ARD-Trilogie über den NSU

Warnung für die Gegenwart

„Sieg Heil“ brüllende Jugendliche, brennende Flüchtlingsheime, applaudierende Anwohner. Das ARD-Projekt "Mitten in Deutschland: NSU" versucht, sich den Beweggründen der NSU-Terroristen anzunähern.
29.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Wiebke Ramm
Warnung für die Gegenwart

Uwe Mundlos (Albrecht Schuch, v.l.n.r.), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) in einer Szene des ersten von drei Spielfilmen des ARD-Projekts «Mitten in Deutschland: NSU».

Stephan Rabold/SWR/dpa

„Sieg Heil“ brüllende Jugendliche, brennende Flüchtlingsheime, applaudierende Anwohner. Das ARD-Projekt "Mitten in Deutschland: NSU" versucht, sich den Beweggründen der NSU-Terroristen anzunähern.

Wie entsteht Rassismus? Was war das für eine Zeit, als sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt radikalisierten und ihr Hass sie mutmaßlich zu rassistischen Serienmördern werden ließ? Regisseur Christian Schwochow will sich mit seinem Film „Die Täter – Heute ist nicht alle Tag“, den die ARD an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt, einer Antwort annähern.

Es ist der erste Teil der ARD-Spielfilmtrilogie „Mitten in Deutschland: NSU“. „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ und „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“ folgen als Teil zwei und drei am 4. und 6. April. Die Filme seien „eines der aufwendigsten, auch eines der schwierigsten Fernsehfilmprojekte“, die die ARD in den vergangenen Jahren gezeigt habe, sagte Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn bei der Vorstellung des Projekts in Berlin. Der erste Teil zeigt Zschäpes Aufwachsen im thüringischen Jena. Zschäpe ist 14 Jahre alt, als die Mauer fällt, und sie ist gerade 23 Jahre alt geworden, als sie mit Mundlos und Böhnhardt in den Untergrund geht und laut Anklage die Neonaziterrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gründet.

Rekonstruktion der damaligen Zeit

Schwochows Film ist ein Wagnis. Das Oberlandesgericht München hat die Frage nach Zschäpes Taten und ihrer Schuld auch nach bald drei Jahren noch nicht beantwortet. So hat sie vor Gericht bestritten, davon gewusst zu haben, dass in ihrer Garage Sprengstoff und halbfertige Rohrbomben lagerten. Im Film weiß sie das sehr genau. Im Film ist Zschäpe, gespielt von Anna Maria Mühe, dabei, als Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) und Mundlos (Albrecht Schuch) in ihrer Garage mit Sprengstoff hantieren. Dies ist „reine Fiktion“, so ist es im umfangreichen Warnhinweis ganz am Anfang und ganz am Ende des Films zu lesen. Die Macher fürchten die Reaktion von Anwälten. Aus demselben Grund bekamen nur vereinzelnd Journalisten den Film vorab zu sehen. Keine einstweilige Verfügung sollte die Ausstrahlung verhindern.

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Historisch genau rekonstruiert der Film die damalige Zeit. Frisuren, Kleidung, ein von Naziparolen-brüllenden Jugendlichen überforderter Sozialarbeiter. Der Film zeigt, wie sich eine ziellose Zschäpe von der Kompromisslosigkeit und Ausstrahlung eines Mundlos angezogen fühlt. Ob es wirklich so war, ist ungewiss. Doch es könnte so gewesen sein.

Gesellschaftlicher Kontext

Während Helmut Kohl dem Osten „blühende Landschaften“ verspricht, ist die Realität eher trist, unsicher, perspektivlos. Was hilft das plötzliche Warenangebot im Supermarkt, wenn wegen weitverbreiteter Arbeitslosigkeit das Geld zum Kaufen fehlt? Zschäpes Mutter flüchtet sich im Film in den Alkohol, Zschäpe klaut und gibt zunehmend den Migranten die Schuld an ihrer Misere. Sie fühlt sich darin von der Politik bestärkt. „Wir müssen handeln gegen den Missbrauch des Asylrechts, der dazu geführt hat, dass wir einen unkontrollierten Zustrom in unser Land bekommen haben“, sagt in jener Zeit der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU). Mundlos sieht es im Fernsehen und ist entzückt: „Das könnten unsere Worte sein! Eins zu eins!“ Dies sind die starken Momente des Films.

Regisseur Schwochow zeigt den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt radikalisiert haben. Es waren die Neunziger Jahre, die Zeit, als es in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen unter dem Beifall Hunderter zu massiven Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und vietnamesische Arbeiter gekommen war. Die Anschläge waren begleitet von einer aggressiven Debatte in Politik und Medien. Wer über die Entstehung des NSU nachdenkt, muss den gesellschaftlichen Kontext mitdenken, das ist die Botschaft des Filmes, die zugleich als eine Warnung für die Gegenwart verstanden werden kann. In Zeiten, in denen wieder Flüchtlingsheime brennen und die AfD fulminante Wahlerfolge feiert.

Halt in der rechten Szene

Von Regisseur Schwochow und Autor Thomas Wendrich bekommt Zschäpe eine beste Freundin, Sandra (Nina Gummich). Sie klauen, trinken, hängen rum. Sandra verliebt sich in Beates Cousin, Stefan. Zschäpes Cousin Stefan gibt es auch in der Realität. Eine beste Freundin Sandra hat es in ihrem Leben allerdings nie gegeben. Im Film trennt sich Sandra von Stefan, als er sich eine Glatze rasiert. Beate stört sich hingegen nicht daran, dass Uwe Mundlos gegen Ausländer hetzt. Sandra wird den Weg ins bürgerliche Leben schaffen: Ausbildung, Mann, Kinder. Zschäpe schafft ihn nicht. Sie findet Halt in der rechten Szene, geht auf Neonazidemos, grölt Hetzlieder, schlägt eine junge Frau mit bunten Haaren zusammen.

Der Zuschauer sieht Zschäpe im Supermarkt, im Garten ihrer Oma, beim Flirten mit Böhnhardt. Er sieht, wie Zschäpe Mundlos küsst, vor ihm auf die Knie rutscht und die weißen Schnürsenkel seiner Springerstiefel öffnet. Szenen, von denen man nicht weiß, ob man sie wirklich sehen will.

Der Film endet am 9. September 2000 am Blumenstand von Enver Simsek, dem ersten Opfer des NSU. Es ist zugleich die Brücke zum zweiten und stärksten Teil der Trilogie, basierend auf dem Buch „Schmerzliche Heimat“ von Simseks Tochter Semiya, den die ARD am 4. April zeigt.

Der Dokumentarfilm „Der NSU-Komplex – Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd“ (am 6. April ab 21.45 Uhr) soll die drei Spielfilme ergänzen. Stefan Aust und Dirk Laabs haben bereits das Buch "Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU" veröffentlicht. Jetzt legen sie eine Dokumentation nach, in der Ermittler, Szene-Mitglieder und Insider zu Wort kommen sollen.

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