Luftqualität und Gesundheit

Was Sie über Feinstaub wissen müssen

Er ist für das Auge unsichtbar und schädlich für die Gesundheit: Feinstaub. Die Grenzwerte der EU werden zwar eingehalten, die Weltgesundheitsorganisation warnt trotzdem vor Risiken durch den Luftschadstoff.
25.07.2019, 20:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Pierre Fellmer
Was Sie über Feinstaub wissen müssen

Vor allem Dieselmotoren sind Erzeuger der feinen Partikel, aber auch der Abrieb von Bremsen und Reifen erhöht den Gehalt in der Luft. In Städten ist der Straßen-­verkehr die Hauptquelle von Feinstaub.

KRAUFMANN/dpa

Die Luftqualität in Deutschland beschäftigt seit 2018 Politik und Medien. Weil in vielen Städten die Grenzwerte für Stickoxide zu häufig überschritten wurden, hat die EU-Kommission Deutschland und fünf weitere Mitgliedsstaaten verklagt. Seither wurde über Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung debattiert, über Fahrverbote gesprochen. Im Januar 2019 stellte der Lungenfacharzt Dieter Köhler die Grenzwerte infrage, etwa einhundert Fachmänner schlossen sich ihm an. Auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) begrüßte die Initiative. Im Februar gab Köhler bekannt, dass er sich verrechnet hatte und falsch lag: Er hatte unter anderem die Stickoxidbelastung an Hauptverkehrsstraßen mit der von Rauchern verglichen, die Auswirkungen des Zigarettenqualms aber falsch eingeschätzt. Es war die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Sachlichkeit zurück in die Diskussion brachte: Im April veröffentlichte die Gelehrtengesellschaft eine Stellungnahme. Die Debatte um Stickoxide allein sei nicht zielführend, Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Aber was ist Feinstaub überhaupt und wie gefährlich ist er?

Feinstaub sind winzige Teilchen in der Luft, die mit dem Auge nicht sichtbar sind. Je nach Größe der Partikel wird er in unterschiedliche Kategorien unterteilt: Sind die Teilchen im Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer (μm), spricht man von PM10 (Particulate Matter). Zum Vergleich: Ein durchschnittliches menschliches Haar ist etwa 50 bis 70 Mikrometer dick. Partikel kleiner als 2,5 Mikrometer im Durchmesser gehören zur Kategorie PM2,5. Und es gibt ultrafeine Partikel mit Durchmessern kleiner als 0,1 Mikrometer. Diese sind deutlich kleiner als etwa Körperzellen wie rote Blutkörperchen.

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Erzeugt wird Feinstaub auf viele Arten. Auch dabei wird er unterteilt – in primären und sekundären Feinstaub. Primärer Feinstaub entsteht unmittelbar an der Quelle, also etwa bei der Verbrennung eines Treibstoffs wie Benzin. Als sekundär bezeichnen die Wissenschaftler den Feinstaub, wenn Substanzen in der Luft chemisch miteinander reagieren – etwa Stickoxide und Ammoniak. Laut Umweltbundesamt (UBA) entsteht Feinstaub hauptsächlich durch menschliches Handeln: Bei der Verbrennung in Motoren und Öfen, in der Industrie bei der Stahlerzeugung oder im Straßenverkehr. Vor allem Dieselmotoren sind Erzeuger der feinen Partikel, aber auch der Abrieb von Bremsen und Reifen spiele eine Rolle, informiert das UBA auf seiner Internetseite. Eine weitere Quelle ist Baumaterial wie Sand oder Kies, das an Baustellen abgeladen wird. Auch die Landwirtschaft verursacht Feinstaub: Bei der Tierhaltung entsteht Ammoniak, das in der Luft mit Stickoxid aus Dieselmotoren reagiert. Die Feinstaubbelastung ist in Städten größer als auf dem Land. In ersteren ist laut UBA der Straßenverkehr die Hauptquelle von Feinstaub. Extrem hoch ist die Belastung an Silvester: Durch Feuerwerksraketen, Knaller und Böller entstanden zur Jahreswende 2017/2018 insgesamt 4 500 Tonnen Feinstaub (PM10) – ein Sechstel dessen, was der gesamte Straßenverkehr im Laufe eines ganzen Jahres produziert.

Je nach Größe richtet Feinstaub unterschiedliche Schäden im Körper an: PM10 kann beim Menschen bis in die Nasenhöhle eindringen, PM2,5 bis in die Bronchien in den Lungen. Ultrafeine Partikel können bis in das Lungengewebe oder ins Blut eindringen. Dort können die Teilchen unter anderem Entzündungen der Schleimhäute, der Luftröhre oder der Bronchien verursachen. Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher, schreibt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf seiner Internetseite. Vor allem die ultrafeinen Teilchen wie Rußpartikel gelten als krebserregend. Feinstaub kann außerdem Asthma, Allergien, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen auslösen. Das Umweltbundesamt geht nach aktuellen Berechnungen für das Jahr 2015 von 41 500 zurechenbaren Todesfällen und entsprechend 406 500 verlorenen Lebensjahren aufgrund von Herz- und Lungenerkrankungen sowie Lungenkrebs durch Feinstaub in Deutschland aus.

Die Europäische Union (EU) hat Grenzwerte festgelegt, um die Bevölkerung zu schützen: Danach darf der Jahresmittelwert bei PM10 nicht über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) liegen, für PM2,5 nicht über 25µg/m³. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es allerdings keinen Schwellenwert, unterhalb dessen Feinstaub die Gesundheit nicht gefährdet – bereits in geringen Konzentrationen sei er potenziell gesundheitsschädlich. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt daher niedrigere Werte: 20 µg/m³ für PM10 und 10 µg/m³ für PM2,5 – also in etwa die Hälfte der EU-Grenzwerte. Laut Dietrich Plaß vom UBA orientiert sich der EU-Grenzwert nicht nur an gesundheitlichen Aspekten, die WHO-Empfehlung hingegen schon. Die WHO arbeite außerdem an einer Aktualisierung der Grenzwerte, eine noch niedrigere Empfehlung gelte als sehr wahrscheinlich.

Im Vergleich zu den 1990er-Jahren hat sich die Luft in Deutschland deutlich verbessert. Im Jahresbericht Luftmessnetz 2017 der Stadt Bremen finden sich die Jahresmittelwerte für PM10 seit 1987: Die Hintergrundmessstation am Präsident-Kennedy-Platz hat für das Jahr 1987 noch einen Wert von 39 µg/m³ ermittelt, 2017 waren es nur noch 17 µg/m³.

Eine vorläufige Auswertung zur Luftqualität aus dem Jahr 2018 des UBA hat ergeben, dass nirgendwo in Deutschland im Jahresmittel der EU-Grenzwert für PM2,5 überschritten wurde. Allerdings wurden die strengere Empfehlung der WHO an 93 Prozent aller offiziellen Messstationen überschritten. So zeigt die vorläufige Auswertung zur Luftqualität 2018 in Bremen, dass die Messstationen Bremerhaven, Bremen-Ost und Bremen Hasenbüren höhere Werte im Jahresmittel als von der WHO empfohlen verzeichnen.

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