Serie Nachhaltigkeit Warum es besser ist, Müll zu vermeiden

Im EU-Vergleich sammeln die Deutschen daheim viel Müll. Dabei lebt es sich besser, indem man Müll besser trennt und vermeidet. Wie das funktioniert, zeigt der letzte Teil unserer Nachhaltigkeitsserie.
27.09.2019, 22:21
Lesedauer: 5 Min
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Warum es besser ist, Müll zu vermeiden
Von Eva Przybyla

Die Deutschen sammeln zu Hause viel Müll. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren es 2017 pro Kopf 463 Kilogramm Haushalts­abfälle. Dazu zählen etwa Haus-, Sperr- und Verpackungsmüll, Bioabfall, Glas, Elektrogeräte, Gartenabfälle und vieles mehr. Das ist im EU-Vergleich viel. Da ist Deutschland viertgrößter Produzent von Siedlungsabfällen – hinter Dänemark, Malta und Zypern. Am wenigsten Müll fällt demnach in Rumänien an, nicht einmal halb so viel wie in Deutschland.

Zu viel Müll, findet der Leiter des Instituts für Energie und Kreislaufwirtschaft an der Hochschule Bremen GmbH, Martin Wittmaier. Der Professor für Abfallwirtschaft sieht die Müllproduktion eng mit dem Lebensstil in Deutschland verknüpft. „Wir produzieren viel Müll, weil wir viel konsumieren“, sagt er. Die Menge an Müll spiegele den Wohlstand wider. So würden die Menschen in Deutschland viele Dinge kaufen, die schließlich alle irgendwann zu Müll werden.

Viele Politiker und Nichtregierungsorganisationen üben scharfe Kritik am enormen Müllaufkommen nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU. Im Jahr produziert die EU insgesamt 2,5 Milliarden Tonnen Abfall. Der Großteil davon sind Bauabfälle (34 Prozent) sowie Müll aus dem Bergbau und der Gewinnung von Steinen und Erden. Die privaten Haushalte machen gerade einmal acht Prozent der Abfälle in der EU aus. Trotzdem stehen sie häufig in der Kritik, insbesondere weil sie Unmengen an Plastikmüll verursachen. Plastikabfall verschmutzt die Ozeane und Meere, an ihm ersticken Wale und Vögel. Nach Angaben des Naturschutzbunds Deutschland kostet der Plastikmüll jedes Jahr bis zu 135.000 Meeressäuger und eine Million Meeresvögel das Leben.

Verbote über Verbote

Das EU-Parlament hat im März auf die anhaltende Kritik an der Vermüllung der Meere reagiert und ein Verbot von Wegwerfprodukten aus Plastik – etwa Strohhalme, Plastikbesteck und Wattestäbchen – auf den Weg gebracht. Und wenn der Gesetzentwurf von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) Erfolg hat, wären in Deutschland ab 2020 Plastiktüten verboten.

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Für den Abfallexperten Wittmaier ist die Plastiktüte jedoch nicht das größte Problem der EU – zumindest nicht in Deutschland mit seinen funktionierenden Abfallerfassungssystemen. „Plastik kann man wunderbar recyceln“, sagt er. Der Kunststoffabfall müsse lediglich in den dafür vorgesehenen Tonnen und Gelben Säcken landen und nicht in der Landschaft oder der Biotonne. Außerdem müsse das Plastik für ein Recycling möglichst sauber und sortenrein sein. Bei dem Design von Produkten sollen Hersteller nach Angaben des Abfallexperten unbedingt auf deren Recyclingfähigkeit achten. In der Realität machten sie das oftmals nicht. Beispielsweise werde etwa Tierfutter in Deutschland häufig in Verpackungen verkauft, die aus einem Verbund aus mehreren Kunststoffen bestünden, damit in die Verpackung kein Sauerstoff eindringen kann, erläutert der Abfallexperte. Dies lasse das Futter länger frisch aussehen, die Verpackung sei jedoch nicht recycelbar. „Hier sind andere Lösungen gefragt“, sagt Wittmaier.

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Antje Baum vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Bremen (BUND) rät Verbrauchern, mehr für Sortenreinheit im Gelben Sack zu tun. Sie könnten etwa offensichtlich verschiedene Kunststoffgemische bereits trennen, sagt die Abfallexpertin. Bei einer Plastikflasche könne man den Deckel abschrauben und den Ring abnehmen, der den Deckel am Flaschenhals gehalten hat. Wenn man diese drei Kunststoffarten getrennt in den Sack werfe, seien sie leichter zu recyceln. Aber auch die Herstellerseite sieht Baum in der Pflicht.

Die Abfallexpertin glaubt, dass auch diese ihren Plastikverbrauch bald reduzieren könnte. Denn sowohl auf EU- als auch auf Bundesebene würden die jüngsten Änderungen der Gesetze zum Umgang mit Abfällen und deren Vermeidung die richtige Richtung vorgeben: Umsetzung und Stärkung der Kreislaufwirtschaft. Dieses Modell sieht vor, dass Materialien und Produkte so lange wie möglich genutzt, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Dabei soll so wenig Abfall wie möglich entstehen. Für Baum setzt dieses Modell an wichtigen Punkten an. Sie betont jedoch, dass es nicht nur um das Recycling, sondern auch auch um die Vermeidung von Abfall gehe.

