ins Jetzt. Was folgt auf drei? Logisch, nach Adam Riese eindeutig: erst einmal die Vier.

Beim Test in und um ­Wolfsburg fährt der VW ID 4 offenkundig bereits deutlich größer vor als der erste Vertreter der Serie. ­Während der Dreier im Ausmaß des Golfs eher in Europa punktet, dürfte sich das ­kompakte SUV zu einem weltweiten Erfolg entwickeln. Denn das Segment boomt nun wirklich allerorts, ein alter Hut.

Auch wenn die ­Presseabteilung die Journalistenschar ins Nieder­sächsische geladen hat, trügt der Eindruck. Denn der ID 4 rollt keineswegs hier vom Band. Diese Modelle stammen aus Ober­sachsen, gebaut im südwestlichen Oberzentrum Zwickau.

Die Proportionen? Durchweg stimmig

Starten wir diesmal mit dem Preis: Das Basismodell des ID 4, Handelsname Pure, gibt es ab 36.950 Euro. Abzüglich der Förderprämie für Elektroautos bekommt man den 4,58 Meter langen Fünfsitzer also für knapp 28.000 Euro.

Die Proportionen stimmen durchweg. Schließlich bietet der Neue deutlich mehr Platz als der ID 3 – und das wohlgemerkt bei identischem Radstand von 2,77 Metern. Sogar der längere Tiguan Allspace kann sich vor allem von der Beinfreiheit im Fond eine Scheibe abschneiden. Klar, in Sachen Ladevolumen hat der Tiguan – diese vor allem bei Großfamilien beliebte Kutsche – weiterhin die Nase vorn: Der Allspace bringt es auf bis zu 1920 Liter, der ID 4 gleichwohl auf beachtliche 1575 Liter.

Im direkten Vergleich zum kleinen Bruder ID 3 punktet der ID 4 durch eine edlere Materialauswahl im Innenraum. Mit neuen Softtouch-­Oberflächen und reichlich Zierrat hat VW kräftig nachgelegt.

Der Klassenunterschied ist allemal spürbar. Was den optischen Gesamteindruck angeht, sind die Designer – wenig ­überraschend – abermals zurückhaltend unterwegs. Auch ihnen ist bewusst, dass dieses Auto vor allem auf den Massenmarkt ausgelegt ist und sie viele ihrer Kunden erst einmal aus der alten Welt abholen müssen.

Head-up-Display? Fast Science-Fiction

Das digitalisierte Interieur mit dem kleinen Bildschirm hinter dem ­Lenkrad, der große Touchscreen daneben und der Gangknubbel dazwischen: Das mag für manch Kunden bereits zu viel der automobilen Neuzeit sein. So oder so, den einen oder anderen Drehknopf anstelle all der Slider hätte man sich wirklich gewünscht.

Richtig stark und vor allem nahezu Science-Fiction ist hingegen das aufpreispflichtige Augmented-­Reality-Head-up-Display (AR-HUD). Sperriger Name, aber ausgewählte Anzeigen mit der Realität fusionieren – diese Herausforderung hat VW mit Bravour gemeistert.

Aufgeteilt in zwei Bereiche, projiziert das AR-HUD wichtige Infos auf die Wind­schutzscheibe. Unten im Sichtfeld liegt ein flaches Band, das neben der Geschwindigkeit die Verkehrszeichen und ­kleine Navigations­symbole anzeigt. Darüber hinaus gibt es Rückmeldung zum Status der Assistenz­systeme.

Während all diese Symbole gefühlt rund drei Meter vor dem Fahrer schweben, gibt es einen zweiten, größeren Bereich, der etwa zehn Meter vor dem Auto auftaucht – und aus Fahrerperspektive auf dem Asphalt liegt: Die scharf konturierten Abbiegepfeile, die Start- und Zielpunkte der Navigation sowie detailliertere Infos zu den Assistenzsystemen lassen sich buchstäblich sehen. Besonderer Clou: Während die Anzeigen im unteren Streifen stets an gleicher Stelle platziert sind, ­fliegen die oberen Abbiegepfeile auf einen zu, sobald man sich den dazugehörigen Wegpunkten nähert.

