Fahrbericht: Volvo S60 B4 Mildhybrid

Klassik für Fortgeschrittene

Bei all den SUV, Crossover und Kombis, die ja schwer gefragt sind, hat es die klassische Limousine nicht leicht. Also auch nicht der Volvo S60. Dabei ist der als Mildhybrid eine ziemlich nordisch-coole Nummer.
27.03.2021, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Klassik für Fortgeschrittene
Von Oliver Matiszick
Klassik für Fortgeschrittene
Tom Wesse

Als Limousine der Mittelklasse steht der Volvo S60 für Tradition. Doch das sagt sich so leicht dahin ‒ schließlich sind die Schweden längst in eine Zukunft aufgebrochen, die so viel moderner, besser und vollelektrisch sein soll. Auf dem Weg dorthin stellt der mildhybridisierte Benziner namens B4 einen Zwischenschritt dar, mit dem sich sehr gut leben lässt. Denn es gilt: Das Auge fährt mit.

Dass sich die Zeiten im Automobilbau ändern, steht außer Frage. Für ­diese Erkenntnis brauchte es jüngst nicht mal mehr die Nachricht, dass Mercedes bei der neuen C-Klasse künftig darauf verzichtet, den marken­typischen Stern vorne auf die Haube zu schrauben. Wer glaubt, dass ­diese skandalwürdige Entscheidung bereits ein hohes Maß an Toleranz der kaufwilligen Kundschaft bedingt – der sollte, erstens den Blick auf Volvo richten und, zweitens dann lieber schweigen. Denn seit der Übernahme des urschwedischen Autobauers durch den chinesischen Geely-­Konzern im Jahr 2010 ist am Stammsitz Göteborg nur noch wenig so, wie es einmal war.

Es war zuvor: die Konservierung eines Rufs, der weniger von blindem Fortschrittsglauben, mehr aber von robuster Technik und kantigem Design geprägt war. Es ist seither: der Aufbruch in neue Zeiten, ohne aber die alten zu verraten. All das manifestiert sich in einem an sich so traditionellen Fahrzeugkonzept wie dem des S60.

Auf 4,76 Metern Länge versammelt der S60 vier Türen und ein Stufenheck plus Kofferraumdeckel. Ja, das ist sehr klassisch - aber ganz gewiss kein Charakterfehler.

Auf 4,76 Metern Länge versammelt der S60 vier Türen und ein Stufenheck plus Kofferraumdeckel. Ja, das ist sehr klassisch - aber ganz gewiss kein Charakterfehler.

Foto: Tom Wesse

Da steht er, klassisch wie eine Limousine von 4,76 Metern Länge nur sein kann: vier Türen, Stufenheck, Kofferraumdeckel. Das qualifiziert ihn für jene Liga, in der solche Typen wie Mercedes C-Klasse, BMW 3er oder Audi A4 unterwegs sind. Auf das Blech haben sie ihm (übrigens in den USA, dort wird er gebaut) für 900 Euro Aufpreis diesen auffälligen Metalliclack namens Fusion Red gesprüht – doch das geht letztlich als Ablenkungsmanöver durch, wenn man bedenkt, dass dieser S60 vor allem unter dem Blech all das verkörpert, was Volvo im Jahr 2021 ausmacht.

Vierzylinder-Benziner, Mildhybrid, abgeregelt - das ist Volvo 2021

Denn die jüngere Vergangenheit der Unternehmenspolitik liest sich so: Zunächst wurde verkündet, ausschließlich auf einen Vierzylinder mit 1969 Kubik zu setzen, unabhängig von Verbrennungsprinzip oder Leistungsstärke. Dann kam – mit Markteinführung des S60 im Jahr 2018 – das Aus des Dieselmotors. Da ab 2030 aber ohnehin die gesamte Modellpalette rein elektrisch unterwegs sein soll, werden die verbliebenen Verbrenner nun Schritt für Schritt elektrifiziert. Ach ja, und schneller als 180 km/h muss ohnehin kein Volvo mehr fahren, weshalb neuerdings ein elektronischer Riegel eingebaut wird. All das vereint der S60 B4: Vierzylinder-Benziner, Mildhybrid, abgeregelt.

