Wenn die Forschung in den Hintergrund rückt

Vom Kampf ums Klima

Viele sehen in der Eindämmung der Erwärmung die wichtigste Gegenwartsaufgabe. Andere halten die Sorgen für übertrieben. Aus dem Blick gerät oft, dass das Klima ein äußerst komplexes Forschungsthema ist.
29.11.2019, 12:51
Lesedauer: 7 Min
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Vom Kampf ums Klima
Von Jürgen Wendler
Vom Kampf ums Klima

Beim Thema Klima richtet sich der Blick nicht zuletzt auf die Eisberge. Schmelzendes Eis gilt als Zeichen des Wandels.

Thomas Wasilewski

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Wer gesagt bekäme, dass dieser Satz in einer aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichung zu finden sei, würde sich vermutlich kaum wundern. Tatsächlich stammt er aus der berühmten Studie „Die Grenzen des Wachstums“, die eine Gruppe von Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) 1972 auf Initiative des Club of Rome, eines Zusammenschlusses von Fachleuten verschiedener Disziplinen, vorgelegt hat. Die Wissenschaftler hatten am Computer simuliert, wie sich verschiedene Faktoren gegenseitig beeinflussen. Ihr Fazit: Nur über die Beschränkung des Bevölkerungswachstums und des Kapitalzuwachses beziehungsweise der Industrialisierung lasse sich erreichen, dass das System Erde im Gleichgewicht bleibe.

Der Klimawandel war in der Studie kein Thema, erhält zurzeit aber wesentlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit als die damals genannten und nach wie vor aktuellen Zusammenhänge. Alarmierende Ausdrücke wie Klimanotstand, Klimakrise, Klimakollaps oder Klimakatastrophe, die in Medienberichten allgegenwärtig sind, zeugen davon, dass er von vielen als Schicksalsfrage der Menschheit wahrgenommen wird. Bereits am Begriff Klimaschutz lässt sich jedoch ablesen, dass populäre Ausdrücke durchaus die Gefahr bergen können, den Blick auf die Wirklichkeit zu verstellen. Mit dem Wort Klima verbinden Fachleute die Wettererscheinungen, die den mittleren Zustand der Atmosphäre in einem bestimmten Gebiet kennzeichnen. Beschrieben wird dieser Zustand auf der Grundlage von statistischen Größen für einen Zeitraum von 30 Jahren. „Wie aber kann eine statistische Größe geschützt werden?“, heißt es in einem Buch mit dem Titel „Klima“, das 2010 unter anderem von der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren herausgegeben wurde. Die Erde, so erklärten die Autoren, sei nicht statisch, sondern unterliege einem ständigen Wandel, der Menschen schon immer dazu gezwungen habe, sich anzupassen.

Gegenseitige Vorwürfe

In seinen im Internet veröffentlichten Beiträgen zur Debatte um den Klimawandel beklagt der Ökologe Harald Kehl von der Technischen Universität Berlin, dass der Blick für die Vielschichtigkeit des Themas verloren zu gehen drohe und der Eindruck entstehe, dass es inzwischen nicht mehr um ergebnisoffene Forschung gehe. Stattdessen werde in vielen Beiträgen die Vorstellung einer menschengemachten Klimakatastrophe als unumstößliche Wahrheit vermittelt. Dass es derzeit nicht zuletzt um die Deutungshoheit in klimapolitischen Debatten geht, lässt sich auch an häufig zu hörenden Fragen ablesen. Sind nicht jene, die die These vom menschengemachten Klimawandel bestreiten, lediglich Handlanger der Erdöl- und Erdgasindustrie? Oder: Werden nicht all die Forscher, die den menschlichen Einfluss auf das Klima betonen und vor weitreichenden Folgen warnen, politisch instrumentalisiert, um neue Geschäftsfelder und wirtschaftliche Wachstumsmöglichkeiten zu schaffen? Harte Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Sichtweisen gibt es nach wie vor, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben.

