Geschichten und Mythen

Was Menschen mit Eiern verbinden

Dass in Eiern neues Leben entsteht, hat Menschen schon vor Jahrtausenden veranlasst, ihnen eine besondere Bedeutung beizumessen. Alchemisten glaubten unter anderem daran, in einem ovalen Gefäß, den Stein der Weisen herstellen zu können.
10.04.2020, 08:01
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Was Menschen mit Eiern verbinden
Von Jürgen Wendler
Was Menschen mit Eiern verbinden

Verschiedene Eier liegen zur Anschauung in einem Korb im Weltvogelpark Walsrode. Es gibt weltweit ungefähr 12.000 verschiedene Vogelarten, von rund 8000 Arten sind Nester und Eier bekannt. Viele Geschichten und Mythen ranken sich um Eier.

Philipp Schulze

Dass in Eiern neues Leben entsteht – seien es Vögel, Reptilien oder andere Tiere –, hat Menschen schon vor Jahrtausenden veranlasst, ihnen eine besondere Bedeutung beizumessen. So ist das Ei nicht nur ein weitverbreitetes Fruchtbarkeitssymbol, sondern spielt zudem im Christentum als Symbol der Auferstehung eine wichtige Rolle. In den mythischen Vorstellungen zahlreicher Kulturen erscheint es als Sinnbild der Gesamtheit aller schöpferischen Kräfte, als sogenanntes Weltenei. Mit den naturwissenschaftlichen Fortschritten der letzten Jahrhunderte sind noch viele weitere Aspekte ins Blickfeld gerückt: von der Bedeutung der Eier für die Ernährung bis hin zur Frage, wie sich Eierschalen verwerten lassen.

In früheren Zeiten gab es unter anderem die Vorstellung von einem Ei, das am Anfang auf einem Urgewässer schwamm und die gesamte Welt mit ihren Elementen oder zunächst auch nur Himmel und Erde aus sich entließ. Darstellungen, in denen Eier in diesem Sinne verwendet werden, gibt es viele. So zeigt zum Beispiel eine Illustration aus dem 18. Jahrhundert ein Weltenei, um das sich in Spiralform eine Schlange gewickelt hat. Die Schlange dient in diesem Fall als Symbol für die Zeit. Andere Darstellungen zeigen mythische Menschengestalten, etwa chinesische Helden, die aus einem Ei hervorbrechen. Wegen seiner einfachen Form und der Vielfalt an Lebensformen, die sich aus ihm entwickeln können, ist das Ei nicht zuletzt zu einem Symbol der Vollkommenheit geworden. Auch die Vorstellung, dass ein Osterhase für Kinder Ostereier versteckt, ist sehr alt. Erwähnt hat sie bereits der 1704 gestorbene Heidelberger Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau.

Erst seit seiner Zeit hat die moderne Chemie nach und nach die sogenannte Alchemie abgelöst, deren Anfänge in der Antike liegen. Damals entwickelten Naturphilosophen die Idee, dass alle Materie aus den gleichen Grundstoffen bestehe. Alchemisten glaubten unter anderem daran, in einem ovalen Gefäß, einem sogenannten philosophischen Ei, den Stein der Weisen herstellen zu können, für den sie den lateinischen Ausdruck lapis philosophorum verwendeten. Die Alchemisten hofften, diese Substanz, der sie auch eine heilende Wirkung zuschrieben, in einem langwierigen Prozess aus der Ursubstanz, der sogenannten materia prima, erzeugen zu können.

Plädoyer für maßvollen Genuss

Gründe, sich näher mit von Tieren gelegten Eiern zu beschäftigen, gibt es für moderne Wissenschaftler eine ganze Reihe. So interessieren sie sich nicht zuletzt für die Rolle, die Hühnereier als Nahrungsmittel spielen. „Maßvoll genossen, können Eier den Speiseplan ergänzen und Bestandteil einer vollwertigen Ernährung sein“, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Zugleich weist sie darauf hin, dass sich aus den vorliegenden wissenschaftlichen Studien mit Blick auf mögliche Gesundheitsrisiken keine Obergrenze für den Eierverzehr ableiten lasse. Wenn gesunde Menschen zu Ostern mehrere Eier äßen, sei dies vermutlich unbedenklich. Gegen einen hohen Eierkonsum spreche allerdings die Tatsache, dass das Eigelb fett- und cholesterinreich sei.

Einem erhöhten Cholesterinspiegel wird nachgesagt, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu steigern. Schwedische Forscher haben vor wenigen Jahren eine Studie veröffentlicht, für die über einen Zeitraum von 13 Jahren gesundheitliche Daten von mehr als 70 000 Männern und Frauen gesammelt worden waren. Das Ergebnis: Wurden bis zu sechs Eier pro Woche verzehrt, ging dies nicht mit einem erhöhten Risiko einher, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Bei einem höheren Konsum nahm das Risiko jedoch zu.