Unter dem Strich ergibt das einen angenehmen Begleiter, dessen Grundpreis (im schnieken R-Design: 44.150 Euro) im gesunden Verhältnis zum Status steht, den der S60 transportiert. Volvo selbst betrachtet ihn als Sportlimousine – was man sicher machen kann, den Begriff Sport dann aber recht großzügig auslegen sollte. Denn vor allem ist diese Limousine: ein gelungenes Stück nordischen Designs. Die Proportionen sind ausgewogenen, die Linien ausgeprägt und stimmig, aber nicht aggressiv.

Detailverliebtes Design: Wo endet die Rückleuchtengrafik, wo beginnt der Kofferraumausschnitt?

Detailverliebtes Design: Wo endet die Rückleuchtengrafik, wo beginnt der Kofferraumausschnitt?

Foto: Tom Wesse

Der S60 ist keiner, der einem auf den ersten Blick den Kopf verdreht. Nein, er wird umso interessanter, je länger und ausgiebiger man sich mit ihm auseinandersetzt und dabei immer mehr Details wie die Grafik der Rückleuchten im Zusammenspiel mit dem Schnitt des Kofferraumdeckels ausmacht. Man könnte auch sagen: Der S60 ist optisch nachhaltig.

Immer die beste Empfehlung: der Comfort-Modus

Vor allem aber soll er, da war was, fahren. Das macht der B4 sehr souverän, zumindest im Comfort-Modus, der die Grundeinstellung der drei verfügbaren Fahrmodi bildet. Der Benziner legt, unterstützt von zehn kW Elektroboost, mit seinen 145 kW/197 PS gut los und schiebt ordentlich an. Das Laufgeräusch des Vierzylinders unter Last widerlegt alle Vorurteile, die im Zusammenhang mit der Ein-Motoren-Politik der China-­Schweden aufgekommen sein mögen. Der Unterton ist dabei knurrend, was durchaus vertrauensbildend wirkt; im Teillastbetrieb herrscht angenehme Zurückhaltung. Ein Gentleman.

Nur: Wirklich sparsam ist diese mildhybridisierte Variante nicht. Daran ändert der technische Aufwand, der bei der hintergründigen Teilelektrifizierung per riemengetriebenem Startergenerator, Lithium-Ionen-­Batterie, Zylinderabschaltung und Achtgangautomatik getrieben wurde, wenig. Für die Stadt weist die Werksangabe 10,2 Liter/100 km aus – und dem lässt sich nicht widersprechen. Wir kamen in zwei Wochen Testbetrieb, coronabedingt vor allem im näheren Umfeld mit vielen Start-Stopp-Phasen unterwegs, auf 10,6 Liter im Durchschnitt. Dass es im Mischbetrieb mit verbrauchsgünstigen Überlandanteilen nur 6,8 Liter pro 100 Kilometer sein sollen, nehmen wir aber als durchaus glaubhaft hin.

Damit hat man den Dreh raus: Per Walze aus Vollmetall lassen sich die Fahrmodi anwählen.

Damit hat man den Dreh raus: Per Walze aus Vollmetall lassen sich die Fahrmodi anwählen.

Foto: Tom Wesse

So wie sich auch nur sinnieren lässt, wie schnell dieser Volvo wohl könnte, wenn er denn dürfte. Denn er darf ja nicht mehr. Vor einem Jahr hat Volvo die Selbstbeschränkung auf 180 km/h Spitze für alle Modelle ausgerufen – und entsprechend war auch beim Testwagen bei freier Autobahn nicht mehr zu wollen. Ob das sinnig oder übergriffig ist, mag jeder für sich entscheiden.

Woran es nichts zu rütteln gibt: An der Achtsamkeit, mit der der S60 unterwegs ist. Denn das Rundum-Sorglos-Paket der Assistenz im Dienste der Sicherheit ist immer dabei: Der Volvo passt auf den seitlichen Verkehr auf, hält selbstständig die Spur und bremst die Fuhre bei Gefahr eigenständig, notfalls auch hart ein.