„11 000 Forscher warnen vor Klimanotfall“, titelte die „Tagesschau“ Anfang November auf ihrer Internetseite. Ähnlich klang es bei vielen anderen Medien, die von dem im Fachjournal „BioScience“ veröffentlichten Text berichteten. In der Folgezeit beschäftigte manche der an der Klimadiskussion interessierten Menschen allerdings weniger dessen Inhalt als vielmehr das, was beispielsweise die „Washington Times“ zur Liste der Unterstützer erklärte. Danach waren darunter neben Wissenschaftlern auch Vertreter anderer Berufsgruppen, und nicht nur das: Auch fiktive Personen wie der Schulleiter Dumbledore aus den Harry-Potter-Romanen sollen zunächst in der später bereinigten Liste zu finden gewesen sein. Die Oregon State University hatte Wissenschaftler eingeladen, den Beitrag per Knopfdruck auf ihrer Internetseite zu unterzeichnen.

Dass – warum auch immer – einige fiktive Personen auf die Liste der Unterstützer gelangt waren, nahmen manche zum Anlass, die Seriosität des gesamten Beitrags in Zweifel zu ziehen. Der allerdings stellt im Wesentlichen nur bekannte Fakten in einen Zusammenhang. So weisen die Autoren, eine internationale Forschergruppe um William J. Ripple von der Oregon State University, zum Beispiel auf den weiterhin steigenden Ausstoß an Treibhausgasen, den hohen Fleischkonsum und Verbrauch an fossilen Energieträgern hin. Den Klimawandel und seine Folgen nimmt die Gruppe zum Anlass, um eine ähnliche Botschaft zu vermitteln, wie sie schon vor fast einem halben Jahrhundert der Club of Rome verkündet hatte: Wer Nachhaltigkeit wolle, müsse die durch das wirtschaftliche Wachstum bedingte übermäßige Ausbeutung von Ökosystemen stoppen und das Bevölkerungswachstum eindämmen.

Was Wissenschaft auszeichnet

Wissenschaft heißt, Phänomenen auf den Grund gehen, die Wahrheit suchen zu wollen. Ein grundsätzliches Problem besteht für Wissenschaftler jedoch darin, dass sie bei ihren Bemühungen, sich ein Bild von der komplexen Wirklichkeit zu machen, immer nur auf eine mehr oder weniger große Menge an Daten zurückgreifen können. Was dies bedeutet, zeigt sich nicht zuletzt bei den Klimamodellen, das heißt den Versuchen, das Klima und seine Entwicklung am Computer nachzubilden. Weil sich die Ausgangslage grundsätzlich nicht vollkommen genau abbilden lässt, können die Modelle immer nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angeben, wie sich das Klima entwickeln wird. Endgültige Gewissheiten sind unmöglich. Zur Wissenschaft gehört deshalb auch, skeptisch zu bleiben. Der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell (1872 bis 1970) hat es so ausgedrückt: „Wenn alle Experten sich einig sind, ist Vorsicht geboten.“

Dies ändert allerdings nichts daran, dass Fachleute zu dem Schluss gelangen können, dass eine bestimmte Sichtweise mit großer Wahrscheinlichkeit die richtige sei. Zu einem solchen Schluss ist die große Mehrheit der Klimaforscher mit Blick auf die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur der Luft in Bodennähe um etwa ein Grad Celsius gelangt. Die Forscher bringen sie mit den Treibhausgasen in Verbindung, die aufgrund menschlicher Aktivitäten freigesetzt werden – vor allem mit dem Kohlendioxid, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Erdöl oder Kohle gebildet wird. Der Kohlendioxidanteil der Luft liegt heute bei etwa 0,04 Prozent. Aus den Analysen von Luft, die in altem Eis aus den Polargebieten eingeschlossen war, haben Forscher den Schluss gezogen, dass der Kohlendioxidanteil während der vergangenen 800.000 Jahre niemals auch nur annähernd so hoch war wie zurzeit. Unmittelbar vor Beginn der Industriellen Revolution vor etwa zwei Jahrhunderten hatte er demnach bei etwa 0,028 Prozent gelegen.