Plastikmüll landet häufig im Ausland

Recyceln bedeutet hier etwa, aus Plastikmaterialien Rezyklate herzustellen und diese dann wieder einzuschmelzen. Aus der Masse werden dann etwa neue Plastikartikel gemacht. In Deutschland scheint das auf den ersten Blick gut zu funktionieren. Nach Angaben von EU-Behörden lag Deutschland im europäischen Vergleich 2016 auf Platz eins beim Recycling und bei der Kompostierung von Siedlungsabfällen. Doch insbesondere beim Plastikmüll sieht es nicht ganz so rosig aus. Den verschiffen deutsche Firmen – wie auch kanadische und US-amerikanische Unternehmen – häufig ins Ausland. Die Hauptziele waren China, Vietnam, Thailand und Malaysia. Dort wurde der Müll unter schlechten Bedingungen für Arbeitnehmer und Umwelt sortiert und recycelt. Doch häufig wurde er auch nur verbrannt oder in Unmengen deponiert.

Im vergangenen Juni führten die Müllausfuhren zu einem internationalen Aufschrei. Unter anderem Malaysia weigerte sich, Berge von Plastikmüll ins Land zu lassen. „Wir sind nicht die Müllkippe der Welt“, sagte die malaysische Umweltministerin Yeo Bee Yin und versicherte: „Wir werden nicht erlauben, dass Malaysia zur Müllhalde für unerwünschten Plastikabfall wird.“ Nach Angaben des Umweltbundesamts kamen 2018 aus Deutschland etwa 130.000 Tonnen mehr oder weniger sortierter Plastikabfall nach Malaysia. Die Umweltschutzorganisation WWF beklagt einen gegenwärtig steigenden Export von Plastikmüll aus Deutschland in die Türkei.

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Doch wie auch in Deutschland lässt sich der Müll dort nicht zu 100 Prozent recyceln, weil das Plastik häufig verschmutzt und nicht sortenrein ist. Nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung beläuft sich die Recyclingquote von Plastikverpackungen global nur auf 14 Prozent. In Deutschland liege sie dem Plastikatlas der Stiftung zufolge zwar etwas höher, aber von einer Kreislaufwirtschaft könne kaum gesprochen werden. Nur etwa 15,6 Prozent der gesamten in Recyclinganlagen anfallenden gebrauchten Kunststoffprodukte werden demzufolge zu wiederverwendbarem Rezyclat verarbeitet. Davon seien nur weniger als acht Prozent mit Neukunststoff vergleichbar.

Gute Recyclingquoten gibt es bei Altglas sowie Papier und Pappe. Beim Recyceln ließen sich Energie und klimaschädliche Emissionen sparen, sagt Wittmaier. Großes Verbesserungspotenzial sieht er beim Bioabfall. Da seien die Verbraucher gefragt. Denn häufig würden etwa Kaffeekapseln oder Plastiktüten in der Biotonne landen. Darauf sei keine Kompostier- und keine Vergärungsanlage in Deutschland ausgerichtet. „Fehlwürfe sind ein wirkliches Problem bei der Kompostierung, hier ist unbedingt Aufklärungsarbeit notwendig“, sagt der Abfallexperte. In Bremen könne die Verwertungsquote etwa noch deutlich durch verbesserte Erfassungssysteme gesteigert werden. Das sei beispielsweise eine Pflichttonne für Bioabfall, erläutert der Wissenschaftler für Abfallwirtschaft.

Aber die Umweltorganisationen sind sich einig: Besser als jedes Recyceln ist die Müllvermeidung.

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Tipps für Verbraucher

Müll sauber trennen sorgt dafür, dass mehr davon recycelt werden kann. Aber was kommt in den Gelben Sack? Und was in die schwarze Tonne? Alle Antworten gibt die Bremer Stadtreinigung auf ihrer Internetseite www.die-bremer-stadtreinigung.de. Antje Baum vom BUND Bremen empfiehlt außerdem, möglichst wenig Abfall in den Restmüll zu werfen und stattdessen zu einem nahen Wertstoffhof zu bringen.

Baum rät auch dazu, das eigene Konsumverhalten zu überdenken, also etwa bei Gegenständen und Möbeln die Langlebigkeit in den Vordergrund zu stellen. Schon beim Kauf könnten Verbraucher auf die Wiederverwendbarkeit der Produkte achten. Sind Geräte oder Möbel defekt, empfiehlt die Bremer Stadtreinigung den Besuch von Repair Cafés. Dort erklären Profis, wie man sich selber helfen kann. Beim Kauf von Lebensmitteln empfiehlt Baum, möglichst Produkte ohne Plastikverpackung zu wählen.

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