Dass der S60 sich dabei dem Anspruch sportlich angehauchter Limousinen vom Schlage eines BMW 3er verpflichtet fühlt: kein Zweifel. Man sitzt vorne wie hinten sehr tief, aber durchaus luftiger als bei der Konkurrenz.

Schöner Sitzen auf Schwedisch: Wer beim S60 die Variante R-Design wählt, hat dann auch die Sportsitze an Bord. Eine Empfehlung? Absolut!

Schöner Sitzen auf Schwedisch: Wer beim S60 die Variante R-Design wählt, hat dann auch die Sportsitze an Bord. Eine Empfehlung? Absolut!

Foto: Tom Wesse

Die Geborgenheit, die der Innenraum bietet, ist nicht durch die zwangsläufige Nähe der Insassen, sondern ihren gemeinsamen Freiraum gekennzeichnet. Abstriche gibt es dafür beim Kofferraum: Etwas mehr als 400 Liter Volumen bietet er, die aber liegen vor allem flach und tief. Die Nutzbarkeit sichert eine Durchreiche hinter der Mittelarmlehne, die Lehnen lassen sich per Knopfdruck getrennt umlegen.

Was der S60 dabei gut macht: Er bietet den Passagieren auf der Rückbank unterwegs durchaus Verwöhnaroma. War sein Kombibruder V60 in unserem Test einst noch dadurch aufgefallen, dass aus Reihe zwei Beschwerden über die hoppelnde Hinterachse laut wurden, meistert die Limousine diese Disziplin geschmeidiger. Allerdings nur, solange die metallene Walze zur Anwahl des Fahrmodus in der Mittelkonsole – haptisch nach wie vor ein Hochgenuss – nicht auf „Sport“ gestellt wird. Dann nämlich verbreitet auch der S60 unnötige Hektik und opfert die Harmonie, mit der er ansonsten auch über fiese Schwellen zum Zwecke der Verkehrsberuhigung bügelt.

Wischen, scrollen, tippen: Das Bediensystem erfordert Gewöhnung

Was ihn – egal, bei welchem elektronisch vorbestimmten Charakter – immer begleitet: die etwas spitzige Lenkung. Sie setzt die Befehle des Fahrers zuweilen so diensteifrig um, dass eilig nachjustiert werden muss.

Das gilt zum Teil auch für die Bedienung aller Fahrzeugfunktionen über den großen Zentralmonitor nach Art eines hochkant platzierten Tablets, das sich in der Mittelkonsole stimmig ins hochwertige Ambiente fügt. Das alles ist todschick, erfordert aber etwas Gewöhnung.

Das Lenkrad steuert Fahrtrichtung, die Monitore alles andere: Ohne den zentralen Touchscreen nach Art eines Tablets geht bei und im Volvo nichts mehr.

Das Lenkrad steuert Fahrtrichtung, die Monitore alles andere: Ohne den zentralen Touchscreen nach Art eines Tablets geht bei und im Volvo nichts mehr.

Foto: Tom Wesse

Natürlich ließen sich grundlegende Funktionen wie die Sitzheizung einfacher über eine entsprechende, auch dinglich vorhandene Taste bedienen – doch hey, wir sind nicht mehr in einem Volvo 240 aus den 1980ern unterwegs. Sie ändern sich eben, die Zeiten.

Und für die Reise in die Zukunft ist ein S60 nicht die schlechteste Wahl. Eine Limousine, die heute an morgen denkt, ohne ihr Gestern zu verraten. Das kann man so machen.

Weitere Informationen

Volvo S60 B4 Mildhybrid

Motor: R4-Benziner

Hubraum: 1969 ccm

Leistung: 145 kW/197 PS

Drehmoment: 300 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h (abgeregelt)

Beschleunigung (0–100km/h): 7,9 s

Verbrauch (ø nach WLTP): 6,8 l/100 km

CO2-Ausstoß (nach WLTP): 152 g/km

Abgasnorm: Euro 6d

Kofferraumvolumen: 427 Liter

Testwagenpreis: 58.136 Euro

Basispreis (R-Design): 44.150 Euro

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