Ohne Widerspruch ist allerdings auch die These von der maßgeblichen Rolle des Kohlendioxids nicht geblieben. So erklärte beispielsweise eine Gruppe von 500 Wissenschaftlern und anderen Experten kürzlich in einem Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, dass der Effekt von Treibhausgasen wie Kohlendioxid in Klimamodellen übertrieben werde. Grundsätzlich sei der Mensch immer noch weit davon entfernt, den Klimawandel zu verstehen. Auch wenn die Autoren und Gleichgesinnte in der Minderheit sind – dass es sich beim Klima um ein komplexes, nicht leicht zu verstehendes System handelt, gilt als unstrittig.

Viele Gründe für Veränderungen

Mögliche Ursachen dafür, dass sich das Klima in großen Zeiträumen verändert, gibt es nach heutigem Kenntnisstand eine ganze Reihe. Ein wichtiger Faktor ist die Lage der Landmassen, die sich wegen der Verschiebung der Erdplatten, aus denen der äußere Teil des Planeten aufgebaut ist, immer wieder verändert hat. So verband zum Beispiel noch vor etwa 50 Millionen Jahren eine Landbrücke Australien und die Antarktis. Nachdem diese verschwunden war, entstand der Antarktische Zirkumpolarstrom, eine kalte Meeresströmung. Sie hat die Antarktis isoliert, sodass sich der Kontinent immer weiter abkühlte. Mit der Verschiebung der Erdplatten hängt auch der Vulkanismus zusammen. Bei Vulkanausbrüchen werden Asche und Gase in die Atmosphäre befördert, die das Klima verändern können. Gleiches gilt für Schwankungen der Sonneneinstrahlung, das heißt der Energiemenge, die in die unterschiedlichen Bereiche des Planeten gelangt. Solche Schwankungen hängen unter anderem damit zusammen, dass sich die elliptische Bahn der Erde bei ihrem Umlauf um die Sonne unter dem Einfluss anderer Planeten leicht verändert; sie weicht mal mehr, mal weniger von der Kreisform ab.

Die Vehemenz, mit der sich zahlreiche Klimaforscher für eine drastische Verringerung des Treibhausgasausstoßes stark machen, liegt nicht zuletzt in den weitreichenden Folgen einer starken Temperaturerhöhung begründet. So erwärmt sich neben der Luft auch das Meerwasser, mit der Folge, dass es sich ausdehnt. Dies führt zusammen mit dem Schmelzen von Gletschereis dazu, dass sich der Meeresspiegel erhöht. Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) hält bei einem ungebremsten Treibhausgasausstoß selbst einen Anstieg von gut einem Meter bis zum Jahr 2100 für möglich. Dies hieße, dass Millionen Menschen ihre Heimat verlieren würden. Zunehmende Hitze und Wassermangel in bestimmten Regionen könnten den gleichen Effekt haben.

Zu den Wissenschaftlern, die dem Menschen zwar eine entscheidende Rolle beim gegenwärtig beobachteten Klimawandel beimessen, der öffentlichen Diskussion aber falsche Akzente bescheinigen, gehört Hans von Storch, Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg. So spricht er von der Tendenz, zu überzeichnen, also zum Beispiel jeden Sturm sofort dem Klimawandel zuzuschreiben. Sich allein auf den Klimawandel zu konzentrieren sei kein vernünftiger Ansatz, denn die Menschheit habe viele Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen müsse. In einem aktuellen Interview nennt der Wissenschaftler als Beispiele die Armut, die Luftverschmutzung und den Plastikmüll im Meer. Schon vor zehn Jahren hatte von Storch in diesem Zusammenhang auch auf das Bevölkerungswachstum und den Ressourcenverbrauch verwiesen. Damals erklärte er, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit der Erde, ihren Ökosystemen und Menschen viel mehr bedeute als Klimamanagement.

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