Sprachsteuerung? Mit Lichtstreif

Ein weiteres Gimmick zieht mit dem ID Light ein. Das Lichtband am unteren Rand der Windschutzscheibe unterstützt den Fahrer in vielfältiger Weise: Beim Ent- und ­Verriegeln des ­Wagens strömen rote ­Lichtpunkte Richtung Mitte. Sobald ein Spurwechsel ansteht, blinkt es blau, während ein roter Lichtstreif daran erinnert, das Bremspedal zu betätigen. Darüber hinaus illustriert das ID Light die Sprachbefehle beziehungsweise die Wellenformen der Stimmen. Das alles sieht nicht nur prima aus, es funktioniert auch.

Lesen Sie auch

Kommen wir aber zu den harten Fakten, zum ­Fahrverhalten. Dieses unterscheidet sich letztlich kaum von einem konventio­nellen SUV. Klar, der ID 4 wiegt mit seinen Akkus im Unterboden deutlich mehr als etwa der Tiguan. Doch der tiefe Schwerpunkt mit einer nahezu idealen Gewichtsverteilung auf der Achse (50:50) beschert ein leichtes wie angenehmes Handling. Bestens dazu passt der spontane Zug des E-Motors: mit 148 und 170 PS in den ­Einstiegsmodellen Pure und City, mit 204 PS in allen anderen Modellen.

Topmotorisiert ­beschleunigt der ID 4 innerhalb von 8,5 Sekunden von null auf Tempo 100. Und was ihm in Kurven an Elan fehlen mag, das machen die Progressivlenkung und das adaptive Fahrwerk locker wett. Agil? Ja, das ist dieser VW.

Entspannt durch die Stadt oder ein bisschen engagierter auf der Landpartie: Wie der Tiguan kann auch der ID 4 beides. Der Wendekreis von 10,2 ­Metern genügt vollkommen. Bei höheren Geschwindigkeiten dringen kaum Windgeräusche durch. Kurzum, auf leisen Sohlen segelt er dahin. Allradantrieb ist für den Hecktriebler zwar nicht einmal gegen Aufpreis erhältlich. Mit 21 Zentimetern ­Bodenfreiheit sollte er aber auch in leichtem Gelände taugen.

Gewohnheitssache? Ja, für alle

Umstellen ­müssen sich bei diesem Fahrzeug ohnehin alle – das gilt für die E-Neulinge wie für versierte E-Fahrer. Der Grund: ein recht ungewöhnliches Rekupe­rationsverhalten. Der ID 4 hält sich diesbezüglich deutlich zurück. Geht man vom Gas, bremst er keineswegs so stark wie andere Stromer. Er saugt sich nicht so schön an die Ampel, lässt sich nicht so bequem mit einem Pedal fahren – und muss so auch in Sachen Energieausbeute Abstriche machen.

Nichtsdestotrotz bleibt die Reichweite auf ­alltagstauglichem Niveau. Schließlich stecken im Fahrzeugbauch zwei recht große Batterien: Das Einstiegsmodell fährt mit 52 kWh vor und schafft eine Reichweite von 348 Kilometern (nach WLTP-Norm). Wer ein paar Scheine drauflegt, kommt mit den 77 kWh knapp 520 Kilometer weit.

Die Modelle mit der großen Batterie laden bei Wechselstrom mit einer Leistung von 11 kW, die kleinen mit 7,2 kW. Zudem bringen alle Versionen den sogenannten CCS-­Anschluss für das schnelle ­Auftanken per Gleichstrom mit. Die 55-kWh-Modelle ziehen damit 50 kW (optional: 100 kW), die anderen bis zu 125 kW. In etwa 30 Minuten ist damit genug Saft für die nächsten 320 Kilometer an Bord. So kann das fröhliche Stromern nach einer kurzen Pause in der Autobahnraststätte auch schon weitergehen.

Weitere Informationen

Technische Daten

Modell: VW ID 4 (Basis und Top im Vergleich)
Motor: 1-stufiger E-Motor
Leistung: 109 kW / 148 PS; 150kW / 204 PS
Drehmoment: 310 Nm; 310 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h; 160 km/h
Beschleunigung (0–100 km/h): 10,9 s ; 8,5 s
Verbrauch (ø nach WLTP): 19,2 kWh; 18,9 kWh
CO2-Ausstoß (nach WLTP): 0 g/km; 0 g/km
Batteriekapazität: 52 kWh; 77 kWh
Reichweite (nach WLTP): 348 km; 522 km
Kofferraumvolumen: 543 l; 543 l
Basispreis: 36.950 €; 43.329 €

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+