Als gesund gelten Eier, weil sie wichtige Nährstoffe wie biologisch hochwertige Eiweißstoffe (Proteine), die Vitamine A und D sowie B-Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Vitamine und Mineralstoffe wie das als Knochenbaustein benötigte Kalzium oder das an der Produktion des Blutfarbstoffs beteiligte Eisen werden als Mikronährstoffe bezeichnet, Kohlenhydrate, Fette und Proteine als Makronährstoffe. Fette sind Träger der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K und liefern Energie. Proteine werden vom Organismus benötigt, um die Gerüste von Zellen und Geweben sowie Enzyme herzustellen. Enzyme sind Proteine. Sie steuern biochemische Reaktionen. So sorgen beispielsweise sogenannte Amylasen dafür, dass Stärke, die zu den Kohlenhydraten gehört, gespalten wird. Vitamine regulieren die biologischen Vorgänge im Körper, das heißt die Verwertung von Stoffen wie etwa Proteinen und Kohlenhydraten. Vitamin A beeinflusst unter anderem die Sehkraft und das Zellwachstum; Vitamin D fördert die Kalziumaufnahme; und B-Vitamine sind zum Beispiel für die Nerven von Bedeutung.

Eierschalen bestehen aus Kalziumkarbonat, einer chemischen Verbindung aus Kalzium, Kohlenstoff und Sauerstoff, die gemeinhin kurz als Kalk bezeichnet wird, und einer Fasermembran, die reich an Eiweißstoffen ist. Der Nachwuchs von Vögeln kann dank der Schale in einem geschützten Raum heranreifen. Neben der Schutzfunktion muss die Schale allerdings noch weitere Aufgaben erfüllen. So muss sie einen Gasaustausch ermöglichen und dazu beitragen, dass es im Innern des Eis nicht zu warm wird. Winzige Poren stellen sicher, dass Sauerstoff ins Ei hinein und Kohlendioxid und Wasserdampf aus dem Ei heraus ins Freie gelangen können. Dass Eierschalen auch für Menschen von großem Nutzen sein können, belegen die Erfahrungen von Gärtnern. Zermahlene Schalen lassen sich mit Wasser vermengen und zu Dünger verarbeiten. Pflanzen profitieren von den darin enthaltenen Nährstoffen.

Wenn sich zwei Menschen im Aussehen oder anderer Hinsicht stark ähneln, ist manchmal auch der Hinweis zu hören, sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Wortwörtlich sollte diese Wendung allerdings nicht genommen werden, wie zum Beispiel der Biologe Wolfgang Makatsch (1906 bis 1983) schon vor einem halben Jahrhundert in einem Buch mit dem Titel „Kein Ei gleicht dem anderen“ deutlich gemacht hat. Tatsächlich sind Vogeleier sehr unterschiedlich. Hühnereier sind weiß oder braun, und manchmal lässt sich bereits am Aussehen des Huhns ablesen, welche Farbe die Eier voraussichtlich haben werden. Bei reinrassigen Hühnern mit weißen Ohrscheiben beziehungsweise Hautlappen unter dem Ohr haben die Eierschalen meist eine weiße, bei Hühnern mit roten Ohrscheiben eine braune Schale. Handelt es sich hingegen um nicht reinrassige Hühner, lässt die Farbe der Ohrscheiben keine Rückschlüsse auf die Farbe der Eierschalen zu. Diese hängt davon ab, ob Farbpigmente in die Schale eingelagert werden und wenn ja, welche. Rote Pigmente stammen aus dem Blut, gelbe aus der Galle. Der Braunton entsteht bei der Vermischung beider Farbpigmente. Bei weißen Eiern werden keine Farbpigmente eingelagert.

Gründe für unterschiedliche Farben

Grundsätzlich gilt für das Erscheinungsbild von Vogeleiern, dass es einen Zusammenhang zwischen der Farbe und dem Standort des Nestes gibt. Nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung haben Eier, die wie die der Stockenten oder Feldlerchen am Boden liegen, eine bräunliche Färbung. Vögel wie Amseln oder Drosseln, die ihre Nester unter anderem in Hecken bauten, legten hingegen grün- bis bläulich gefärbte Eier. Färbung und Muster dienen demnach der Tarnung, das heißt dem Schutz vor Eierräubern. Vogelarten, die schwer einsehbare Orte wie Höhlen nutzen, können es sich leisten, helle oder auch weiße Eier zu legen. Als Beispiel für eine solche Art nennen Fachleute den Specht.

Dass Menschen Eier nicht ausschließlich mit angenehmen Vorstellungen verbinden, zeigt der Hinweis, etwas stinke nach faulen Eiern. Eiweiß enthält Schwefel, und wenn Bakterien das Eiweiß zersetzen, entsteht eine Verbindung aus Schwefel und Wasserstoff, die äußerst unangenehm riecht. Hersteller von Stinkbomben machen sich Schwefelwasserstoff ebenso zunutze wie etwa die in Nordamerika beheimateten Stinktiere. Wenn sie angegriffen werden, versprühen sie ein übel riechendes Sekret. Schwefelwasserstoff ist auch in Erdöl und Erdgas enthalten. Schwefel ist ein besonders reaktionsfreudiges Element, das unter anderem in der Erdkruste anzutreffen ist. Oft taucht es in Verbindungen mit anderen Stoffen auf, so zum Beispiel bei Vulkanausbrüchen, bei denen große Mengen an solchen Verbindungen freigesetzt werden. Auch in Erzen ist Schwefel zu finden. Er hat die Eigenschaft, gut zu brennen, und dabei verbindet er sich mit Sauerstoff zu Schwefeldioxid, einem giftigen Gas, das die Schleimhäute reizt und Bakterien abtötet. Letzteres war der Grund dafür, dass dieses Gas früher zum sogenannten Ausschwefeln von Weinfässern genutzt wurde, das heißt: Es half, Keime abzutöten.

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